Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1881)
- Date
- 1881-01-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 scher Juden bei dem Kaiser. Eingedenk des ungeziemenden Wortes, das ihm entschlüpft war, hielt er sich abseits, der Kaiser jedoch rief ihm zu: „Kommen Sie nur näher, hier wird nicht geschoren." Aus Ungarn, im Nov. (Privatmitth.) Aus Fünf' kirchen wird geschrieben: Der Holzhändler Herr Adolf Engel hat in der letzten Gcneralverfammlung der hiesigen israel. Religionsgemeinde angemeldet, daß er 30,000 Gulden aus feinem eigenen Vermögen auf die Erbauung eines Schulhauses verwende, mit der Bedingung jedoch, daß die Unterrichtssprache die ungarische sei und daß die Gemeinde für die Benützung des Schulgebäudes f.00 Gulden Miethe alljährlich bezahle. Diese GU) Gulden soll die Gemeinde zur Unterstützung von Rigorosanteu, angehenden Gewerbsleuten oder zur Berheirathung von Töchtern Fünfkirchner israel. Lehrer verwenden. - Aus Pest wird mitgetheilt: Aus dem sJientraer Comitat ist eine jüdische Deputation hier eingetroffen, um beim Minister-Präsidenten Beschwerde zu führen gegen eine Verfügung, durch welche die Juden verhalten werden, gewisse Natural - Abgaben au katholische Geistliche zu leisten. — Aus Miskolcz wird geschrieben: Bor einigen Jahren hat sich hier eine hyperorthodoxe Gemeinde gebildet, welche sich „sefardische Gemeinde" nennt. Dieselbe überschwemmt jetzt sämmtliche Gemeinden des Jn- und Auslandes mit Losen einer Effecten-Lotterie, deren Erträgnis; zum Bau eines Bethauses u. s. w. verwendet werden soll. Der Vorstand der orthodox-israelitischen Gemeinde constatirt nun, daß sie mit der sogen, sefardischen Gemeinde nichts gemein hat. Brunn, 21K November. Hiesige Blätter schreiben: Wer sich von der Dankbarkeit überzeugen wollte, die unsere jüdischen Mitbürger dem Andenken des Schützers der Menschheit auf dem Throne Oesterreichs zollen, mußte gestern Abends den israelitischen Tempel auffuchcu, wo sich ein das Gotteshaus bis in den letzten Winkel füllendes Publicum zur Feier eingefundeu hatte. Die jüdische Schuljugend, Alt und Jung, Männer und Frauen waren versammelt, um das Andenken Kaiser Joseph» zu ehren. Nach Schluß des alltäglichen Abendgebetes begann die Feier mit einem Orgel-Präludium, woran sich der weihevolle Bortrag des Psalmes 72 durch Cantor Schwarz reihte. Der Mittelpunkt des Ganze» war die von ebenso viel Verehrung für des Gefeierten Erscheinung, wie verständnißvoller Würdigung seiner historischen Bedeutung zeugende, tief ergreifende Rede des Predigers Dr. Placzek, die sich zu einer wahren Apotheose Kaiser Joseph's gestaltete. Mit Absinzung des Psalms U>0 schloß der weihevolle Gottesdienst. Linz, a. d. Donau, im Dec. Das Zusammcnströmen einer frommen Menge zum ultramontanen Partei-Convcntikel am 22. d. M. wollte man auch zur Förderung einer Iudenhetze benützen. Bor Beginn der Versammlung, als eben die „Gläubigen" in Hellen Haufen zur Bolksfesthalle zu strömen begannen, erschien vor derselben ein Mann mit einer schweren Schubkarren-Ladung von Broschüren, lud dieselben ab und betraute einen Dienstmann damit, die Broschüren gratis zu vertheilen. Die Broschüre, 20 Seiten stark, und in Berlin gedruckt, führt den Titel „Zur Judenfrage." Nachdem bereits ein Theil der Broschüre vertheilt war, kam die Polizei dahinter und confiscirte den Rest. Großbritannien. London, 16. Rov. Man schreibt von hier der Nationalzg : Nicht ohne Verwunderung nimmt man hier Kenntniß von den neuesten Vorgängen in der deutschen Reichshauptstadt, welche sich auf die Juden beziehen. Das hätten sich die Engländer nicht träumen lasten, daß in dem Paterlande Lefsing's nach der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches noch einmal eine „Judenfrage" aufgeworfen werden könnte. Soweit sich die Presse bisher über die antisemitische Bewe gung in Deutschland geäußert, ist ihr Verdikt gegen die Herren Stöcker und Genossen ausgefallen. „Es ist nicht sehr ruhmwürdig für die Nation" — schreibt die „St. James' Gazette" — „welche Anspruch darauf macht, die gebildetste in Europa zu sein, daß es Herrn Stöcker gelungen ist, einen beträchtlichen Eindruck auf einen ziemlich großen Theil derselben zu machen.Das soeben veröffentlichte Manifest läßt in feinem Ton nichts zu wünschen übrig, aber leider dürfte es nicht die Beachtung der Klaffen finden, deren Gebühren cs verdammt." Die „Times" schreibt: „Tie ganze Streitfrage würde keine Beachtung verdienen, wenn die unwürdige Bewegung nicht von einigen Männern von Bedeutung und Ansehen unterstützt würde. Wir bemerken jedoch mit Freuden, daß die edleren Geister Deutschlands der Bewegung nicht nur ferner sichen, sondern aufs Nachdrücklichste dagegen protestiren. Wenn die Juden bessere Männer als die Deutschen sind, um so schlimmer für die Deutschen, solange sie aber keine schlechteren Bürger sind, ist kein rationeller Grund zur Klage vorhanden, welchen der Staat berücksichtigen könnte. Die Zeiten für die Befriedigung des bloßen Racenhasses sind längst dahin. Was in Deutschland hochherzig gesinnt ist, wird mit dem Protest übereinsiimmen, welcher der beredten Feder Professor Mommsens zugefchrieben wird. Alles Niedere und Gemeine und Verächtliche wird sich der Judcnhetze anschließen. Außerhalb Deutschlands wird sich, wir sind dessen überzeugt, dieses Wiederaufleben der Leidenschaften vergangener Jahrhunderte geringer Sympathien erfreuen. Es ist eine Satire auf die Cultnr, die Deutschland so hoch anschlägt, eine Schmähschrift auf die deutsche Gemüthlichkeit, daß in Berlin — der Stadt,