Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1880)
- Date
- 1880-06-01
- Page
- Seite 349 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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349 Herren Blumenkron und Lateiner haben mit ihren Stücken I der Aufklärung mehr Vorschub geleistet, als die freisinnigsten! Journale. Denn was nützt mir die Zeitung wenn ich nicht lesen kann? sagt man in Rumänien. Im Theater aber liest man nicht, da spricht man laut, deutlich und eindringlich, und zwar ihren eigenen Jargon, die süßen, nur ihnen verständlichen Laute vernehmen sie da, Schauspieler und Schauspielerinnen sprechen und singen das melodische dcutschjüdisch-hebräischc Kauderwelsch. «Mei theirer Robert!" sagt die Liebhaberin zum jugendlichen Helden, „wos stehst dü dir nebbich wegen mir aus'." «Jach will kämpfen üm dir, theirc Rosa!" erwidert der junge Mann. Selbst die Musik zu den Stücken trägt streng jüdisches Gepräge. Jede Melodie hat einen schwcrmüthigen Ausdruck, es ist als hörte man Tempelsang, was aber nicht hindert, daß zum Schluß des Stückes Walzerklänge aus «Angot" oder «Indigo" mit eingcwebt werden. Eines Tages sah ich in Odessa ziemlich neugierig den! kommenden Genüssen entgegen. Der italienische Tragöde Salvini mit seiner Gesellschaft und — die jüdische Truppe des Herrn Blumenkron waren redlich bemüht, in einem und demselben Theater, abwechselnd, einen Tag um den andern, die überflüssigen Rubel des kunstliebenden Odessaer Publicums an sich zu ziehen, was aber Herrn Blumenkron viel besser als Herrn Salvini gelungen sein soll. «Der groiße Rebbe" hieß das Stück. Es war eine^ Poffe mit Gesang und ganz in Berg'scher Manier in 3 Acte und 7 Bilder eingetheilt. Als die Ouvertüre begann, war jeder Platz besetzt. Man erblickte mehr als ein schönes Gesicht, viele schwarze, blitzende Augen, hohe Gestalten und volle Arme — nur die Rasen ließen etwas wegzuwüuschen übrig. Endlich ging der Borhang in die Höhe. Ich selbst verstand nur sehr wenig von dem was gesprochen wurde. Nach und nach wuchs mein Jnteresie. Die Handlung war folgende: Der Vorstand einer kleinen jüdischen Gemeinde, Kaufmann Haschel, nennt eine Tochter, Rosa, sein Eigen, die warm und zärtlich von dem Lehrer — Robert — geliebt wird, dem sie auch ihre Gegenliebe schenkt. Diese Beiden find Kinder der Neuzeit, bilden mithin das fortschrittliche Element, während Haschel mit den andern den Zopf, die Orthodoxie repräsentirt. Haschel hat seiner Tochter jeden Berkehr mit Robert untersagt, wcßhalb die beiden Liebenden nur ganz geheim ihre Zusammenkünfte pflegen können. Da sich die Finanzen der kleinen Gemeinde in trost losem Zustande befinden, kam Haschel auf eine geniale Idee ihnen aufzuhelfen. Er hat sich seinem Neffen — Chajim — einem zu Grunde gegangenen Schuster, der zwar ein blitzdummer Bursche, aber ein sehr schöner Mann ist, als „W u n d e r-R a b b i" verschrieben und weiß auf eine schlaue Art die Reclame- Trommel zu rühren, so daß Männer und Weiber von weit und breit nach dem Dorfe kommen und sich Rath und Hilfe bei dem Wunder-Rabbi erbitten, wobei sie ein schönes Stück Geld zurücklasscn. Haschel schwimmt in Wonne, nur ein Schatten, in der Gestalt Roberts des Lehrers, trübt seine Freude, denn dieser durchschaut den ganzen Schwindel und droht, die Leute aufzuklären. Vergebens bittet ihn Haschel uni Stillschweigen, vergebens bietet er ihm sogar Rosas Hand au, der chrenwerthe junge Mann will seine Ueberzcugung nicht verkaufen, selbst nicht um den höchsten Preis, und das wackere Mädchen bestärkt ihn in seinem Entschluffe. Endlich verliert Haschel die Geduld. Er versammelt seine Getreuen und Mitbctheiligtcn, erzählt ihnen die Gefahr und alle beschließen in ihrem Zorne, den Lehrer - halb tobt zu prügeln. Als sie ihn aber bei Nacht überfallen wollen, ist er nirgends mehr zu finden — Rosa hat ihn gewarnt und er klettert im Hintergründe soeben die steile Felswand hinan, um sich zu flüchten, während Rosa vom Fenster aus ihm, segnend und sehnend, die Arme nachstreckt und unter dem Fenster der Wunder-Rabbi vom Volke auf den Schultern getragen enthusiastisch bejubelt wird. Im zweiten Acte befindet sich der Wunder-Rabbi, recte Esel, wie ihn Haschel unter vier Augen nennt, in voller Thätigkeit. Tic Hilfesuchenden und Zahlenden häufen sich, aber die Dummheit und Unfähigkeit des Schuster-Rabbi zeigt sich immer mehr. Das Volk selbst wird unzufrieden, man fängt an zu murren und znm Unglück mifcht sich die Polizei auch noch ein. — Niemand weiß, wo der Lehrer Robert plötzlich hingekommen ist, man munkelt von einem Verbrechen, und ob des grauenhaften Verdachtes eines Mordes muß die ganze Sippe in den Kerker wandern. Von den Tönen eines tragi-komischen Trauergesanges begleitet, werden sic alle abgeführt. Ter dritte Act spielt in der Stadt — Robert ist indeß ein berühmter Avocat geworden und hat Haschel frei gemacht, Chajim kehrt wieder zu seinem Handwerk zurück, Robert bekommt seine treue Rosa und bekehrt Haschel und Consorten. Tiefe sehen ihr Unrecht ein und schwören, künftig nur dem Fortschritt und der Aufklärung zu leben. Ein stürmischer Jubel, ein Beifall durchbrauste bei diesem Schluffe und den ihn begleitenden Worten das Haus, wie ich ihn noch selten in einem Theater erlebte. Der Bersaffer mußte sich etwa ein dntzendmal zeigen, die Schauspieler wurden fast eben so oft gerufen und sogar Kränze flogen auf das Podium. (Aus der W. A. Z.) J. I’-