Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1880)
- Date
- 1880-11-30
- Page
- Seite 764 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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764 zu Alzei werde der dortige Rabbiner behufs Ertheilung des Religionsunterrichts angestellt und für dieselbe aus der Staatscaffe honorirt werden. Dieses ist denn auch geschehen. Anfangs dieses Monats ist das Seminar feierlichst eingeweiht und eröffnet worden. — Unterdessen hat aber die orthodoxe Partei in Frankfurt a. M. die Sache in die Hand genommen. Seit längerer Zeit sendet sie 2 mal wöchentlich einen Lehrer aus dem Hirsch'schen Lehrerpersonal nach Friedberg, um die dortigen Seminaristen zu unterrichten. Der Unterricht soll, wie man hört, im Rabbinischen bestehen. Auch sind vor einigen Wochen seitens der Orthodoxen bei der Regierung Schritte gethan worden, dieselbe zu veranlassen, den in dem Friedberger Seminar besindlichen Zöglingen den weiteren Aufenthalt daselbst zu gestatten. Denn nach der ursprünglichen Jntentton sollten sich alle jüdischen Zöglinge dem Alzeier Seminar zuwenden. Wie man hört, soll die Regierung, weit entfernt, irgend einen Zwang ausüben zu wollen, dem Gesuche willfahren haben. Ob aber auch Neuhinzuttetende in Friedberg Ausnahme finden, ist noch eine offene Frage. Tie Orthodoxen sollen ihr Gesuch damit begründet haben, daß die Schulaspiranren sich meistens in Landgemeinden um eine Anstellung bewerben, diese seien durchweg orthodox und würden Anstoß nehmen, wenn jene ihren Unterricht von einem der Neologie huldigenden Rabbiner erhalten hätten. — Dem sei nun, wie ihm wolle. So viel steht fest: bei der Krisis, die dem Judenthume von außen droht, sind beide Parteien, die orthodoxe und die refornratorische, mehr denn je daraus angewiesen, Frieden unter sich zu erhalten, und wer diesen Frieden stört, ist ein Feind des Judenthums. Darmstadt, den Io. November. (Privatmitth.) Vorige noch, daß die Israeliten des Großherzogthums Heffen ihre Gleichberechtigung nicht der deutschen Reichsversaffung zu verdanken haben. Dieselbe wurde vielmehr schon im Jahre 1848, nachdem sie der höchstselige Großherzog Ludwig III. durch Proclamation vom 6. März verkündet, verfaffungsmäßig eingeführt und seitdem nie beanstandet. Tübingen, 15. November. Die abscheuliche Anstachelung der niedrigsten Leidenschaften gegen die Juden in Deutschland bringen immer ttaurigere Früchte hervor. Kaum daß die Kunde von dem Duell in Hanau sich verbreitet hat, und es ist von hier aus von einem gleichen Vorfall zu berichten. Die Duellanten waren der Student Karl Grimm aus Brück in Brandenburg und Tykociner aus Warschau. Der Erstere hatte sich eine Provocation des Letzteren, der Jude ist, zu Schulden kommen laffen. Beim Duell schoß Tykociner den Grimm mitten ins Her;. Tykociner wurde, nachdem er sich freiwillig dem Gerichte gestellt hatte, gegen eine Caution von 2000 M. aus freien Fuß gelaffen, aber bald hernach wieder verhaftet. — Rußland. Tuckum, (Kurland) 8. November. (Privatmitth.) In 9!r. 46 dieser Blätter haben wir alles Das, was die „Organisation eines Fonds zur Verbreitung der Handwerks- und Ackerbauarbeit unter den Juden Rußlands" betrifft, ausführlich erörtert und bei dieser Gelegenheit die Hoffnung ausgedrückt, daß „die von Alters her berühmte jüdische Solidarität sich auch hier bewähren" möge. Nun, in dieser unserer Erwartung täuschten wir uns, Gott sei Dank, nicht. Kaum ist der 15. October c., der Schlußtermin zum Sammeln des Fonds, verfloffen, und schon sind wir im Stande, die Woche ist eine große Anzahl Abdrücke von der an den Reichsgewiß erfreuliche Thatsache zu constatiren, daß dieses gekanzler gerichteten antisemitischen Petttion nebst Listen zur Einzeichnung und Ansprachen an die Redactionen hiesiger Zeitungen und Tageblätter hier angelangt und verbreitet worden. Die Redactionen wurden gebeten, das Publikum zur Einzeichnung einzuladen, und es wurde ihnen sogar die Formel mitgetheilt, in welcher sie es thun sollten. Allein, zur Ehre der hiesigen Redacteure sei es gesagt, sie haben ohne Ausnahme, wie man überall hört, die zugesandten Blätter vernichtet und ihre Zeitungen nicht der Anklage, wattige Unternehmen als nicht mißlungen zu bettachten sei. Ja, schon jetzt sind wir in der angenehmen Lage, von einem ferneren Schritt zur Durchführung dieses immensen Planes zu berichten, und zwar dadurch, daß die obrigkeitliche Genehmigung zum Bilden eines interimistischen Comites, deffen ersprießliche Thätigkeit zuversichtlich baldigst beginnen wird, bereits ein fait aecompli ist. Somit ist das Schicksal dieser hochwichtigen, das Glück von Hunderten, ja Tausenden von Familien betreffenden Sache günstig entschieden worden, und sondern der Bertheidigung der Juden geöffnet. Als Bei-. diese aus dem Stadium eines Projects in das der Realisation spiel sende ich Ihnen hierbei den „Täglichen Anzeiger" vom gelangt. 14. dieses. Keine zehn Bürger sollen die Petition in hiesiger! Es kann constatirt werden, daß sämmtliche jüdische Stadt, die an 40,000 Seelen zählt, unterschrieben haben. Kreise, nämlich sowohl die der sogenannten Chassidim, als Ueberall reden die Bürger mit Entrüstung von dem undie der Conservattven, als endlich die der Progressiven, diesem sauberen Unternehmen der Reaction'). — Zu bemerken ist S Unternehmen ihre volle Sympathie geschentt und dabei ihre --—; Opserwilligkeit documentirt haben. i) Zwei Hesien befinden sich unter den Unterzeichnern der Pe- Das Reglement des Interim - Comitss hat folgenden tilion; wie diese aber gegeißelt werden, ersieht man aus dem Anz." vom 14. Nov. 'Tägl. Inhalt: