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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-20 · Heft 3 (20.1.1880) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 3 (20.1.1880)
Date
1880-01-20
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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35 die crfterc, weil sie uns einen Einblick in die psychische Der- Er hat also bewiesen, daß Jude und Deutscher, Teutschthum Wirrung gestattet, welche in solchen Geistern herrscht. Ferdi- und Judenthum vollkommen vereinbar sind, woran übrigens nand Hiller ist uns als Componist, als Dirigent, als Meister kein Jude in seinen eigensten Gefühlen jemals gezweifelt hat. auf dem Clavier und als Feuilletonist höchst schätzbar; als Und gleich darauf sollen sich „Viele gezwungen gefühlt letzterer ist er gegenwärtig einer der besten deutschen Stylisten,! haben, ihr Deutschthum durch das Christenthum zu besiegeln"! stets interessant und auf seinem eigenen Gebiete belehrend. Dies kann nur eine Verschönerungs- oder Verschleierungsphrase Doch vermag auch er sich von der Natur eines Feuilleton! sien sein, aber dies hindert nicht, daß sie einen logischen Widernicht frei zu machen, über Alles und Jedes zu sprechen, was spruch mit dem Vorhergehenden enthält. Denn was hat das ihm gerade vorkommt, auch wenn er nicht viel davon versteht.j Deutschthum als solches mit dem Christenthume zu thun? In einer Kritik über das Werk: „Die Familie Mendelssohn"; Die Deutschen waren Deutsche Jahrtausende ehe sie das in Nr. 27 der „Gegenwart" sagt er: „Mendelssohn — — wird zum geistigen Befreier eines unwürdig geknechteten Volkes und legt so auch den Grund zu desien späterer bürgerlicher und politischer Erhebung. Unbegreiflich ist es, daß die Berliner Juden, getaufte und ungetaufte, die gelegentlich so viel Enthusiasmus und so viel Geld ausgeben, ihm nicht längst eine Statue gesetzt haben — Christenthum annahmen, und ein großer Theil derselben wurde mit dem Schwerte dazu gezwungen. Das Christenthum ist keine Nationalität, sondern kosmopolitisch, wollte es sein von Beginn an und war es stets. Die anderen christlichen Nationen sind ebenso gut Christen wie die Deutschen, und zahllose sehr energische Nationen sind keine Christen. Also thatsächlich hat die Phrase Hiller's gar keinen Sinn. Aber der seine Büste wenigstens müßte in der Hauptstadt des deutschen folgende Satz steht abermals im Widerspruch mit den vorher- Reiches überall zu finden sein — in den Cabineten von Geheimräthen und Volksvertretern, wie in den Redactiönen angesehener Zeitschriften — in den Stätten der Kunst wie der Wissenschaft — da, wo jüdische Rabbiner deutsch predigen und wo semitische Theologen das Christenthum vertheidigen." gehenden Worten. Dieser „Zwang" soll „theils von der Ueberzeugung, theils von der despotischen Macht der Verhältnisie" ausgegangen sein. Diejenigen Juden, welche aus Ueberzeugung übergetreten fein sollen, thun dies aus religiöser Ueberzeugung, was wiederum keine „Besiegelung des Deutsch- Wenn Hiller getaufte Juden anregt, Mendelssohn's Büste j thums" ist, und wer der Macht der Verhältnisie nachgiebt, aufzustellen, so haben wir nichts einzuwenden. Wenn er aber will nicht Deutscher, sondern Gerichtsrath, Geheimrath, Proauch die Rabbiner dazu auffordert, so müffen wir ihn daran! fesior oder sonst was werden, was wiederum mit dem Deutscherinnern, daß das Judenthum von bildlichen Darstellungen thum nichts zu schaffen hat. Die „Macht der Verhältnisie"! kein Freund ist, und sich mehr an die Idee, an die geistige j Abermals ein bloßes Wort der Verschleierung, und zwar zu Bedeutung, als an die leibliche Form hält. Daß wir Juden | Gunsten der Mehrzahl der getauften Juden. Auf dem reliden Werth Mendelssohn's wahrhaft zu würdigen wisien, haben wir erst vor Kurzem nachdrücklich erwiesen. Aber, um es giösen Gebiete darf keine andere Macht gelten, als die der Ueberzeugung, und wer sich einer anderen Macht, von welcher offen, zu sagen, der Umstand, daß die ganze Familie Mendels-! Art diese auch sei, beugt, hat seine religiöse Ueberzeugung sohn's vom Judenthume abgesallen ist, hat unsre Beziehungen! verkauft, hat die Religion, zu der er Übertritt, betrogen und zur Person Mendelssohn's sehr herabgeftimmt und uns auf j sie zum Werkzeug seines irdischen Vortheils herabgewürdigt, die Erwägung der geschichtlichen Stellung Mendelssohn's in! Dies ist eine einfache und unumstößliche Wahrheit. Und wer Geist und Gemüth beschränkt. Hiller fährt fort:?will sich ein Urtheil über „die Macht der Verhältnisse" er- „Verdankt nicht sogar unser Theater seinen „Nathan", diese herrliche Schöpfung, wenn auch nur mittelbar, jenem ersten Deutschen unter den Juden und ersten Juden unter den Deutschen? Aber er glaubte als Deutscher Jude bleiben zu dürfen, während viele der durch ihn Herangereiften sich gezwungen fühlten, ihr Deutschthum durch das Christenthum zu besiegeln, die Einen aus Ueberzeugung, die Anderen, um jenem Despotismus, den man die Macht der Verhältnisie nennt, Rechnung zu tragen." Wir wollen hier nicht abermals lintersuchen. inwieweit wir den „Nathan" dem „mittelbaren" Einflüsse Mendelssohn's zu verdanken haben. Aber welche sonderbare Logik in den lauben? Könnte nicht der Betreffende als Jude auch sein „Glück" machen, eine bedeutende Wirksamkeit erreichen? Haben sich die Herren nicht oft genug über diese Macht der Verhältnisie getäuscht? Börne wollte durch die Taufe bei dem Frankfurter Polizeiamte angestellt bleiben, und mußte als Flüchtling in Paris leben. Heine wollte durch die Taufe eine Professur erlangen und erhielt sie doch nicht, wozu er auch schwerlich paßte, und starb in Paris. Mit solchen Redensarten verdeckt man nur die Charakterschwäche und den religiösen Jndifferentismus. Schließlich sagt Hiller: „So'wunderbar es aussieht, doch mag's nur eine logische Consequenz der Befreiung durch den zweiten großen Mose gewesen fein, wenn der Eine seiner folgenden Worten» Mendelssohn ist „der erste Deutsche unter; Enkel den Paulus eomponirte, der Andere die beiden Marien den Juden und der erste Jude unter den Deutschen." Gut. I am Grabe des Erlösers malte, zwei der herrlichsten Werke,

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