Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-07 · Heft 36 (7.9.1880) · p. Seite 573

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 36 (7.9.1880)
Date
1880-09-07
Page
Seite 573 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227322--38325-3307550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

57 zusammenschrumpften, daß sich die Verbindungen zwischen! entlegenen Plätzen gar leicht anknüpften, daß sich deshalb! die Menschen viel mehr ausbreiteten und sich an fernen Orten niederließen, so daß jetzt kaum eine Familie besteht, deren Glieder nicht über einen ganzen Erdtheil und noch weiter zerstreut sind. Abgesehen hiervon hat natürlich durch so erleichternde und begünstigende Umstände der Geschäftsverkehr zwischen allen Nationen einen außerordentlichen Aufschwung genommen, und macht deshalb persönliches Erscheinen und Verhandeln nothwendig. Dies Alles hat nun eine Reiselust und eine Reisebereitschaft bewirkt, die alle Stände, Geschlechter und Alter durchdrungen hat und stets einen nicht unbeträchtlichen Theil der Erdbevölkerung in Bewegung sein läßt. Wer so auf einer Höhe stehen, und von da aus eine große Landschaft mit einem Blick überschauen könnte, und sähe da die zahllosen, hin- und herfahrenden, sich kreuzenden und begegnenden Eisenbahn züge und Dampfbote, vollgefüllt mit Reisenden, alle von derselben Hast getrieben, die Zeit der Fahrt ungern ertragend, und käme dieser Beobachter ohne Kenntniß dieser jetzigen Berhältnisie auf seinen Standpunkt: er müßte schier glauben, daß die gegenwärtigen Menschen von einem wahnsinnigen Triebe befallen seien und daß wohl nur Wenige, etwa Kranke und Greise in ihrer Heimath verblieben I Diese durchgreifende Umgestaltung aller Lebensververhältnisie hatte einen eigenthümlichen Einfluß auch auf die Juden. Wer die Zustände bis vor etwa vierzig Jahren kennt, weiß, daß die überall hin zerstreuten Gemeinden in einer völligen Jfolirtheit lebten. Bei dem Mangel jeder zusammenfassenden Organisation, jedes Mittelpunktes, jedes Zusammenhanges und bei der Autonomie auch der kleinsten Gemeinde, vegetirte nur eine jede für sich und ihr Jntcresie ging nicht über ihr Weichbild hinaus. Es existirte keine gemeinsame Institution, welche auch nur etliche Gemeinden zusammengefaßt hätte. Keine hatte und nahm Kenntniß von der anderen, und diese gänzliche Zersplitterung war in den letzten Jahrhunderten gerade durch die größere Sicherheit für Person und Eigenthum, deren sie sich bei allen drückenden Beschränkungen doch zu erfreuen hatten, nur gewachsen. Tie nur in langen Zwischenräumen erscheinenden und wenig verbreiteten Zeitschriften Sulamith und Jedidjah brachten nur geringfügige Curiofitäten. Das einzige lebendige Band war, der Wanderlust der Zeit gemäß, die Wanderbettelei, die immer üppiger wucherte, und von Sabbath zu Sabbath den Gemeinden eine große Last von Schnorrern zuftihrte. Da war es die glückliche Idee, welche im Jahre 1837 die Allgemeine Zeitung des Judenthums schuf, und die wesentlich darin bestand, ein neues geistiges Band unter den zerstreuten Gemeinden aller Erdtheile herzustellen, aus allen Ländern über Zustände, Ereignisie, Bestrebungen, Freuden und Leiden Nachrichten und Berichte zu holen und zu verbreiten, das Interesse für die Gesammtheit und alle Glieder derselben nachhaltig zu wecken, den Gemeinsinn hervorzurufen und zu nähren. Das Werk gelang in überraschender Weise und erreichte den gewünschten Zweck noch mehr durch die Nachahmung in allen Ländern, die sich einige Jahre später einstellte. Aber sicherlich würde dies nicht so weiltragend geworden sein, wenn nicht eben die fast gleichzeitig eingetretene und schnell wachsende Veränderung der gesammten Lebensverhältniffe. der Anschaungen, der Interessen vermittelst der neuen Verkehrswege und des durch sie bewirkten Umschwungs vor sich gegangen wäre. Hierdurch wurde eben der Blick aller Menschen über die engen Grenzen der kleinen Heimath hinaus erweitert, die Länder wurden einander genähert, die Interessen in einander geschoben, der Gemeinsinn über alle Nationen ausgedehnt. Was Wunder, daß auch innerhalb der Bekenner des Judentbums eine neubelebte Theilnahme erwachte und sich bald auch in Thaten äußerte. Ohne nach irgend einem äußerlichen Verbände zu streben, ohne irgend eine Organisation zu verlangen, ohne seine Selbständigkeit aufzugeben, ohne irgend welche gemeinsame materielle Interessen, hat sich doch ein neuer Geist der Zusammengehörigkeit erhoben, der ohne auch nur im Entferntesten dem Patriotismus, der Liebe zum Vaterland und zu dem Volke, dem man angehört, irgend einen Abbruch zu thun, doch auch noch etwas übrig hat an Theilnahme und Thatkraft für den Bestand des Judenthums und für das Schicksal der Glaubcnsgenosien. Wir brauchen hier auf das Einzelne nicht einzugehen; aber eine Vergleichung des früheren Zustandes mit dem jetzigen, mit den gegenwärtigen Bestrebungen und thatsächlichen Kundgebungen wird den Unterschied, wird die große Umwandlung in erfreulichster Weise lehren. Selbst« verständlich bleiben noch viele Wünsche übrig. Doch gerade die mannichfaltige Verbindung, die jetzt, auch durch die Reiselust wachsend, unter den Menschen hergestellt ist und sich noch immer mehr steigert, wird das Gute und Nützliche auch aus unserem Gebiete fördern. Vermischtes. Ein eigenthümlicher Proceß. Vor der ersten Kammer des Civilgerichtshofes des Seine-Departements in Paris wurde dieser Tage der Proceß entschieden, welchen gegen den bekannten Bildhauer Adam! Salomon (Jude) sein Schwiegersohn, der Advokat Armand; Adam und seine Tochter, Frau Armand Adam, führten. Im 'Jahre 1668 starb Frau Adam Salomon, die bei ihrer Hei-! rath zum Judenthum übergetreten war und auf dem israeli-! tischen Kirchhof von Montmartre beerdigt wurde. Der unj tröstliche Gatte, der ein großer Künstler ist, fertigte, um das Andenken der, die er verloren, zu ehren, ein herrliches Grab-! denkmal an, das er auf dem israelitischen Kirchhof von Fon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.