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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-10-19 · Heft 42 (19.10.1880) · p. Seite 669

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 42 (19.10.1880)
Date
1880-10-19
Page
Seite 669 (sequence 13)
Language
German
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669 versprach, die „Canones“ oder die Vorschriften der Religion von Avicenna (Jbn-Sina) aus dem Arabischen ins Lateinische zu übersetzen; aber der Tod erlaubte Mantino nicht, dies Versprechen zu halten. Ueberall, wo sich unser Amatus aufhielt, wurde er ausgesucht, sowohl von Kranken, wie von Collegen, die ihn in schwierigen Fällen consultiren wollten. Das ersieht man aus seinen sieben Centuries'), welche er in lateinischer Sprache schrieb und die mehrere Male wieder gedruckt wurden.^) In diesem Werke zählt er die Namen, Titel, Beschäftigungen, die körperlichen Constitutionen aller der Personen auf, die zu seiner Kunst Zuflucht genommen; er beschreibt darin seine verschiedenen Behandlungsweisen, den Charakter ihrer Krankheiten, und die Folgen der Behandlungen, die er angeordnet. Diese Centuries wurden außerordentlich von den Aerztcn aller Länder geschätzt, die sich oft nach ihnen richteten. In Ferrara, wo er während sechs Jahr seine Kunst ausübte, hielt er öffentliche Borträge über die Anatomie und über die Kenntniß der Arzneipflanzen. In dieser Stadt ließ er im Jahre 1547 zwölf Leichname von Menschen und Thieren seziren und experimentirte damit in Gegenwart von Ge« lehrten, unter denen sich auch Jean-Baptiste Cananus, der berühmte Anatomift, der 1615 zu Ferrara geboren, befand, welcher in Folge dieser Experimente zuerst die Functionen der Klappen in der Blutcirkulation erriet!).1 2 3) Zu jener Zeit befand sich die Anatomie noch in ihrer Kindheit und das größte Hinderniß bei den Fortschritten dieser Wiffenschaft, ohne welche die Medicin Empirismus ist, bestand in dem Schrecken, welchen der Gedanke, die Leichname zur Sezirung den Chirurgen zu überlaffen, den Menschen einflößte. Man kann überzeugt sein, daß Amatus durch seine Experimente ein einflußreicher Förderer des Fortschritts war und die chirurgische Wiffenschaft sehr weit vorwärts gebracht hat. Sein Versuch war um so kühner, als die Juden die Sezirung der todten Körper für eine Profanation und die Chirurgie für eine unedle Profession ansahcn. Deshalb gab es unter ihnen viele vortreffliche Aerzte, aber keinen einzigen Chirurgen4 5 6). Niemand wird dem gelehrten Cananus das Verdienst abstreiten, die Bedeutung der Klappen in den Venen zuerst 1") Das heißt hundert Krankheitsfälle in je einem Buch oder Centurie. ‘.0 Die erste ©enterte erschien in Florenz 1551; die zweite in Venedig 1552; dann die vier ersten in Basel 1556, und die drei letzten in Venedig ebenfalls 1556. Alle sieben wurden denn 1576 und 1580 zu Lyon herausgegeben; 1613 und 1620 zu Paris, noch einmal 1620 in Bordeaux und 1646 in Erfurt. Diese Details wurden uns durch unseren gelehrten Glaubensgenoffen, H. Moise Soave in Venedig in seiner gewiffenhaflen Studie über unseren Amatus in dem Corrire israelitico zu Triest (1877 — 1878) geliefert. 3) Cent., I, Cur., 52. in Scholiis. — Nant anno 1547 Ferrari«; duodeeim corpora lnmuma et brutorum desiccare fecimus et in Omnibus ita evenisse magna doctorum, etc., ut ibidem quoque adnotabat Johannes Baptist» Cananus, adiuirandus anatomicus, etc. 4) Ch. Carmoly. Revue Orientale, I, 356, 1841. errarhen zu haben, und doch, wenn Amatus, von einem heiligen Eifer für seine Kunst beseelt, ihm nicht durch seine Erfahrungen das schnellste Mittel, zu dieser wichtigen Entdeckung zu gelangen, geliefert hätte, dürfte man dann annehmen, daß er so weit gekommen wäre? Dies ist wenigstens zweifelhaft. Unter Anderem weiß man, daß bei den Fällen der Pleuresie die meisten Aerzte den Aderlaß am Sitze des Uebels anwandten; aber Amatus versichert, daß Niemand vor ihm hätte sagen können, warum er so handle. Von Ferrara aus ließ sich unser Doktor in Ancona nieder, wo er am 1. December 1549 die letzte Hand an seine erste „Centurie" legte, wie er es in seiner Widmung an Cosmos de Medici, Herzog von Toscana, ausspricht*). Die zweite, in Rom am 1. April 1551 beendet und dem Cardinal Hippolyte d'Este-) gewidmet, erzählt uns, daß er zu einer Confultation beim regierenden Papste, Julius III, gerufen worden.3) Dieser Umstand würde allein genügen, um den bedeutenden Namen zu beweisen, den sich Amatus in der Ausübung feiner Kunst erworben hatte; denn, obgleich Jude und als solcher bekannt, wurde er vom heiligen Vater verlangt, für den er ein Decoct erdachte, welches er radix cinarum4) nannte. Wir wissen nicht, was für eine Wurzel dies war, die für die Gesundheit des Oberhauptes der Kirche so heilsam gewesen zu sein scheint. Er erzählt auch, er habe in Ancona^) Dona Jacvba de Monte, die Schwester von Julius III, geheilt. Nach Ancona zurückgekehrt, wo er bis 1555 blieb, widmete er sich weiter mit Hingebung den Pflichten seines Berufes, wobei er nicht unterließ, sein Wiffen durch fortgesetzte Studien zu erweitern. Er vollendete dort seine dritte und vierte „Centurie" und widmete die dritte am 1. April 1554 dem portugiesischen Gesandten zu Rom, Alphonse de Lancastre/') der aus doppelt königlichem Blute stammte. Dieser Prinz, den er während seines Aufenthaltes in der ewigen Stadt kennen gelernt, faßte solche Freundschaft zu ihm, daß er ihn alle Tage während feines Verbleibens in Rom sehen wollte. (Fortsetzung folgt.) 1) Cosmo medici Thuscorum principi darissimo. 2) III»"" et Kevm» Domino Hippolyto Kstensi Ferrarii cardinali amplissino. A. L. M.. etc. 3) Cent. II. cur 31. — Cum a Julio tertio suiumo Fontitlce pro sua salute convocati essemus, etc. — Man lieft auch in der Widmung, die Reise nach Rom muß um 1550, das erste Jahr des Pontificats von Julius III. unternommen worden sein. Cent. III; Romani superioribus annis contuli ut Julio III icgrotanti opem ferrem. etc. 4) Cf. Cent. II. cur. 31. Man findet in dem lateinisch'französischen Dictionaire von Quicherat: Cyna, Baumwollenstaude; Cinara. Artischoke; Cinaris, unbekannte Pflanze. War die Wurzel, deren sich Amatus bediente, eine von diesen? Wir können es nicht sagen. 5) Cf Cent. II. cur. 1. — 111. Domina Jacoba de Monte, Julii tertii summi Pontificis soror dignissima. Antonie distillatione callida laboravit etc. 6) 111»° et Sapm<> viro, Domino D. Alphonso Alencastrensi. supremoapud Lusitanos commendatorio, Amatus Lusitanus medicus felicitatem et perpetuam salutem optat.

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