Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 121 (9.10.1838)
- Date
- 1838-10-09
- Page
- Seite 490 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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490 wo auS wir uns auf so sträfliche Weise wegverirrt Haben , wir brauchen einen tüchtigen Talmudisten, der im Nothfalle mit Fausten und AnalhemaS drcinschlagen kann." Seht euch -vor, riefe« Andere, wohin soll daö fuhren; fordert nicht daö Unmögliche. Seht ihr nicht schon in einer Nachbarprovinz, daß man mit diesen verschimmelten Waffen nicht mehr ausreicht, und daß zu ei- : nein Rabbinen einer großen Corporation mehr moderne Bildung erfordert wird, alö dazu gehört, seinen Namen auf deutsch unterschreiben zu können!" „Ja, waS Ihr wollt, daS wissen wir schon längst, rufen andere, Ihr wollt einen Mann von „Bildung," einen Mann, der euch eure Religion so zustutzt, wie sie euch am bequemsten wäre; einen Mann der mit voller, Kanonen stiefeln und einem Wortschwall ausgerüstet, den von euch gepriesenen Zeitgeist Lehen läßt, wohin er will, bis ihr vor Hecken und Gräbern, die ihr im Fluge blindlings überschritten, nicht mehr zurückkommen könnet, in daö befestigte Lager dev Glaubens." Ihr seid lauter Intriganten, hört man rufen, alle eure Machinationen gehen nur dahin, um eS diesem oder jenem unmöglich zu machen, den erledigten Platz wiedereinzunehmcn;eöist wol wahr, dieser oder jener taugt zu nichts, ich möchte eö auch selbst nicht gerne sehen, wenn dieser oder jener sich einschliche — doch eö ist bester, eS geschieht nichts, weil ein vernünftiger Arensch — zu viel Geld kostet. Können wir nicht den Schlendrian lasten, und doch verbessern? § Glaubt mir, eö ginge vortrefflich, wenn wir Leute hätten, die nichrö bedeuten, denn dann machten wir, waö uns gerade gefällt." Aber Ihr sagt doch sel-bst, mit diesem oder jenem sei nicht einmal recht fortzukommcn, so unbedeutend auch dieser oder jener ist! „Daö thut nichts; macht, waS ihr wollt, ich mache, waö ich will, und mag nichts mehr von euch wiffen." — Wenn nun Jemand diesem Conzert von der Ferne zuhörte, und nur die dumpfen Löne deö Radikalismus vernähme, e-r müßte an einem Ausgleiche dieser Mißtöne verzweifeln. Hierzu kommen noch die guten Leute, die sich eigentlich gar nicht um die ganze Musik kümmern, sondern nur auf der einen oder der andern Seite um die Wette mitsprechen, um für sich oder ihre Sippschaft im Gewirre beiläufig einen guten Fang zu machen. Aber es ist nicht so schlimm, man trete naher und tiefe und hohe Töne gleichen sich aus im harmonischen Lutli. Hier sitzt nun in der Mitte eine achtbare Majorität, sie fußt auf der breiten Basis deö einsichtsvollen Mittelstandes, der am klarsten empfindet, woran es in der Gemeinde fehlt, und da sich Männer zu ihr bekennen, die sonst im Leben mit den Observanzen nicht sehr genau zu nehmen pflegen, und da sie am Mutterwitz und antiquer und moderner Gelehrsamkeit auch etwas in die Wagschale legen kann, so müßte mich Atteö täuschen, wenn eö zwischen ihr und den Redlichen der beiden Extreme nicht zu einem Einverständnisse kommen sollte! Diese entschiedene Akajoritdt — wie sie sich bereits bei einer Gelegenheit herausgestellt hat — ist zu der Einsicht gekommen, daß wir in unserer schwierigen Lage einer Autorität — — nicht mit dem Wurfgeschosse : machtloser Flüche bewaffnet^, sondern die mit dem Glanze eines bellen Geistes die Zeitgenossen überstrahlt — bedürfen, unter deren Auspizien wir uns bald überzeugen werden, wie unsere Ritualgesetze, unser Unterrichts- und Erziehungswesen, wie unser re- , UgiöseS häuslicbeö Leben, sowol unr den Bedürfnissen, die sich durch die Zeitverhältnisse angehäuft haben, alö auch mit den alten Satzungen in Einklang gebracht werden können. Wird ein billig denkender gegen dieses Streben einzuwenden haben? Und waö wird nun, um diesen Zweck zu erreichen, geboten? Ein Mann wird verlangt, der ausgezeichnet ist in talmudischer Gelehrsamkeit. Dieö geschieht aber nicht, um bannt eine Parthei zu beschwichtigen, sondern, weil alle redlich denkenden von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß unsere Verbesserungen nur auf dem Wege deö Gesetzes, und daher auch nur unter einer solchen Autorität herbeigeführt werden tonnen, die im talmudischen Fache eine große Celebritat erlangt hat. Auch die entgegengesetzte Parthei will ihre Bürgschaften, sie will gegen einseitige Richtungen gesichert sein; cs giebr keinen billigem Wunsch!, was kann man aber in dieser! Hinsicht nrehr thun, alö einen Mann Vorschlägen, dessen Erfolge auf dem Felde der Wiffenschaften, von den bedeutendsten Maunern alö glänzend anerkannt worden? Und wenn diese beiden noch immer für entgegengesetzt gehaltenen Elemente im Glühofen eines genialen Geistes zu einer festen glänzenden Masse zufammcngeschmolzen erscheinen, wird einem solchen Manne der allgemeine freudige Zuruf wvl entgehen? Dann wird wol auch Niemand über die Größe seines Bartes und über die Dialettfreiheit seiner deutschen Sprache rechten, denn der Geist, der durchdringende Geist, weiß sich auch d«rch diese Hindernisse Bahn zu machen. Soll ich etwa hier zum Gegensätze darstellen, wie man bei andern Menschen im steten Kampfe gegen eine stupide Opposition Gefahr lauft, daß das Ehrwürdige unströ Glaubens einerseits herabgesetzt werde, und andererseits doch an keinen Fortschritt zu einer zeitgemäßen Aenderung der Aeußerlichkeiten zu denken sein könne? Wir haben alle schon genug darüber gelesen und nachgedacht, vielleicht mehr alS es Laien ziemt, und ich will nicht durch Schilderungen dieser Art aufreizen; giebr es doch Stoffe der Zwietracht schon genug ukter uns, und wollte Gott eö gelange sie mit der Wurzel auSzujätenI Dazu war wo! vor etwa zwei Monaten einige Aussicht, damals war es ein rechtes Vergnügen die ganze Gemeinde sich über das, waö ihr Noth thut, unumwunden aussprechen zu hören; hat sich'S aber seitdem gebessert, daß wieder Alles ruhig geworden? Soll man sich in einer so hochwichtigen Sache einschläfern lassen', und glaubt man deö Guten genug gethan zu haben, wenn man ein Protokoll unterzeichnet hat! Freilich ist'S keine Kleinigkeit unter den fetzigen Zeitverhältnissen, für die größte Gemeinde Deutschlands, die so viele Elemente zur Erhaltung und Erhebung des IudenthumS.in sich enthalt, einen Mann zu"finden, der Allen Ansprüchen genügen könnte; aber eben weil es keine Kleinigkeit ist, darf man kein materielles Opfer scheuen! Unsere Gemeinde hat den vortrefflichen, hochgeachteten M. I. Landau an der Spitze, der sich so unumwunden in der Sache ausgesprochen, und so edel benommen har, sie hnr 4 Substituten aus ihrer Mitte gewählt, in die sie gleichfalls ein volles brüderliches Vertrauen setzt, eö wurden 3 durch tugendhaften und religiösen Wandel ausgezeichnete Männer mit der Aufgabe betraut, eö in dieser Angelegenheit zu einem befriedigenden Resultate zu führen; man unterlasse nicht diesen Männern seinen guten Willen zu erkennen zu geben, und eö wird für ihre Hochherzigkeit keines stärkern Sporns bedürfen, um das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Diese Männer werden aber auch wol cinsehen, daß man in der Wahl der Auökunftömänner etwas vorsichtig fein müsse. . Ist eö etwa wohl gethan, wenn man in so delikaten Fallen, bei solchen Menschen anfrägt, von deren mißfälligen Urtheile man schon im Voraus überzeugt fein konnte! Steht eö nicht besser an auf den allgemeinen Ruf, dre hohe Achtung, mit der jeder Unparteiische einen Mann nennt, zu sehen, alö erst seine Atteste zu befragen, oder sich gar mir Leuten in Correspondenz zu setzen, deren persönlicher Widerwille gegen einen Mann, der eö vielleicht einmal gewagt hat, sie durch seinen hervorragenden Geist zu verdunkeln, und die zu engherzig sind, dem Beispiele eines edelmüthigen Gegnerö — wie wir ihn in unserer Mitte besitzen , und den ich, um seiner Bescheidenheit nicht nahe zu treten, nicht nennen will — zu folgen? Man vergesse nicht, wahrend man hin und herschreibt, oder gar ruhig zusieht, kann man von einer andern Seite übermannt werden und eö kann sich etwas wiederholen, was man schon vor einigen Jahren durch Gleichgültigkeit verschuldet hat, und wer Ham eö dann zu verantworten? Ihr neuer Correspondent gewiß nicht, denn er that was er konnte, möge es Ihr O besser machen. Ihr - N. Redacl'.'ur: Drf L. Phi!ipvfrm. - Verlag von BarrnrgArtkrcrs .BrrchhemdLmrg. — Druck von Fv B. Hirschfrlvi