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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-02-03 · Heft 5 (3.2.1880) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 5 (3.2.1880)
Date
1880-02-03
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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74 Frankreich. I Paris, 15. Januar. (Privatmitth.) Der „Temps" setzt; die langathmigen Correspondenzen aus B er lin über die deutschen j Judenhetzen rüstig fort, wie dies wieder in seiner Nummer vom I 13. geschehen ist. Es ist offenbar ein schadenfroher Geist, der! diese Correspondenzen beseelt, und zwar Schadenfreude an den Deutschen und an den deutschen Juden. Wie man es in fast allen ausländischen Blättern, z. B. in allen liberalen Zeitungen : Belgiens lesen kann, betrachtet man diese andauernden Schmähungen und Verfolgungen der Juden in Deutschland als eine Erniedrigung des letzteren, sowohl als Selbsterniedrigung: da es sich den Juden gegenüber benachtheiligt, ja ohnmächtig stellt, wie auch als Beweis kleinlicher Gesinnung und niedriger! Leidenschaften. Den deutschen Juden aber tragen es die Franzosen noch immer nach, daß sie sich 1870 so durchaus deutschpatriotisch bewährt haben. Wie sich die Franzosen vor Beginn des Krieges eingebildet hatten, daß die deutschen Klein- und Mittelstaaten sich auf ihre Seite stellen und gegen Preußen erheben würden, so glaubten sie auch, daß die deutschen Juden, weil sie noch immer nicht in den Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte gesetzt seien, und in dankbarer Erinnerung, daß die Emancipation der Juden auf dem europäischen Festlande von Frankreich ausgegangen, den Franzosen ihre Sympathien und womöglich ihre Dienste entgegenbringen würden. In beiden Erwartungen sahen sie sich getäuscht und der von den Juden bewährte deutsche Patriotismus war ihnen ein Dorn im Auge. Daß die Juden jetzt in Deutschland so schlecht behandelt werden, daß man ihnen hier gerade das abspricht, wodurch sie den Franzosen so durchaus mißfällig geworden, das nationale Bewußtsein und den deutschen Patriotismus, das erregt bei ihnen eine große Befriedigung und darum laffen sie sich gern so ausführlich über eine Angelegenheit erzählen, die im großen politischen Leben Europas doch keine Wichtigkeit hat, vorübergehend ist und weder die äußeren noch die inneren Verhältniffe der Staaten verändert. Aus diesem Grunde giebt sich der neue Artikel des „Temps" den Anschein, als ob er an eine Wendung des Kampfes nach der Intervention des Kaisers und des Kronprinzen nicht glaube, vielmehr daß dieser immer heftiger entbrennen werde; aus diesem Grunde citirt er aus Grätz' Geschichte, der er große Lobsprüche widmet, vorzugsweise lange Stellen, die gegen die sg. Teutomanie gerichtet sind, und stellt ausführlich die Projecte Stöckers auseinander, während er Oppenheims Aufsatz in der „Gegenwart" mit wenigen Zeilen abmacht. Hierin liegt sicherlich keine gleiche Vertheilung von Licht und Schatten. Finden wir doch nicht eine einzige Phrase über das Unrecht, das man uns zufügt. — In Frankreich giebt es keinen erbitterteren Feind des Clericalismus als den gegenwärtigen Gemeinderath der Stadt ' Paris. Er versuchte alle Subventionen zu streichen, welche das den Gemeinden zu Gunsten der drei anerkannten Culte auferlegt. Dieser Versuch scheiterte, denn die Regierung mußte nach dem Gesetze den desfallsigen Beschluß des Gemeinderaths cassiren Dagegen verhinderte es den Gemeinderath nicht, die Unterstützungen zu streichen, welche die Stadt bisjetzt den nach der Confession getrennten Wohlthätigkeitsanstalten bewilligte, und so verlor auch das israelitische Wohlthätigkeits-Comite die jährliche Subvention von 1000 Frcs. Seitens der Stadt. — Der Kapitän von der 1. Claffe des Majorstabes des Genie- Corps H. Worms, bisjetzt Chef des Genies zu Auxerre, ist soeben Obrist-Lieutnant geworden. — Jsaac Pereire hat die Summe von 100,000 Frcs. zu Preisen für die besten Arbeiten über die Frage, wie der Pauperismus zu bekämpfen sei? ausgesetzt. Ein ausführliches Programm präcisirt die verschiedenen Fragen, die zur Beantwortung gestellt werden. Belgien. Brüssel, 11. Januar. (Privatmitth.) Wer die Verhältniffe in unsrem Staate, die Ereigniffe des verfloffenen Jahres kennt und das bevorstehende Nationalfest, die 50jährige Jubiläumsfeier unsrer Verfassung, die in diesem Jahre bevorsteht, in Betracht zieht, wird sich nicht wundern, daß die Aeußerungen der Vorstände der drei officiellen Culte bei der Neujahrscour vor dem Könige und der Königin ein besonderes Interesse erweckten. Die belgische Presse sprach dies auch in vollem Maße aus. Sie theilte die Reden, die der Großrabbiner Astruc im Namen des israelitischen Consistoriums, der Pastor Rochedieu im Namen des evangelischen Consistoriums und der Pfarrer Nuyts im Namen der katholischen hauptstädtischen Geistlichkeit hielten, wörtlich mit. Diese Reihenfolge hielten die liberalen Blätter ein, wir theilen deshalb die Rede des Herrn Astruc in wortgetreuer Uebersetzung hier mit. „Sire, Madame! Nicht zum Beginne eines gewöhnlichen Jahres bringt heute das israelitische Consistorium Ew. Majestäten und der königlichen Familie seine Huldigungen dar; es ist zum Schluffe einer langen Periode, während deren Belgien vor den Augen der Welt die delicateste und schwierigste Aufgabe gelöst hat. Es handelte sich schon seit einem halben Jahrhundert darum, einen neuen Staat zu gründen, nicht, indem wie anderswo Ruhe und Freiheit geopfert wurde, sondern indem man diese zu einem harmonischen Ganzen vereinigte. Diese Wandlung glückte durch die Weisheit des Gründers der belgischen Monarchie, durch die seines Sohnes und durch die Kraft der politischen Bildung seitens der Nation. Während fünfzig Jahre sah man die Parteien im heftigsten Kampfe, aber durch erhabene Beispiele im Zaum gehalten, achteten sie, zum Besten Aller, gewissenhaft den Grundvertrag des Landes.

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