Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1880)
- Date
- 1880-08-31
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
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ist gefährlich, wenn man bedenkt, daß Ungarn in einem (unserer oft vertretenen Ueberzeugung nach unverdienten'» Rufe nationaler Unduldsamkeit siebt und daß zu dem jetzt noch der Ruf religiöser Unduldsamkeit treten soll; gcfährlich, wenn man in Erwägung zieht, daß es eine ganze, höchst christliche Coalition giebt. welche dem Auslände täglich verkündet, Ungarn sei ein Land, wo alle Abenteuer möglich, wo kein Recht geschützt sei — eine Coalition. welche sicherlich auch die gegenwärtige Bewegung in dem Zinne ausbeuten wird, um zu zeigen, daß in diesem Lande weder Eigenthum, noch Eigcnthümer des gewöhnlichsten Rechtsschutzes sicher sind. Wir erwähnen nicht, wie fördernd cs auf den Credit Ungarns in Europa wirken muß, wenn solche Nachrichten, wie diejenigen, welche wir über diesen Gegenstand in Briefen aus der Provinz erhalten und welche zu publizircn wir Anstand nehmen, vor die Oeffentlichkeit gelangen. Aber, wir meinen, die Zeit sei gekommen, daß man über diese Tinge einmal ausführlich und ernst spreche!" „Denn es ist nicht genug, zu sagen. Herr Jsv'.czy sei ein Narr. Gewiß, wir wollen dem Manne seinen Ruf nicht schmälern; gewiß ist Herr Jstdezy auch ein Narr; aber er gehört nicht in die ungefährliche Elasse, sondern zu jener gefährlicheren Art, die man nirgends unbewacht läßt. besonders wenn es am Tage liegt, daß die Niederträchtigkeit es übernommen hat, die Manie zu ihren Zwecken auszubeuten." „Am allerwenigsten glauben wir, daß mau uns ein Beispiel wird anführen können dafür, daß eine Regierung — wie die unferige es gethan — die Statuten eines Vereines genehmigte, dessen declarirte Bestrebungen dahin geben, eine sehr bedeutende Anzahl ordentlicher, steuerzahlender, den Heeresdienst leistender, an allen Lasten eines nicht gering belasteten Staates theilnehmender Bürger zu ruiniren. Und „Ruiniren" ist das gelindeste Wort, denn wer zu lesen versteht, wird wissen, wohin diese Vereine ausgehen müssen, in denen sich die irregeleitete Krankhaftigkeit mit den allerinfamsten Jnstincten verbündet. In Ofen scheint man keine Vorstellung davon zu haben, daß ein großer Theil der Verantwortlichkeit, welche mit diesen Vereinen verbunden ist. auf die Regierung selbst zurückfällt, die sie gewähren läßt. In der That berichtet man uns auch aus der Provinz, daß gewisse Organe der Regierung in vielen hieher bezüglichen Fällen eine wohlwollende Neutralität beobachten, welche hart an die Connivenz mit den Volksaufwieglern streift." „Darauf wollten wir vor Allem aufmerksam machen. Bemerken wollen wir ferner, daß es einfach nicht wahr ist, wenn behauptet wird, die deutschen Regierungen hätten sich in gleicher Weise gegen gleiche Bestrebungen verhallen. Dort hat kein Geringerer, als der dem Throne zunächst stehende Mann Veranlassung genommen, bei einer feierlichen Gelegenheit diese niederträchtigen Bestrebungen zu brandmarken. Allein, selbst ivenu dem nicht so wäre, muß man bedenken, daß Deutschland immerhin einige Ausschreitungen ertragen kann, welche, wenn sie bei uns in gleichem Maße vorkämen, genügen würden, um die Stellung Ungarns sehr empfindlich zu berühren. Deutschland ist schließlich reich und mächtig genug, um selbst eine Verrücktheit zu bezahlen. Die Sache stellt sich aber ganz anders, wenn es sich um Ungarn handelt. Wir wiederholen jedoch, daß die in Deutschland vorgekommcnen Hetzereien gering zu nennen sind, mit dem, was hierzulande täglich geschieht." „Es ist mit besonderer Rücksicht auf ungarische Verhältnisse geschehen, wenn wir die vom Geiste so echt germanischer Bildung durchwehten Sätze, in denen Herr Dr. Rohling sich über den Protestantismus ausläßt, als Motto diesen Zeilen vorangestellt haben. Dieses Individuum, eines der berüchtigsten Subjccte aus den untersten Regionen der deutschen Buchmacher, hat bei der ganzen Bewegung in Ungarn eine wesentliche Rolle gespielt. Herr Jftdezy hat niemals unterlassen, diesen illustren Gewährsmann als wissenschaftliche Autorität zu citiren und das ganze Gelichter, welches im Gefolge des Abgeordneten von Rum auftauchte, hat unaufhörlich die Schandschrift Rohlings citirt, welche eine ungarische Verlagsgesellschaft — nicht gerade zu ihrer Ehre! — auch ins Ungarische übersetzen ließ. Was die Herren nicht erwähnt haben, das ist, daß derselbe Deutsche eine ganz ähnliche Schmähschrift auch gegen den Protestantismus veröffentlicht hat. Es ist wohl nicht nöthig. gerade in Ungarn, wo der Protestantismus seit drei Jahrhunderten zu den unerschütterlichen Stützen der Freisinnigkeit und Bildung gehört, es ist wohl hier am wenigsten nöthig, besonders darzulegen, was von der Glaubwürdigkeit und von der Bildung eines Individuums zu halten fei, welches fähig gewesen ist, den Satz niederzuschrciben: „Vandalismus und Protestantismus sind identische Begriffe!" „Allein, selbst wenn dem nicht so wäre, giebt es wohl noch irgendwo ein so kindliches Gemüth, welches des Glaubens wäre, daß es sich bei dieser ganzen Hetze auch nur einen Augenblick lang um den Talmud handelte? Man mag durch ganz Ungarn gehen, und man wird unter tausend Juden kaum Einen finden, der fähig wäre den Talmud zu lesen, viel weniger Einen, der geneigt wäre, sich daraus Lebensregeln zu holen. Leuten, welche Neigung für Studien dieser Art haben, können wir eine französische Uebersetzung des Buches empfehlen, die vor einigen Jahren in Paris erschienen ist. Wir glauben, es ist die einzige, in einer modernen Sprache erschienene Uebersetzung.') 2n Frankreich l- Paris, lö71. imprime par autovisation du gouvernement ä l'imprimerie nationale. En vente etoez Maisoimeuve et Cie.