Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1881)
- Date
- 1881-01-25
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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5S Frage wurde an anderen Orten, z. B. Brüssel, Hamburg, Leipzig nicht das Verbot in der Weise geltend gemacht, daß eine jüdische Leiche in der Nähe eines Kreuzes nicht begraben j werden dürfe, als vielmehr, daß, da an dem Grabe ossiciell! und von den Hinterlastenen Gebete verrichtet werden, dies am Fuße eines Kreuzes nicht geschehen könne, wozu dann zweitens der dauernde Besitzstand des Grabes als zweites! Motiv betont wurde. Der Einwand des Oberbürgermeisters, daß dann die Juden in einem Orte, wo aus dem Kirchthurm ein Kreuz steht, nicht wohnen dürften, ist darum hinfällig, weil das Kreuz zur Kirche gehört, in der allerdings die Juden nicht beten. Ganz unzutreffend ist es, zu sagen, daß die Juden die Aufrichtung eines Kreuzes „verwehren" woll ten, da ja gerade im Gegentheil der Antrag der Juden dahin geht, der christlichen Sitte ihr Recht zu bewahren, aber auch ihrer religiösen Sitte in dem abgesonderten Theile Raum zu lasten. Redakt.) Straßburg, 9. Januar. (Privatmitth.) Tie a ntifcmitische Agitation in Deutschland hat in unsrem Reichslande keinerlei Wirkung gehabt, und die wenigen heimlichen Bundesgenosten derselben vermochten keinerlei Kundgebung hervorzubringen. Bor Kurzem fand ein ganz privates Rencontre zwischen einem Christen und einem Juden, beide angesehene Männer, statt, das aber mit dem Antisemitismus gar nichts zu schaffen hatte. Flugs war die „Metzer Zeitung" bereit, dies zu einer antisemitischen Agitation aufzubauschen, hatte jedoch das Unglück, daß unterdeß die beiden Herren! sich in freundschaftlicher Weise verständigten. Tie hiesige, „Presse" vom 7. Januar macht hierzu folgende Bemerkung:! Die antisemitische Agitation ist eine ausländische Pflanze,! die auf elsässischem Boden heimisch zu machen den edeln Be-! mühungen der „Metzer Zeitung" nicht gelingen wird. Wir, überlasten Andern jene Vorurtheilc und jene Leidenschaften,, welche aus barbarischen Zeiten stauimen. Bei uns haben immer, ohne Kulturkampf, in gutem Einvernehmen und unter freundschaftlichem Verkehr Israeliten, Katholiken und Protestanten nebeneinander gelebt und wenn Wetteifer vorhanden war, so konnte derselbe nur auf dem Gebiete der Mildthätigkeit und des Patriotismus stattgesunden haben. Nürnberg, 16. Januar. Der Korr. v. u. f. Deutschland meldet: Das bairische Ministerium des Innern hat infolge des Umstandes, daß die von Berlin ausgehende antisemitische Bewegung auch in Baiern Boden zu gewinnen sucht, die Districtspolizeibehörden angewiesen, diesen Berbültniffen die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden, und dafür zu sorgen, daß veranlaßten Falls durch aufklärende Belehrung und soweit es nöthig, durch Geltendmachung gesetzlicher Mittel der Bewegung in ihrem Entstehen wirksam entgegen getreten werde. - Ulm, im Januar. (Privatmitth.) In der vorigen Nummer bemerkte ein Berliner Corrcspondent, daß die gegen, wärtige Judenverfolgung viele Männer, die sich der jüdischen Gemeinschaft schon sehr entfremdet hatten, ihr wieder zuführe. Ich kann von hier ein Beispiel für diese Wahrnehmung anführen, indem ich auf einen trefflichen Aufsatz in dem freimaurerischen Blatte „Die Bauhütte" (redigirt von Findel in Leipzig) Jahrg. 2:'», Nr. öl52 vom 18. Dez. aufmerksam mache. Dieses, unter den Freimaurern viel verbreitete Blatt, hatte von einem „Süddeutschen Logenbeamten" einen Aufsatz gebracht, der dem Judcnkhnm im Vergleich zur Freimaurerei uud dem Christeuthum in parteiischer Weise Uebles nachgesagt hatte. Hierauf richtet IV. Gustav Maier von hier einen „Offenen Brief" an diesen, worin er zwar sich gewissermaßen als „confessionslos" bekennt, aber in allen praktischen Beziehungen den die Juden gegenwärtig gemachten Anschuleigungen in zutreffendster Weise entgegentritt. Er erwidert vor Allem, wie ungerecht es fei, sich ein ideales Christenthum aufzubauen, und von diesem aus das wirkliche Judenthum für „verknöchert" auszugeben, während wir Juden ebenso ein ideales Judenthum aufrichten können und aufgerichtct haben, vor welchem das wirkliche Christenthuin nicht minder als verknöchert angesehen werden könnte. Vou hier aus geht er die einzelnen Borwürfe, die den Juden gemacht werden, durch und entwaffnet sie. Wir können dem Verfasser hierin nicht folgen; und heben nur hervor, wie er betont, daß, um als Jude einen guten Ruf zu erhalten, viel mehr Ansprüche an ihn erhoben werden, als an die Christen; er leugnet, daß bei den Juden eine Antipathie gegen die Christen vorhanden sei, wie diese sich so oft bei den letzteren gegen die ersteren bemerklich macht und versichert, daß wir am liebsten aller Erinnerungen aus der traurigen Vergangenheit uns verschlagen. Er bemerkt nachdrücklich, daß wir unsere Emancipation nicht als Gnade und Wohlthat, sondern als das einfache Menschenrecht verlangt haben und behaupten. Sehr treffend sagt er: „Es ist ein gar traurig Ding, daß eine Minorität, lind nun gar eine konfessionelle Minorität, es nie allen Leuten recht machen kann. Ziehen wir uns zurück, so klagt man über Abschließung; kommen wir in die christliche Gesellschaft, so sind wir aufdringlich. Geben wir wenig aus, so nennt : man uns schäbig; lasten wir etwas unter die Leute kommen, so gelten wir für vrotzig. Lassen wir uns taufen, so zuck: man über das Apostatenthum die Achseln: bleiben wir äußer lich bei dem Glauben der Väter, so werden wir der Abneigung gegen das Christeuthum geziehen. Berheiligeu wir uns nicht an der Politik, so zeiht man uns des Mangels an Vaterlandsliebe; reden wir aber drein, so wirft man uns Anmaßung vor'. — (Ja, ja lieber Br., das Parket des öffentlichen Lebens ist für den Juden sehr schlüpfrig und cs