Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1880)
- Date
- 1880-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Leitung des Iudenthums. Em unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich I einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Preis , Vierteljährig 3Mark. Inserate werden > mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petit-! zeile oder deren Raum berechnet. > Alle Postämter (Postzeitungsliste Nr. 95) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. | Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philippsou in Bonn. Verlag von Baumgärtucr's Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten wende man stch an vr. 1. B&ttippfon in Bonn; hinfichtlich der Inserate an St. Moffe in Leipzig uud dessen Filialen in Berlin. Breslau re. Zalrratk, welche bis somierrtag eingehen, stnden in der daraufsolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Luhrguug. Leipzig, den 7. December 1880. 49. Inhalt. Leitende Artikel: Die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. — Zum hundertjährigen Sterbetage Gotthold Ephraim Lessing. — Erklärung. — Die Verhandlungen im ungarischen Abgeordnetenhanse über allgemeine Religionsfreiheit. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Bonn, Insterburg. I müssen, nicht verfolgen. Aber er wird sich bald sagen, daß £cifc»ic'c CUti trat. Bonn, 19. November. Die Verhandlung -es preußischen Abgeordnetenhauses. Wenn ein Ausländer, der mit den deutschen Verhältnissen nicht sehr vertraut wäre, am 20. und 22. November in dem preußischen Abgeordnetenhause verweilt, die langen Reden, zu welchen die Parteien ihre besten Kämpfer gestellt, gehört und die Erhitzung der Gemüther gewahrt hätte, die sich insbesondere durch die unaufhörlichen Unterbrechungen der Redner von beiden Seiten her bekundete, wenn er die Tribünen überfüllt und den Platz vor dem Hause der Abgeordneten von dichten Maffen besetzt gesehen hätte, so mußte er glauben, daß es sich hier um den bedeutendsten Theil der deutschen Nation, um die wichtigsten und eingreifendsten Fragen der nationalen Wohlfahrt, um Sein oder Nichtsein des deutschen Reiches handele. Wie würde er erstaunen müssen, daß es nur die fingirte und künstlich übertriebene Bedeutung gelte, die man aus sehr kalten Berechnungen, aber in der leidenschaftlichsten Weise dem achtzigsten Theil -er ganzen deutschen Bevölkerung unterschiebt, den man in materieller wie geistiger Beziehung als gefährlich für das gesammte Volk ausgiebt, daß als Hauptftage gestellt sei, ob die verfasiungsmäßige Gleichberechtigung diesem kleinen Theile des Bottes bewahrt bleiben solle? Wir wollen die Gedanken, die sich dem Fremden bei dieser Wahrnehmung aufdrängen hinter diesem Phänomen doch ein Anderes noch liegen müffe, daß die Bekämpfung eines solchen Grundelements des modernen Staates, daß eine solche Behandlung einer geringen und machtlosen Minderheit ein ganz anderes Ziel haben müsse, daß man zwar solche Dinge einem augenblicklich aufgeregten Bolkshaufen, aber keinen leitenden Parteien und deren Führern zutrauen dürfe. Und ist er dann den zweitägigen Verhandlungen gefolgt: so wird ihm, was auch offen ausgesprochen ward, klar werden, daß die Bewegung gegen die Juden nichts als ein verkappter Feldzug gegen den Liberalismus, gegen alle liberalen Institutionen und Gesetze des Reiches, ja gegen das deussche Reich selbst ist, daß die alten ererbten Borurtheile gegen die Juden nur als Anknüpfungspunkte und Mittel verwendet werden, um inr Volke der Reaction einen breiteren Boden zu gewinnen, und daß die Führer der antisemitischen Bewegung und namentlich Stöcker nur Werkzeuge für die reactionären Parteien sind. Es wird ihm nicht schwer weiden, dies zu erkennen, wenn er sieht, wie die Rechte und das Centrum ficb vereinigen, um die Antisemiten in Schutz zu nehmen und zu vertreten. Einen Augenblick könnte er hieran zweifelhaft werden, wenn er auf das Verhalten der liberalen Parteien bei dieser Verhandlung selbst einen Blick wirft. Ist doch die Interpellation nur von der Fortschrittspartei und den Secessionisten eingebracht; sind doch aus diesen beiden Fractionen allein die tapferen Kämpfer für das Recht und zum Schutze der Angegriffenen aufgetreten; hat doch die national-liberale Partei 49