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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-23 · Heft 12 (23.3.1880) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 12 (23.3.1880)
Date
1880-03-23
Page
Seite 188 (sequence 16)
Language
German
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188 nichtvereidigten Priester ob. Jeder Verdächtige mußte sofort vor ihn geführt werden und Niemand durste die Stadt ohne seine Erlaubniß verlaffen. Der Maire von Nimes war ein kränklicher, alter Mann; der auf ihm lastenden Verantwortlichkeit nicht gewachsen, bot er seinem Freunde Cremieux an, die Last mit ihm zu theilen, und dieser nahm das gefährliche Amt an, in der Hoffnung, dadurch Gelegenheit zu finden, manchen Gewaltact abzuschwächen und manches Leben zu retten. Diese Hoffnung erfüllte sich auch. Bald nach seinem Amtsantritte stellte sich ihm ein Mann vor, der in kurzer Weise einen Paß verlangte, um Nimes verlaffen zu können. „Sie nennen mich Monsieur anstatt Citoyen, sagte ihm Cremieux. Sie sind kein Freund der Republik. Uebrigens erkenne ich Sie trotz ihrer Verkleidung. Sie find der Pfarrer meines Sprengels." Der Priester erbleichte. „Ja wohl", sagte er endlich, „ich bin ein katholischer Priester, und ich wende mich, um mein Leben zu retten, an einen Juden und Revolutionär, was Gott mir vergeben möge. Aber falls Sie mir Hilfe leisten, werde ich denken, daß Gott Sie zu seinem Werkzeuge gemacht hat, und daß es daher für mich keine Sünde sein kann, mein Leben aus Ihrer Hand zu empfange". Im Uebrigen haben Sie die Macht, mich zu verderben, thun Sie, was Sie für gut finden." Cremieux Unterzeichnete mit einem Lächeln den Paß und reichte ihn dem Priester, der sich wortlos entfernte. Nachts darauf wurde Cremieux durch drei Männer geweckt, welche ihn um jeden Preis zu sprechen wünschten. Es waren drei Priester, die sich vor den Nachstellungen des Revolutionstribunals verborgen gehalten hatten und, durch das Beispiel des erwähnten Pfarrers ermuthigt, sich gleichfalls an Cremieux wendeten. Dieser stellte ihnen die gewünschten Päffe aus und die Geistlichen schieden unter den lebhaftesten Dankesbezeugungen. Jndeß rückte der neunte Thermidor heran. Robespierre endigte auf dem Schaffot und seine Anhänger wurden verfolgt und in den Kerker gebracht. Auch Cremieux» Vater traf das Loos. Er wurde unter der Anklage des Mißbrauches der Amtsgewalt vor ein Gericht gestellt und machte sich nach einer äußerst heftigen Rede des öffentlichen Anklägers bereits auf das Todesurtheil gefaßt, als plötzlich der Präsident benachrichtigt wurde, daß sich neue Zeugen gemeldet hätten. Es waren die vier Priester, welchen Cremieux zur Flucht verholfen, und die auf die Nachricht von seiner Verhaftung, trotz der ihnen noch immer drohenden Gefahr, heimgekehrt waren, um für ihren Retter auszusagen. Ihr Erscheinen machte tiefen Eindruck auf das Publikum wie auf die Richter, und obwohl der öffentliche Ankläger diese in so romantischer Weise erschienenen Zeugen etwas bespöttelte, vermochte er den zu Gunsten Cremieux' eingetretenen Umschwung nicht zu beeinträchtigen und dieser wurde freigesprochen. Aber die Ueberraschungen waren noch nicht zu Ende. Nachdem der Präsident unter dem Beifall der Anwesenden das freisprechende Urtheil vorgelesen hatte, fügte er unerwarteter Weise hinzu: „Bürger Cremieux, der Gerichtshof hat Sie von der gegen Sie erhobenen Anschuldigung fteigesprochen; aber es lasten noch andere Anklagen auf Ihnen, bezüglich derer Sie sich in einer späteren Sitzung zu verantworten haben werden. Man führe den Angeklagten in das Gefüngniß zurück." Bei diesen Worten ertönte ein Schrei im Zuschauerraume. Cremieux' Gattin, zur Zeit in gesegneten Umständen, war dem jähen Aufeinanderfolgen von Trauer, Freude und Schreck erlegen und bewußtlos zu Boden gesunken. „Man führe diese Frau sammt ihren Gatten fort", bemerkte der Präsident, als man ihm den Vorfall mitgetheilt, „der Gerichtshof hat nicht Muße, sich mit derlei Angelegenheiten zu befaffen." So wurde Cremieux denn zur Seite seiner bewußtlosen Frau in das Gefängniß zurückgeführt und, da keine Zelle ftei war, für den Augenblick in der Wohnung des Kerkermeisters untergebracht. Er gab sich eben ziemlich bitteren Bettachtungen über seine Lage hin, als ihm der Präsident des Gerichtshofes gemeldet wurde. „Ich will den Mann nicht sehen", rief er unmuchig, „der mich allem Rechte zu Trotz der Freiheit beraubt." Aber der Präsident war bereits in das Gemach getteten und hatte die Hand auf seine Schulter gelegt. Cremieux sah sich überrascht um und maß den Präsidenten mit düsterem Blick, während dieser ernst, fast ttaurig, vor ihm stand. „Thörichter Mann", sagte der Letztere endlich und seine Hand glitt langsam am Arme Cremieux' hinab, bis sie deffen Hand erreichte und sie krampfhaft drückte, „begreifen Sie denn nicht, daß ich nur zu Ihrem Besten gehandelt habe? Das Gericht hat Sie schuldlos befunden, aber das Volk will Opfer haben und hätte Sie auf der Sttaße in Stücke zerrissen! Doch lassen Sie mich auch nun Ihre Gattin sehen." Madame Cremieux, welche in einer andern Abtheilung des Hauses untergebracht war und sich inzwischen etwas erholt hatte, weigerte sich gleichfalls in bitteren Worten, den Besucher zu empfangen. Aber dieser gab sich darum nicht geschlagen. „Sie wagen es, vom Präsidenten des Gerichtshofes so zu sprechen?" sagte er zu ihr. „Nun wohl, zur Sttafe werden Sie dieses Gefängniß nicht verlaffen!" (Die kranke Frau wahr ohnehin keines Schrittes fähig.) Und da wtt keinen Ueberfluß an Zellen haben, werden Sie das Zimmer Ihres Gatten theilen. Nun Madame", fügte er lächelnd hinzu, „find Sie zufrieden?" — Cremieux und seine Frau verblieben mehrere Monate in diesem übrigens ganz erttäglichen Gefängniffe, in welchem ihr Sohn, der künfttge große Advocat, des Licht der Welt erblickte.

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