Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-23 · Heft 12 (23.3.1880) · p. Seite 185

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 12 (23.3.1880)
Date
1880-03-23
Page
Seite 185 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227298--37915-3307098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

185 I testamentlichen Canons gehen beide Religionen auch äußerlich auseinander. Durch die schriftliche Feststellung des religiösen Schriftthums gewann aber der neue Glaube ein entschiedenes llebergewicht über den Rabbinismus, -essen Lehren dem Volke, weil sie nur mündlich vorgettagen wurden, nicht zugänglich waren. Wegen Erhaltung des Gleichgewichtes sah sich das Oberhaupt des Rabbinismus gezwungen, die rabbinischen Satzungen ebenfalls niederzuschreiben. Da Rabbi Jehuda hierdurch der eigentliche Juaugurator des Rabbinismus wurde, so hat der Bolksgeist in seinen Charakter viele Züge des Stifters der neuen Religion hineingewebt. Dieses geschah unbewußt und unwillkürlich. Unvermerkt vollzog sich im Bolksbewußtsein die Ueberttagung chri st alogischer Sagen in den Erzählungsbereich über den Neubegründer des Rabbinismus. Die Vorlage wird einer Commission zur Begutachtung überwiesen." Es versteht sich, daß wir uns eines vollen Urtheils begeben müssen, bis die Abhandlung des Di-. Gelbhaus selbst uns vorliegt. Vorläufig müfien wir jedoch bemerken, daß wir in keinem Puntte mit dem Obigen übereinstimmen. Zunächst hat R. Jehuda die Mischna zwar gesammelt, erweitert und fixirt, worin er dem Beispiele früherer, namentlich R. Akiba's folgte, aber niedergeschrieben hat er sic nicht» sondern sie ebenfalls mündlich tradirt, und erst seine Schüler Hija und Oschaja fingen das Aufschreiben an, und zwar zunächst mit der Baraitha. Die Erklärung ist daher sehr einfach und natürlich. Gerade der Umstand, daß ein so umfangreicher Stoff gesammelt und geordnet und dadurch bis ins Einzelnste fixirt und sancttonirt war, mußte allmälig das Niederschreiben zum äußersten Bedürfniß machen, um nichts verloren gehen zu laffen. Die Hypothese des Herrn G.. daß diese Niederschrift den neutestamentlichen Schriften gegenüber geschehen, hat deshalb gar keine thatsächliche Unterlage. Den letzteren gegenüber hatten die Juden das Alte Testament und bedurften zum Widerstreite keines weiteren Schriftwerks. Auch die Ansicht, daß die Sagen über R. Jehuda einen christologischen Charaker hätten, erscheint uns geschraubt. Die wesentlichen Mittheilungen über ihn lauten ganz anders. Er war sehr reich und mildthätig; er war ehrgeizig, hielt viel auf seine Autorität, war stteng gegen seine Schüler und eiscrsüchttg aus das Ansehen des babylonischen Exilsfürsten. Am wenigsten kann endlich eine psychologische Voraussetzung für geschichtliche Thatfachen ein Gewicht haben, da eben psychologische Beobachtungen sehr stritttg sind. Es können sich auch zwei Erscheinungen berühren, von denen die eine Einfluß auf die andere übt, ohne von dieser influitt zu werden. Einfluß auf das Judenthum seitens des Christenthums gewahren wir erst viel später, als die Juden mitten in der christlichen Welt lebten. Diese Einwände nur im Allgemeinen; Näheres erst wenn die Abhandlung wirklich gedruckt ist. Bonn, 22. Februar. (Literarische Notizen.) Der lebhafte Kampf, der in der letzten Zeit nach außen zu führen war, machte es uns des beschräntten Raumes wegen unmöglich, über die literarischen Erscheinungen zu berichten, und wir haben daher nicht wenig nachzuholen. Zu unsrer großen Befriedigung begrüßte uns zum 70jährigen Geburtstage des verehrten Dichters Ludwig August Frankl die Ausgabe seiner „Gesammelten poetischen Werke" in drei Bänden (Wien, Hartleben 1880). Wir empfinden die Freude unsres Freundes, die dichterischen Erzeugniffe seines Lebens in schöner Ausstattung vor sich zu haben, lebhaft mitz Frankl ist ein wahrer Dichter. Dies bewährte sich schon dadurch, daß die Gabe der Muse, die ihn einst in jungen Jahren dem Berufe entzog, welchem seine Studien gegolten, ihm treu geblieben durch sein ganzes bewegtes Leben. Er ist Lyriker und Epiker, jedoch das erstere mehr als das letztere: denn auch die epischen Stoffe behandelt er in lyrischem Geiste. Eine reiche Sprache, eine Fülle von Bildern und eine leichte Bersification mit glücklichem Reim zeichnen ihn aus. Was ihm fehlt, ist insonders das Geschick, dem Gedichte eine epigrammatische Pointe zu geben, und den Gedanken in eine knappe Form zu bringen. Wenn wir in dieser Ausgabe die früheren Dichtungen Frankl's aus seiner ersten Periode durchmustern, so gewahren wir mit Vergnügen, daß sie in keiner Weise veraltet sind, daß sie noch immer so frisch und lebendig und formgewandt in die Gegenwatt hineintteten, wie sie sich vordem ihren Platz gewonnen hatten, lind dies ist uns ein Zeugniß, daß sie nicht zu den vorübergehenden Erscheinungen der poetischen Literatur gehören. Bekannt ist, daß Frankl sich auch vielfach jüdischen Stoffen zugewandt, und wir begegnen deshalb in dieser Ausgabe Vielem, was uns längst liebgeworden. Gewünscht hätten wir, daß den einzelnen Gedichten das Jahr ihrer Entstehung, wenigstens im Register, hinzugefügt worden wäre, weil wir dadurch in den Staugesetzt sein würden, den Entwickelungsgang des Dichters näher beobachten zu können. Das gegenwärtige Geschlecht will einmal Alles auch aus dem geschichtlichen Wege nachgenießen. Hoffen wir, daß cs dem Dichter auch am Abend seines Lebens vergönnt sein werde, uns noch mit mancher Frucht seiner schönen Begabung zu erftcuen. — Eine interessante und bleibenwichtige literarische Erscheinung ist: „Reden des Staats- Ministers vr. Falk, gehalten in den Jahren 1872 bis 187'.». Drei Theile in einem Bande. Mit Einleitungen, erläuternden Anmerkungen und ausführlichen Registern." (Berlin, Korkamps.) Die Sammlung dieser Reden ist nach den Haupt gegenständen geordnet: der erste Theil über die gesammte Unterttchts-Berwaltung, der zweite über die Rechtsverhältnisse zwischen Staat und Kirche und der dritte vermischten Inhalts. Jeder Rede geht eine erforderliche Einleitung über den Gegenstand, die Gesetzesvorlage u. s. w., die ihr zu 12 i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.