Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 780 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Väterchen solche süße Schmeichelworte, daß es ihrer übersprudelnden Suade endlich gelang, ihn zu besänftigen, so daß er versprach, sich die Sache noch überlegen zu wollen. Er wollte auf einer andern Seite einen Sturm wagen, ganz nach seiner militärischen Art, wie er es bei der Erstürmung einer Festung zu thun pflegte. — Aber da kam er noch weit übler an. Als ich des Tags darauf in den Saal treten wollte, wo das Clavier stand, rief mich leise der Leibdiener des Generals und raunte mir zu, daß derselbe mich bitten ließ, zu ihm zu kommen. Mit pochendem Herzen betrat ich die Schwelle seines Gemaches. Wenn derselbe in einer Schlacht mir gegenüber gestanden hätte, würde ich gewiß nicht so sehr gezagt haben. — Er lud mich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen, holte weit aus, daß er meine Familie sehr gut einst gekannt habe und sich nicht entbrechen könnte, sie hochzuachten, daß er dann diese Hochachtung auch auf mich übertrug, daß es ihn also höchlich Wunder nehmen müffe, mich jetzt zu der niedrigen Rolle eines Verführers herabgesunken zu sehen, indem ich mich in's unerfahrene, unschuldige Herz seines Kindes zu stehlen gewußt habe. — Ich schwieg eine Weile still, dann aber sagte ich ehrerbietig: „Herr General, ich muß Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich Ihnen zu widersprechen wage und Ihnen erkläre, daß ich keineswegs die Rolle des Verführers gespielt, sondern daß ich selbst der Verführte gewesen." „Was", stieß der General aus, indem er rasch aufstand, „meine Tochter, die voll Unschuld und Tugend ist, soll Sie verführt haben?" ,La", entgegnete ich, indem ich ebenfalls mich erhob und dem General eine Verbeugung machte, „ich wurde eben durch diese Unschuld und Tugend', durch diese Jugend und Schönheit, durch den hohen Adel der Seele, durch die Harmonie unserer übereinstimmenden Gernüther verführt, mich in Ihr einziges, so sehr liebenswürdiges Töchterchen zu verlieben und ich flehe Sie an, Herr General, das Glück zweier Seelen nicht zu zerstören, die der Himmel für einander geschaffen; die Herzensstimme ist Gottesstimme", schloß ich, und wartete in demüthiger Stellung die Entscheidung über mein Lebensglück ab. — Der General machte zornig einige heftige Gänge in seinem Gemache, dann blieb pt stehen, pflanzte sich kerzengerade vor mich hin und begann abermals mir eine Strafpredigt zu halten, daß ich sein Zutrauen bitterlich getäuscht, daß, wenn er auch Alles hintenan setzen wollte, er doch einem Manne ohne Amt, ohne Lebensstellung seine einzige Tochter nicht opfern könne. Ich entgegnete, daß ich von Hause aus reich genug sein würde, um als ein selbstständiger, unabhängiger Mann leben zu können. — Der General entließ mich endlich nach vielen anderen Erörterungen ziemlich gnädig. Ich ging mit erleichtertem Herzen. Abends erhielt ich ein kurzes Billet von Olga, worin sie mich zu einer Unterredung in dem Parke ihres Vaters berief. Es war im August, nach einem heißen Tage trat eine kühle Nacht ein. Der Mond ergoß sein mysteriöses Licht über das Dickicht des Parkes. Zwischen den hohen Linden und dicht belaubten Akazien erblickte ich eine schlanke Gestalt in weiße Gewänder gehüllt. Ich eilte auf sie zu: es war Olga, die mich in ihre Arme schloß. Sie theilte mir mit, daß sie nach meinem Weggehen eine Unterredung mit dem Vater gehabt habe, der sich zu Bitten herabließ, daß sie von mir laffe; als sie aber standhaft geblieben, schützte er neue Vorwände zu seiner Verweigerung unserer Vereinigung vor. „Er wollte noch sein letztes Geschütz vorführen, wie ich merkte", fügte sie hinzu, „indem er meinte, daß man es höheren Ortes sehr übel nehmen würde, wenn er sein einziges Kind, die Erbin solcher reichen Güter, mit einem Polen, dazu noch einem verbannten, politisch verdächtigten, vermähle. Allein diesem stellte ich entgegen, daß es doch viele Beispiele gebe, wo sehr hoch gestellte Personen russischer Abstammung sich mit Polinnen vermählten, warum sollte es denn einem polnischen Grafen nicht erlaubt sein, sich mit der Tochter eines russischen Generals zu vermählen? Der Vater sträubte sich noch eine Stunde lang, indem er seine Befürchtung aussprach, daß, wenn er den Obersten zurückweise und den Grafen begünstige, es zu einem blutigen Conflicte zwischen den jungen Männern kommen könnte, der für beide und sogar für meine Ehre fatal werden dürste." — Demzufolge beschwor sie mich, jeder Begegnung mit dem Obersten auszuweichen und auf meiner Hut zu sein; sie sehe ein, daß endlich doch der Vater nachgeben werde. Ich versprach Olga, daß ich, so viel es in meiner Macht stehen werde, bestrebt sein würde, zu verhindern, daß es zwischen mir und dem Obersten zu einer Collision komme, und nahm von ihr zärtlichen Abschied. — Mein Glücksstern wollte es, daß nach einigen Wochen das Regiment den Befehl erhielt, zu den Herbstmanövern zu gehen, und der Oberst die Stadt verließ; wir wurden verlobt. Meine Mutter zögerte nicht, mir ihren mütterlichen Segen schriftlich einzusenden und fügte ein werthvolles Geschenk in Kleinodien für meine Braut hinzu. — Ich wurde nach dem mehrere Jahre darauf erfolgten Ableben meiner Mutter der Erbe einer Anzahl von Gütern, die mir die Mittel gewährten, auf eigenem Fuße zu stehen. Als bald nachher der Vater meiner Olga verschied, wurde ich durch das Erbe meiner Frau der reichste Gutsbesitzer im .... schen Gouvernement. Pfeilschnell flogen uns die ersten Jahre nach unserer Vermählung dahin. Ich widmete meine ganze Kraft der Verwaltung unserer Güter, die bis jetzt nach dem alten Schlendrian geführt worden, engagirte einen tüchtigen Agronomen, baute Mühlen, Brennereien, verbefferte den Anbau des Landes, die Viehzucht, mit einem Worte, ich vermehrte den Ertrag der Ländereien auf's Dreifache. (Fortsetzung folgt.)