Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1878)
- Date
- 1878-12-10
- Page
- Seite 796 (sequence 12)
- Language
- German
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796 litär entgegensteht. Trotz Wunder der Tapferkeit von Seiten des Hauptanführers und einiger Anführer der kleineren Banden zogen wir in jedem Scharmützel den Kürzeren, suchten unsere Zuflucht in dem tiefsten Dickicht der dortigen Urwälder, um endlich von den Kosaken auch von dort wie wilde Thiere gehetzt zu werden. Dazu kam noch die alte Hyder der Uneinigkeit unter meinen Landsleuten, da von jeher so verderblich für uns gewesen. Niemand wollte flch dem höheren Befehle unterordnen, wodurch doch allein ein einheitliches Wirken erzielt wird. Jeder handelte auf eigene Faust, die Spaltung in den höheren Sphären zwischen der Partei des Mieroslawski und der des Langiewitsch pflanzte sich fort bis in die untersten Schichten der Bandenanführer. Was Wunder, daß bei solchem Sachverhalte die einzelnen Banden von der Kriegsfurie aufgerieben wurden. Mir wurde der Auftrag, nach dem östlichen Volhynien mich zu verfügen, um die dort in den Wäldern zerstreuten kleinen Banden zu sammeln und ein einheitliches Jneinandergreifen der einzelnen Glieder zu organisiren. Man hatte mir vorgespiegelt, daß wir an den dortigen, durch die stiefmütterliche Behandlung Rußlands erbitterten zahlreichen Juden einen Rückhalt finden, daß sie uns mit Geld, Munition und Lebensmitteln versorgen würden. Als ich an Ort und Stelle anlangte, fand ich das Gegentheil von alle dem, was mir versprochen worden. Es fehlte an Allem. — Nicht allein, daß der größte Theil der dortigen Judenheit sich ganz indifferent verhielt, es erwies sich sogar, daß die jüngere Generation ganz auf die Seite der Ruffen' meinem Lager, stellte sich gestellt hatte. . . Jetzt erst sah ich die trostlose Lage unserer Sache in ihrem ganzen Umfange ein". — Mein Gewährsmann hielt hier inne, ließ wieder den Kopf hängen und fuhr nach einer Weile fort: „Hier erlaube mir, lieber Abrahinka, Dir eine kleine Episode aus meinem damaligen bewegten, gefahrvollen Leben einzuschalten, die ich, bei all meinem Verlangen mich kurz zu faffen, dennoch nicht auslassen kann. — weil sie speciell auch Juden betrifft, und für ein offenes Auge die geheime Verkettung der Dinge offenbart und die unseren Aufenthalt verrathe. Wir lagen in düsterer Verzweiflung ringsum dasselbe. Die Ereigniffe des Tages bildeten das Thema der leise geführten Unterhaltung. Wie es gewöhnlich bei solchen Erörterungen zu gehen Pflegte, schob man die ganze Schuld den Anstalten des Obersten K. zu, der sie sehr schlecht getroffen haben sollte. . . Da lenkte Einer von der Versammlung das Gespräch auch auf die Juden hin, und meinte, daß dieselben Schuld an allen Mißerfolgen hätten, indem sie den von ihnen gehegten Erwartungen an Geld und Kriegsbedarf nicht entsprochen hätten. Viele zollten ihm ihren Beifall und stimmten mit seiner Meinung überein; da meinten Viele: man müffe sich rächen an diesem undankbaren Volke, das, als es von ganz Europa ausgestoßen, verfolgt wurde, von Polen mit offenen Armen ausgenommen, unter dem humanen Schutze seiner freien Gesetze gehegt und gepflegt wurde; und jetzt dieser schnöde Undankl Die Debatte verlängerte sich in diesem Sinne noch eine gute Weile, als Jemand meinte, man müßte es mit ihnen so machen, wie man es mit dem Bauern in Lithauen gemacht, man müßte ihnen die Hauser über den Häuptern anzünden. Da wurde ihm Beifall geklatscht, viele meinten, der Plan sei superb, — es wäre ein gerechtes Werk der Vergeltung. — Ich lag still auf dem harten Boden, sah beim dunkeln Scheine des kleinen Feuers die wuthentbrannten, zornglühenden Physiognomien an, und mir schauderte vor all dem Elende, das diese Hitzköpfe, diese erbitterten, verzweiflungsvollen Gemüther anzurichten im Begriffe standen. Ich erhob mich von mich in ihre Mitte und richtete ein ernstes Wort an meine Kampfgenoffen: „Haltet ein", rief ich mit lauter Stimme, wenn der Jude uns nicht seine Sympathien entgegen bringt, wer ist daran mehr Schuld, als wir selbst, die wir nie daran gedacht, den Juden zu uns empor zu ziehend Es ist wahr, Polen ist von jeher das Land der Freiheit gewesen. Während ganz Europa, England nicht ausgenommen, unter der Zuchtruthe seiner Tyrannen seufzte, hatte schon Polen seine auf freisinnigste Basis gegründete Constitution und die Freiheit, die wir selbst genoffen, gönnten wir auch Hand der vergeltenden, ewigen Gerechtigkeit, die wir ebenso anderen Völkern. Es ist eine historische Thatsache, daß Kain der großen Geschichte der ganzen Menschheit als in dem j simir der Große, noch bevor er die Feffeln der schönen Esterka einzelnen Leben des Individuums sehen, erblicken läßt. Einst,'.trug, den Juden die freisinnigsten Privilegien gestaltete. Aber es war nach einem harten Gefechte bei dem Städchen S., wobei wir natürlich den Kürzern zogen, mußten wir in dem tiefsten Dickicht der Wälder unser letzte Zuflucht suchen. Es war leider eine harte Niederlage, viele von den Unserigen blieben auf der Wahlstatt, die übrigen halten sich anfangs nach allen Richtungen der Windrose geflüchtet, aber bald, vom Instinkte der Selbsterhaltung getrieben, nach und nach an unserem Sammelplätze zusammen gefunden. Manche von ihnen waren verwundet, ich war noch mit mehreren anderen kampffähig geblieben. Wir zündeten nur ein kleines Feuer an, damit der aufsteigende Rauch den Kosaken, die auf uns fahndeten, nicht was thaten wir für ihr geistiges Wohl, für ihre Erziehung, für ihre Besteiung vom geistigen Joche des Aberglaubens? Nichts! Anstatt sie zu nützlichen Bürgern des Landes heranzuziehen, stießen wir sie zur niedrigsten Stufe des Trödelschachers hinab. Unser Adel gebrauchte sie als Factoren, als Wucherer, deren er seiner unsinnigen Verschwendung wegen nicht entrathen konnte. Wir schloffen sie von allem öffentlichen Leben aus, wir haßten sie nicht, aber wir verachteten sie, selbst der Eintritt in die öffentlicheu Gärten in Warschau, Krakau und Lemberg war ihnen nicht gestattet. (Forts, folgt.)