Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1880)
- Date
- 1880-03-23
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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184 gehalten darüber; für uns hingegen ist diese Wahl ein schönes Zeugniß sowohl für die Bevölkerung als für diesen Juden. — Wir haben bereits die Ernennung unsres Glaubensgenossen, des Brigade-Generals S»öe zum Divifions-General gemeldet. Die Blatter enthalten über diesen Mann die folgenden näheren Mittheilungen. Leopold See steht gegenwärtig im 58. Lebensjahre; er wurde am 4. Mai 1822 zu Bergheim im Elsaß geboren, ist also, da ihm noch sieben Jahre zu der im französischen Gesetz vorgeschriebenen Alters grenze, bei welcher die Pensionirung erfolgt, fehlen, noch jung genug, um auch noch Korps-Kommandant werden zu können. Er hat 1842 die Militärschule von Saint-Cyr absolvirt, aus welcher er als Unterlieutenant in die Infanterie eintrat. 1847 wurde er Oberlieutenant, 1850 Hauptmann, 1855 vor den Mauern Sebastopols Bataillonschef (Major) und Ritter der Ehrenlegion, 1863 Oberstlieutenant und 1868 Oberst. In dem deutsch-französischen Kriege von 1870—1871 trug ihm seine Haltung an der Spitze eines Regiments in dem Ausfallsgefechte von Le Bourget bei Paris den Brigadegeneralsrang ein. In der letzten Zeit kommandirte er die 18. Infanterie-Brigade in Paris. Als am 18. Juli 1876 seine Ernennung zum Kommandeur der Ehrenlegion erfolgte, war in dem betreffenden Dekrete mit angemerkt, daß er neun Feldzüge mitgemacht habe und viermal verwundet worden sei. General See entstammt einer der geachtetsten Familien Frankreichs, von deren Mitgliedern gegenwärtig auch eines als Präfekt, ein anderes als Unterpräfekt und ein drittes (Camille See) als Deputirter thätig ist, während ein viertes (Germain See) zu den namhaftesten Professoren der medizinischen Fakultät von Paris gehört. — Auch in Galatz wurde dem verst. Cremieux ein feierlicher Trauergottesdienst gehalten, und liegt uns ein gedrucktes Heftchen vor, welches den Akt beschreibt, und die gehaltenen Gedächtnißreden enthält. Der Schuldirektor C. Kahane sprach in rumänischer, Herr Samuel Pineles sehr beredt in deutscher Sprache. — Die jüdische Gemeinde zu Odessa beschloß bei Gelegenheit des 25 jährigen Regierungsantritts des Kaisers Alexander II. ein Asyl für 62 Greise (nach der Zahl der Lebensjahre des Kaisers) zu gründen, und votirte hierfür 100,000 Rubel. — Am 10. März feierte die jüdische Gemeinde zu Minden den 70sten Geburtstag ihres Vorstehers, des Herrn S. Ph. Wolfers, der seit 40 Jahren das Vorsteheramt bekleidet, und seit 20 Jahren Mitglied des Stadtraths ist. Eine Deputation überreichte ihm einen kostbaren Ehrenpokal und eine schön ausgeführte Adresse. Der Prediger der Gemeinde, Herr Liepmannssohn, hielt eine ergreifende Ansprache, in welcher die Verdienste des Jubilars gewürdigt wurden. Bonn, 25. Januar. (Literarische Notizen.) Die Sitzungsprotocolle der k. Wademie der Wissenschaften in Wien, Jahrg. 1880, Nr. 1, enthalt unter Anderem einen Bericht, den wir, auch nach dem Wunsch des Herrn vr. Gelbhaus, hier wiedergeben. „Herr vr. Sigmund Gelbhaus, zur Zeit Rabbiner in Karlsstadt, überreicht eine Abhandlung mit dem Ersuchen um ihre Aufnahme in die Sitzungsberichte. Die Abhandlung ist betitelt: „Rabbi Jehuda Hanaffi und die Redaction der Mischna, betrachtet unter dem Gesichtspunkte des Verhältnisses der neutestamentlichen Literatur und ihrer Erzählungen zu dem rabbinischen Schrifttbume und seinen Sagen". Rabbi Jehuda Hanaffi, schlechthin Rabbi genannt, ist der Mittelpunkt des rabbinischen Judenthums. Sage und Geschichte wetteifern mit einander, ihn als ein Muster der Vollkommenheit darzustellen. Da seine Thättgkeit vorwiegend der Religion angehört, so hat die Mythe ihren Schleier über ihn ausgebreitet und ihm jenen Nimbus verliehen, der allein bei Glaubenshelden anzutreffen ist. Die ihn betreffenden Sagen unterscheiden sich wesentlich von den sonst in dem rabbinischen Schriftthume sich befindenden. Das Charakteristikon der letzteren ist das lleberschwängliche, das Merkmal der ersteren ist das Leiden, der Schmerz und die Verklärung. Rabbi Jehuda erscheint in ihnen als eine schmerzensreiche Persönlichkeit, als ein Leidender für Viele, der durch seine Qualen das Hebel Aller mildert. Er findet Wohlgefallen am Schmerze und er geht ihm nicht aus dem Wege. Das Leiden ist über ihn verhängt, und er sucht es auf, weil es sein Schicksal, seine Bestimmung ist. Kurz, die Erzählungen über Rabbi haben eine auffallend christ o logische Färbung, wie der Sagenkreis der neutestamentlichen Literatur." „Die Bedeutung Rabbi Jehuda's auf praktischem Gebiete besteht in seiner Sammlung der mündlichen Ueberlieferungen und ihrer schriftlichen Redaction, welche er Maßnita nannte. Was ihn bewogen hat, das alte Verbot: „die mündliche Tradittonslehre darfst du nicht niederschreiben", zu ignoriren, ist von den Literatoren nicht genügend erklärt worden. Eine Ltteratur, seit undenklichen Zeiten nur mündlich vorgetragen, erhält nicht durch geringfügige Ursachen eine schriftliche Redaction. Nur tief eingreifende Bewegungen können solches bewirken. Eine solche vorangegangene Erschütterung war die Entstehung und noch mehr die Entwickelung des Christenthums. Wenn es wahr ist, daß die Gestaltung des Christenthums von dem damaligen Judenthume beeinflußt wurde, so muß dieses auch umgekehrt der Fall gewesen sein. Denn es ist eine psychologische Unmöglichkeü, daß von zwei einander sich berührenden Geistesschichten nur die eine von beiden den Einfluß der anderen erfahren soll. Es muß die Einwirkung eine gegenseitige sein, und daraus ist auch die Mischna- Redaction zu erklären. Das Christenthum der erstenZeit konnte, trotz seines eigenthümlichen Principes, wegen seines Mangels an festen dogmatischen Formen mit mancher rabbanüischen Secte verwechsett werden. Erst mit der Abfassung des neu- » L