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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-07-27 · Heft 30 (27.7.1880) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 30 (27.7.1880)
Date
1880-07-27
Page
Seite 466 (sequence 2)
Language
German
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466 sich uns theoretisch und praktisch kundgiebt, widerspricht, brauchen wir nur anzudeuten. Bis in die graueste Vorzeit zurück und durch alle Jahrtausende der Menschengeschichtc hindurch tritt bei dem Menschen die Beziehung zum Uebersinnlichen mit dem ersten Erwachen seines Selbstbewußtseins hervor, ist für ihn von der eminentesten Bedeutung und Wirksamkeit und beherrscht das Thun und die Geschicke der Einzelnen wie der Gesammtheit. Jetzt mit Einem Male das Uebersinnliche nicht blos als außerhalb aller menschlichen Erkenntnis, sondern auch als gleichgültig für das Leben des Menschen zu erklären, ist allein der Ausfluß einer Hypercultur, die mit allen Erfahrungen und Erscheinungen gewaltsam zu brechen sich nicht scheut. In dasselbe dair-obscur. in dieselbe Dämmerung der Phantasie und des poetischen Spiels versetzt Goethe die Unsterblichkeit der Seele. Sein ganzes Gedicht spricht gewissermaßen durch sein Stillschweigen das Gegentheil aus und daß am Schlüsse des ersten Theils Gretchen's Seele „gerettet", und am Schluffe des zweiten Faust's Geist „erlöst" wird, bedeutet eben nichts weiter, als daß auch dieser Glaube nicht geradezu verneint werden soll. Für die handelnden Personen und für ihre Situationen ist er nicht vorhanden, ist er irrelevant. Das zweite folgerichtige Moment ist, daß der Mensch auch von dem Boden der Sittlichkeit, von der Grundlage aller sittlichen Motive und Gesetze abgehoben und auf die unbedingte Leidenschaftlichkeit in seinem Wesen versetzt wird. Wir haben dies in unserer ganzen Besprechung ausführlich dargethan und können deshglb darauf verweisen. Folgerichtig nennen wir dies, weil eben ohne Gott auch keine sichere und rechtmäßig beherrschende Sittlichkeit vorhanden ist. Alle Systeme der Moral, wie sie versucht worden, indem man sie auf die allgemeine Natur oder auf den Trieb des Menschen oder auf den gesellschaftlichen Nutzen oder die gesellschaftliche Nothwendigkeit gründen wollte, Hallen eine unparteiische Kritik nicht aus und vermögen auf die Menschen, kaum auf ihre Erfinder, dauernd und beherrschend einzuwirken, während die Gottesidee auf die sittliche Haltung, auf die Entwickelung des Rechtsbewußtscins, auf die Hebung der Liebe und des Rechts in den Individuen wie in der Gesammtheit den bewährtesten Einfluß geübt hat und fort und fort übt. Aber auch das ist hierbei folgerichtig bei Goethe, daß er allen diesen Experimenten der Ethik ohne Gott den Werth abspricht, und keines an die Stelle der auf den Gottesbegrifi gegründeten Moral setzt, weil er eben den Gottglauben nicht leugnet, sondern nur als dem Menschen ebenso unzukömmlich wie den Unglauben bezeichnet. Er läßt deshalb alle sittlichen Ideale fallen, ignorirt Alles, was den sittlichen Charakter und Werth des Menschen ausmacht, was ihm einen sittlichen Beruf vindicirt. Nach diesen negativen Momenten fragt es sich: was stellt nun der Dichter des Faust positiv auf? Wir erhalten hierüber schon im ersten Theile, und zwar im eigentlichen Wendepunkte, eine genügende Andeutung. Faust will die bekannten Anfangsworte des Evangeliums Johannes: tv aoyji 6 h'»yog übersetzen und verwirft sowohl „im Anfang war das Wort", als auch „im Anfang war der Sinn," oder „im Anfang war die Kraft" und überträgt dafür mit seiner ganzen Zustimmung: „Im Anfang war die That." Selbstverständlich haben wir hier diese Uebersetzung an sich nicht zu bestreiten. Vielmehr will ja Goethe hiermit nur sagen, daß die That allein das Wirkende, Schassende ist, daß die That allein Werth und Verdienst hat; das Wort aber, der Gedanke und die Kraft gehen der That nicht einmal voran, oder sind höchstens in ihr latent vorhanden. Dies ist nun die Anschauung, die er im Verlaufe seines ganzen Gedichtes zur Darstellung bringt. Der Mensch ist berufen zur That, zu handeln, und zwar znm Zwecke des Genusses, wie im ersten Theile, und des Erwerbes und Besitzes von Reichthum, Macht und Ehre, durch welche letztere er einen bleibenden Nachruf erlangt, innerhalb der menschlichen Gesellschaft, wie im zweiten Theile zur Erscheinung kommt. Es ist, nach Goethe's Faust, ein volles Genüge, eine ganze Erfüllung des Berufes, der .Bestimmung des Menschen, und wird er darin „erlöst," wenn er unablässig handelt und „sich bemüht" für den Genuß und den Erwerb, ohne sich um Glauben, Intelligenz und sittliche Gesetze zu kümmern, ohne sich in seinem Thun und Lassen von ihnen abhängig zu machen, ohne sich mit ihnen zu „plagen", ohne sie zum Inhalt und Ziel seiner Thaten zu machen. Dies ist einfach das System — und nun? ist dies nicht ein allgemeiner Zug unsrer Zeit? Hat hier nicht Goethe mit poetischem Reiz umkleidet, was uns täglich nackt und nüchtern entgegcntritt? Sehen wir nicht zahllose Menschen so theils hin-, theils in ossen von ihnen bekannter Anschauung leben? -- wenn sie auch nicht alle gleich Faust Wüstling und Mörder und daun kalte Goldmacher, Werkzeuge der Gewalt und ruhmsüchtige, aber herz- und gewissenlose Nationalöconomen werden! Gegenwärtig, wo die Atheisten und Materialisten von den Dächern predigen, wo Männer der sogenannten Wissenschaft, seien es Naturforscher, seien es Philosophen, dies als Freisinnigkeit und Unabhängigkeit des Menschen verkünden, wo herrschsüchtige Agitatoren das Volk durch ihre Schlagwörter um alle Einfalt des Herzens und um alle Arbeitsfreude zu betrügen suchen — gegenwärtig müssen wir das im „Faust" aufgestellte System schon als eine vorhandene Weltanschauung gelten lassen. Diesem Systeme steht, auf der breiten Unterlage der in d'e graueste Vorzeit hinaufreichendcn heidnischen Götterlehren und Mythologien, die jüdische Weltanschauung gegenüber, die sich durch mehr als drei Jahrtausende entwickelt und befestigt, und durch das Christenthum und den Islam die

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