Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1880)
- Date
- 1880-03-02
- Page
- Seite 140 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227295--37863-3307043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 fern nicht richtig, als man diese Theilnahme schon viel früher her datiren muß. Namentlich muß man dies hinsichtlich Berlins, wofür die Beweise bereit sind. Hier einen solchen. Eberty beschreibt die außerordentliche Wirkung, welche die Reden und Vorträge Fichte's in den Jahren der Erniedrigung des preußischen Staates übten. Nach Fichte's Ansicht war mit dem älteren Geschlecht, welches in Erschlaffung und Sittenverderbniß herangewachsen sei, nichts zu machen; vielmehr müffe Alles darauf gerichtet werden, die Jugend zu feinen Menschen heranzubilden und alle Kräfte der Seele und des Leibes zu entwickeln. Unter den Schülern Fichte's, erzählte Eberty, befanden sich zehn junge Männer aus den verschiedensten Ständen, ihrer Religion nach Protestanten und Juden, die in reiner Begeisterung beschloffen, ihr Leben dem Bestreben zu widmen, nach Fichte's Auffaffung ein befferes Geschlecht heranbilden zu helfen. Sie begaben sich zu ihrer fachgemäßen Vorbildung nach Pverdun am Neuchateler See, wo Pestalozzi's weltberühmte Erziehungsanstalt damals in Blüthe stand. 1877 heimgekehrt, errichteten sie eine höhere Erziehungsanstalt, eine Art von kleiner Republik, in welcher die Lehrer gleichberechtigt waren und sich nach ihren Fähigkeiten und Anlagen in die Geschäfte theilten. Sie wurde nach dem einen Lehrer die Cauer'sche Anstalt genannt. Die nähere Beschreibung lese man bei Eberty nach. Unter den Lehrern waren einige Juden und unter den Schülern recht viele. Ein Religionsunterricht fand in der Anstalt nicht statt, vielmehr herrschte ein rein deistischer Geist. Von den positiven Religionen wurde, wo es die Gelegenheit mit sich brachte, mit Hochachtung gesprochen. Die kurzen Gebete, die beim Anfang und Ende jeder Mahlzeit gesprochen worden, hatten nur eine allgemeine deistische Färbung. Frivolität war verpönt. Als sittliches Princip wurde eingeschärft: das Gute um des Guten selbst willen zu wollen und zu thun; Wahrheit und Schönheit wurden als die eigentlichen Lebenselemente des Menschen bezeichnet. Es entsprach dies völlig dem Geiste, der damals in Berlin herrschte. Dennoch blieb die Anstalt kaum ein Jahrzehend bestehen. (Korrespondenz. Darmstadt, den 7. Januar 1880. Der Redacteur dieser Zeitung hat in einigen Nummern des vor. Jahrg. die neueste Schrift von Ernst Renan besprochen und auf Seite 756 die Behauptung Renan's, daß das Judenthum den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele nicht anerkennt, ja nicht gehabt habe, so daß er (Renan) die jüdischen Märtyrer „ohne Hoffnung auf ein künftiges Leben das Martyrium bestehen läßt", gebührend und treffend durch Anführung von Eitaten aus Bibel, Apokryphen und Talmud zurückgewiesen. Er hätte aber auch die Märtyrer selbst können reden laffen *). Von den von mir edirten und höchst wahrscheinlich von einem Zeit- und Leidensgenoffen herrührenden Bericht über „die Judenverfolgungen in Speyer, Worms und Mainz während des ersten Kreuzzugs 1096" heißt es von den Märtyrern in Mainz1 2): „Und als die Männer des heiligen Bundes wahrnahmen, daß das Verhängniß beschloffen war und die Feinde siegten, schrien sie Alle laut und weinten und sprachen: „Laßt uns ertragen, was uns die heilige Ehrfurcht (Gott) auferlegt; denn tödten uns die Feinde für den Augenblick, so leben wir doch des einzigen Lebens: unsre Seelen werden cingehen und kommen in das Helle Licht, das einzig leuchtet." Und sie sprachen Alle mit gutem Herzen und williger Seele: „Schließlich ist es uns nicht gestattet, über die Fügungen Gottes zu grübeln. Er hat uns seine Thora gegeben, und er will nun, daß wir uns tödten laffen auf die Einheit seines heiligen Namens. Heil uns, wenn wir seinen Willen thun. Und Heil Dem, der getödtet und geschlachtet wird auf die Einheit seines Namens. Nicht genug, daß er der künftigen Welt in der Mitte der Frommen theilhaft wird, sondern er vertauscht auch eine Welt der Finsterniß gegen eine Welt des Lichtes, eine Welt des Leidens gegen eine Welt der Freude, und eine Welt der Vergänglichkeit gegen eine Welt, die immer und ewig bleibt." — Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, auf einen edlen Zug unsres Martyriologen aufmerksam zu machen. Tiefergriffen vom Schmerze über die zu Tausenden hingeschlachteten unschuldigen Opfer, unter denen sich so viele befanden, die „voll waren von Gottesfurcht, Gelehrsamkeit, Demuth, und die heimlich gerne Wohlthaten übten"; empört über die grausame Blutgier vertbierter Unmenschen: ist er dennoch darauf bedacht, denjenigen Christen, welche ein menschlich Fühlen in ihrem Herzen hatten, volle Gerechtigkeit angedeihen zu laffen und ihr Andenken der Nachwelt zu überliefern. Vom Bischof Johannsen von Speyer sagt er, derselbe sei ein frommer Mann gewesen, dessen Herz Gott erfüllte, „um unfern Ueberrest am Leben zu erhalten"; den Bischof Ruthard, über welchen die Historiker (Schloffer's Weltgeschichte, Bd. 5 S. 185; Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Bd. 3 S. 657) ein Verdammungsurtheil aussprechen, suchte er einigermaßen zu vertheidigen: „Im Anfang habe er die Absicht gehabt, uns zu retten, zuletzt sei er sauer, d. i. schlimm geworden." Dieser Umstand beweist auch, mit welcher geschichtlichen Treue unser Martyriologium niedergeschrieben worden ist. Mannheimer. 1) Um gerecht zu sein, müssen wir bemerken, daß Renan insbesondere von den „zehn Märtyrern" nach dem Aufstande von Bar- Cochba spricht. Redact. 2) Man sehe Seite 537 in der Frankel's (Grätz') Monatsschrift Jahrg. 1879. — Meine Uebersctzung (Darmstadt, A. Lange) S. 24 Anmerk. _