Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1880)
- Date
- 1880-02-03
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wieder zu nehmen, nur daß er dies nicht klar herauszusagen j wagt, indem er seine Absicht in einige mystische Phrasen hüllt,! Er sagt: „Hoffen wir, daß ein lebendiges evangelisches! Bewußtsein sich wieder bildet. Dann wollen wir uns unter seine Fahne stellen und den Staat erobern, den Staat und; Alles, was darinnen ist, nicht mit dem tödtenden Buch-1 staben, sondern mit dem lebendig machenden Geiste. Dann j werden wir für die rechtlich verbriefte Gleichgiltigkeit des Staatsbürgerthums gegen die inneren Mächte der Menschen! die rechte Schranke zu finden wissen, indem wir den Zusammen-! hang zwischen dem inneren Wollen und dem äußeren Recht: wieder zum Ausdruck bringen. Und wenn wir selbst in uns! nicht mehr unsicher find, über alle Probleme des höheren1 Lebens und ihren Zusammenhang mit dem Staate, dann wird; die öffentliche Meinung stark genug sein, selbst ohne gesetzliche! Waffen den Genius des deutschen Staats und der deutschen! Nation nicht mehr in frecher und alberner Weise insultiren zu lassen." Wir wollen nicht fragen, welches „evangelisches Bewußtsein" der Grenzbote meint, jedenfalls aber kann er nicht behaupten, daß mit diesem das „Gravitiren nach Rom, nach lokalem oder universellem Palästina, nach materiellem Erwerb und Genuß u. s. w." aufhören werde, und somit wäre das von ihm gestellte Problem doch nicht gelöst. Mit solchen Phrasen können die großen Fragen der Zeit und des Staates nicht gelöst werden. Solche Gegner werden die Fundamente des modernen Rechtsstaates nicht umstoßen! Fürth, im Januar. (Privatmitth.) In hiesiger Stadt! bilden die Israeliten etwa 12°/0 der Gesammtbevölkerung, es > leben unter 28,000 Einwohnern ca. 3400 jüd. Seelen. Nach! Ausweis der Standesregister befanden sich im Jahre 187!)! unter 1102 Geborenen 65 israel. Kinder (ca. 6o 0), also tun: j die Hälfte des Procentsatzes, welchen die Israeliten hier bilden.! Unter diesen 1102 Geburten waren 045 ehelich und 247 un-! ehelich Geborene, von letzteren treffen auf die Israeliten 2 Ge-! bürten (i>,80/w) eine Zahl, die den sittlichen Zustand charakterisirt. | Gestorben sind 1879 hier 882 Personen, darunter 55 Juden > (über 6°/0), also bietet sich hier die gleiche Erscheinung wie j bei den Geburten. Die Zahl der Eheschließungen betrug 1870! hier 229, worunter 24 unter Israeliten (über 10w/0), Mischehen zwischen Juden und Christen sind für dieses Jahr hier nicht zu ^verzeichnen. Fürth. 20. Januar. (Privatmitth.) Wie viel die Vereinigung der Kräfte, wenn ein guter und ernster Wille sie leitet, für das Gemeinwohl zu leisten vermag, davon hat die hiesige jüdische Gemeinde in diesen Tagen wieder ein anerkennenswerthes Zeugniß geliefert. Es hat sich nämlich ein Somit« zur Gewinnung von Mitgliedern für die ..Alliance israelite universelle4' hier gebildet, welches, obwohl bisher nur auf privatem Wege wirkend, bereits ca. 00 Mitglieder für die Allianz gewonnen hat. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die Zahl ansehnlich sich vermehren wird, sobald das prov. Somit«? den Zeitpunkt für günstig erachtet, an die Glieder der bies. Gemeinde einen öffentlichen Aufruf behufs Beitritt zur Allianz zu erlassen und zu einem definitiven Comit sich zu constituiren. Das Verdienst, die Sache angeregt zu haben, gebührt einem edlenMenschenfteunde, Herrn Merzbacher in München, wogegen Herr Leopold Löwen haar hier die Ausführung in Händen nahm. Herr L., der neben seiner kaufmännischen Beschäftigung auch das religiöse Gefühl in sich lebendig erhält, hat den Interessen des Judenthums von jeher sein Streben gewidmet. Oesterreich-Ungarn. Wien, 16. Januar. Der Budget-Ausschuß der Reichsrat hs-Delegation erledigteheuteden Voranschlag des Ministeriums des Aeußeren. Bei diesem Anlasse gelangten mehrere wichtige l Fragen zur Discussion.! Delegirter Dr. Sturm wünscht Aufklärung über den Stand der rumänischen Judenfrage. Im Sinne des I Berliner Vertrages wurde die Anerkennung der Unabhängigkeit! Rumäniens an die Bedingung der vollen Emancipation der! Juden geknüpft. Man war sich wohl der Schwierigkeit der | Durchführung gleich anfangs bewußt, aber das, was bisher geschehen, sei nicht geeignet, als eine Lösung im Sinne des Berliner Vertrages zu gelten. Er stellt daher die Anfrage, ob in dieser Angelegenheit noch Verhandlungen schweben oder ob die Regierung die Sache bereits für abgethan halte. Minister des Aeußern Freiherr v. H avmerle: Die österreichische Regierung hat schon auf dem Berliner Congresse für die Gleichstellung aller Confessionen im Orient im Allgemeinen kräftig gewirkt.. Was die in Frage gebrachte Accreditirung eines Gesandten in Rumänien anbelangt, so hat dieselbe ihren Grund in den überwiegenden vitalen Interessen, welche Oesterreich in diesem Lande zu vertreten hatte, in welchem sich mehr als 1(0,000 österreichische Unterthanen befinden. Diese Accreditirung erscheint daher schon aus diesem Umstande vollkommen begründet. Die rumänische Regierung ist ihrerseits auch bestrebt gewesen, den Bestimmungen des Berliner Vertrages wenn auch nicht dem vollen Umfange nach, doch nach Möglich- . keit der Verhältnisse in der diesbezüglich in den Kammern ein-! gebrachten Vorlage gerecht zu werden. Die Regierungsvorlage! ist jedoch an dem absoluten Widerstande der Kammer und des; Volkes gescheitert, welcher zu mehrfachen Modisicationen der ' Regierungsvorlage geführt hat. Die rumänische Regierung hat! die diesbezüglichen Voten der gesetzgebenden Körper mit einer; Circular-Note den Mächten mitgetheilt und ist in derselben be-! müht gewesen, darzuthun, daß unter den vorwallenden Verhältnissen für den Moment nicht mehr erreicht werden könne.