Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 122 (11.10.1838)
- Date
- 1838-10-11
- Page
- Seite 494 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224979--01344-3307907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
494 nah fünfzehn Jahre besteht, hat den schönen Zweck, der armecn Klaffe der uns zunächst umgebenden Glaubensgenoffen das Erlernen der Handwerke und das Hingeben zu edlen Berufsbeschäftigungen zu erleichtern und zu begünstigen. Es hat das Institut schon manches Gute bewirkt, es hat schon viele Jünglinge einer elenden Bestimmung entzogen und ihnen eine ehrbare Existenz verschaft. Aber die Theilnahme für unfern Verein ist gegenwärtig Ln mehrfacher Beziehung im Wachsen begriffen. Nicht allein, daß die Mitgliederzahl zunimmt, bürgt uns für das Gedeihen der Gesellschaft, sondern weit mehr, daß die Anerkennung der Nothwendigkeit eines solchen Jnstitus im Wachsen ist. Man fühlt täglich mehr in unsrer Gemeinde, daß der armem Jugend Wege zu edlerem Erwerb geöffnet werden müssen, damit sie der Gesammtheit dereinst nicht nur nicht lästig werde, sondern sogar zur Ehre gereiche. Es kann auch durchaus nichts heilsameres für uns geben, als daß wir möglichst viele unsrer jungen Glaubensbcüder für die Handwerke begeistern, und ihnen, wenn es nöthig ist, auch die Mittel darreichen, etwas Tüchtiges Ln der Werkstatte zu erlernen. Damit widerlegen wir auf die edelste Weise die Verleumdung der Arbeitsscheu, die so albern ist, daß nur die Dummheit und die Bosheit dieselbe als Waffe gegen uns kehren mögen. Wir aber wollen vor den Augen der Welt zeigen, daß wir thatige, emsige und nützliche deutsche Staatsbürger sind, die von solchen Verleumdungen nicht berührt werden können! —* Correspoudenzeu, Auszüge, Repliken. Venedig, 1. August. Die israelitische Gemeinde. •) Es giebt Wahrheiten, die noch so oft wiederholt und bewiesen, doch immer nicht allgemein und vollkommen genug anerkannt werden, weil Eigennutz und Vorurtheile und vielleicht mehr als dies alles, alte Gewohnheit dagegen kämpfen. Doch dringen sie endlich durch, der gesunde Menschenverstand, daö Studium des menschlichen Herzens und der menschlichen Schicksale in der Geschichte gewinnen in Kurzem oder Langem die Oberhand, ein glänzendes Licht gebt auf, und vergebens bemühen sich die Blödsichtigen es zu löschen, weil eö ihren schwachen Augen zu stark ist. Schlagen wir die Bücher der Geschichte, dieser großen Lehrerin der Menschheit auf. t Ueberall thut sich der Einfluß der Negierungen auf das Gemüth der Menschen kund, überall sehen wir klimatische und andere Umstände in der Bildung der Völker eine wichtige Nelle spielen. Und indem dies allgemein zugeftanden wird, sollen die Juden allein eine Ausnahme machen! Sie allein verhöhnt, bedrückt, verfolgt, — ja oft riicdergemetzelt, und dem Scheiterhaufen übergeben, — sollten bei solcher Behandlung ihren Charakter nicht verschlimmern, und wenn einmal, — wie es °) Man vergesse nicht, daß daö Folgende nicht allzufem von italienischen Ghetto'ö geschrieben ist, und darum wollten wir unsren ital. Glaubensgenossen sich unverändert auösprechen lass«. Red. wol nicht anders fein konnte — zvm Schlimmen gebracht, immer und ewig dabei verharren, wenn auch die Ursachen, die sie dazu getrieben haben, weggefallen sind. — e Ist das eine Logik'! Von allen Wegen zu einem bürgerlichen Erwerbe zurnckgewicsen, aufö Geld allein beschränkt, ihres Aufenthaltes im Lande, ja ihres Lebens ungewiß, was blieb ihnen übrig als zu eben diesem Gelde ihre Zuflucht zu nehmen, und darin Ersatz für alle sonstige Entbehrungen zu suchen? In der Nothwendigkeit, ihre Neichthümer durch ein elendes A'eußereS zu verbergen, in enge Gäßcl>en verwiesen, allen Ungemachlichkeiten deö Lebens preis gegeben, wie hätten sie sich den ihnen vorgeworfenen Schmutz nicht angewöhnen sollen? Nicht eine menschliche, eine übernatürliche Lugend wäre erforderlich gewesen, bei solchen Umständen nicht tief herabzusinken — und so eine Lugend nicht von einem einzelnen Menschen, von einem ganzen Volke verlangen! Für die Behauptung, daß an dem Herabsinken der Juden, bloö ihre mißliche Stellung in der Gesellschaft Schuld war, sprechen die Lhaten laut. Seitdem eine bessere Gesetzgebung, menschlichere Ansichren, daö Benehmen gegen sie glimpflicher machten, seitdem ihnen einige Wege deö bürgerlichen Gewerbes eröffnet wurden, hat sich, wir dürfen es sagen, Vieles unter uns gebessert, ja mit Stolz sagen, denn schwerlich wäre ein anderes ^Volk nach so vieler Schmach und Erniedrigung, so leicht fürs Bessere empfänglich gewesen. Es ist ja kaum ein halbes Jahrhundert verflossen, und die Früchte einer bessern Behandlung stehen schon da, was noch an Dornen und Disteln bleibt, wird die wohlthatige Hand des Pflegers mit der Zeit ausreißen, achtzehn Jahrhunderte lang dauerte die Verwilderung, die Zertretung aller Knospen des Guten und Schönen, das mögen die wohlgesinnten Negierungen beherzigen und dem tiefgedrückten Volke eine mitleidige Hand reichen: und dies Werk der Menschlichkeit und der Pflicht wird Dankbarkeit und ein schnelles Fortschreiten nach dem Guten reichlich belohnen. So blieben dem Einflüsse besserer Zeiten die Israeliten in Venedig nicht fremd. Ihre jetzige Gemeinde besteht aus mehr als 2000 Seelen und die erfreulichsten Bestrebungen thun sich darin kund, welche wir nun unseren Behauptungen zum Belege, unparlheiisch auseinander setzen wollen. Was zuerst den Standpunkt der Religion betrisst, giebt eö der streng Beobachtenden in der venezianischen Gemeinde noch viele, und zwar auch unter den angesehensten Familien. Diese sind freilich allen Neuerungen abhold, doch dabei gegen Andersgesinnte tolerant und eö entstand nieNeligionö halber ein Zwist in der Gemeinde. Wenn auch die meiste Jugend freier denkt, und sich manches erlaubt, so geschieht's doch nie mit erheblichem Aergerniffe, wogegen einige unter denselben die besten Gesinnungen hegen und sich nur nach einem weiteren Wirkungskreise sehnen, um Gutes zu stiften. Dem Gottesdienste find 8 Synagogen nach dem verschiedenen Ritus bestimmt; für die Gemeinde zwar zu viel, da sie bei der* mahliger Zerstreuung der Glaubensgenossen in der ganzen weiten Stadt, nicht so fleißig besucht werden können^ aber altes Vorurrheil widersetzt sich der Aufhebung der überflüssigen. In die spanische, welche die größte und schönste, wurde seit mehren Jahren auf besondere Veranlassung deö Hrn. Giacomo LreveS Edlen von Bonfili der Choralgesang an allen Samst- und Feiertagen eingesührt, übrigens an den Gebetformeln nichts abgeänderr, so daß keiner der Bigotten sich ein Bedenken daraus macht, diesen Tempel mitzubesuchen. EineCentralisation dieser Synagogen und ihrer Einkünfte würde gewiß zweckmäßiger sein, denn alsdann würde auch« die Auswahl würdiger Vorbeter möglicher werden. An einem tüchtigen Prediger fehlt es noch hier, man muß aber gestehen, daß unsre dermaligen Predigten, wenn auch an Geschmack und Sprache mangelhaft, doch sich nicht viel mit Medraschim und Ka b a listerer abgeben, sondern immer einen moralischen oder religiösen Stoff behandeln. Von bessern und zeitgemäßeren Predigten haben die angehenden jungen Rabbinen auS dem Collegio zu Padua einige Versuche mit Glück und allgemeinem Beifall gemacht. (Schluß folgt.) Redacteur: Dr. L. Philipp^^ — Verlag von Baumgärtnerö Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.