Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1878)
- Date
- 1878-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emeine eilung des Iudenlhums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 dis 2'/- Bogen. Preis ] Vierteljährig :r Mark. Inserate werden | i mir -m Pf. für die Vciirzeilc oder deren , Kaum bercchncl. |; Alle Ponäniler und Buchhandlungen! nehmen Bestellungen an. '! Hera ns gegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redacrionellcu Angelegenheiten! wende man sich an l>r. 0. phiUppson in > Bonn : hinsichtlich der Inserate an Alolle i» Leipzig und vcffcn Filiale« > in Berlin. Breslau :c. > Iuserate, welche disDonnrrstag erngehen,; sinden in der darauffolgenden Nummer I BerüNsichrigung. Beilagen werden mir 1 Mark 50 Pf. i>rc> Hundert berechnet. 42. Jahrgang. Leipzig, den 15. October 1878. *0 42. Änbulr. Leitende Artikel: Ein Brief über einige Zeitfragen. — Erne neue Verfolgung in Rumänien. - Zeitungsnachrichten : D eutschl and: Berlin, Paderborn, Ans dem Großherzogthum Hessen, .Hannover, Aus der Provinz Posen. — Oesterreich-Ungarn : .llolomea. Wien, Ezernotvitz, Pest. — Bosnien: Sarajewo, Bihacs. — Rumänien: Bottuschan. — 21 in er i fa: (Siitcnmati. — Bonn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton: Feldgottesdienst am Rasch haschana zu Brood in Bosnien. — Vermischtes: Juden in Griechenland während des Mittelalters. Civilstand der Israeliten in Algerien. Tie Frtedensgesellschaft und Jesajas. Eine russische Loldatenrasche. Mensch und 2lffe. S^aicitdc Bonn, 9. October. Ein Brief über einige Zeitfragen. Wie es in der Natur Ereignisse giebt, welche wegen ihrer Seltenheit und des Umfangs, den sie annehmen können, die allgemeine und zwar ängstliche Aufmerksamkeit erregen, z. B. ein heftiges und ausgedehntes Erdbeben: so auch Begebenheiten und Vorgänge in der Menschenwelt. Da erstehen hundertfache Fragen, dort — in der Natur — nach den Gesetzen und Ursachen, nach und aus welchen sie kommen und verlausen, hier — in der Menschenwelt — nach der Stelle, welche sie in der Culturgeschichte und in der sittlichen Weltordnung einnehmen, wie sie aus den politischen und nationalen Verhältniffen entstehen konnten, wie sie in unsre Zeit paßten und ihr ent- oder widersprechen und dergleichen. So bleibt unser Blick gegenwärtig an den furchtbaren Gräueln haften, welche auf der Balkanhalbinsel jüngst geschehen sind und noch immer nicht aufgehört haben, an den Verheerungen ganzer Landschaften, an der Niedermetzelung ganzer Bevölkerungen, wie sie namentlich an den mohamedanischen Bewohnern verübt worden und werden. Das Herz empört sich. Dies ist die gerühmte Humanität des nennzehnten JahrhundertsDies ist die Culturmission, die von Westen nach Osten vollbracht werden soll! Dies ist das Verfahren christlicher civilisirter Völker! Wie ist das zu begreifen? . . . So fragen Sie mich, werther Freund, und ich stehe nicht an. Ihnen eine Antwort nach meiner Betrachtungsweise und aus den Gesichtspunkten zu geben, die uns das Judenthum von seinem Beginn an eröffnet, die es durch alle Zeiten und Schicksale sestgehalten hat. — Sie werden sich des kurzen Spruches erinnern, der zuerst im zweiten der Zehn Worte vernommen wird: „Ahndend die Schuld der Väter an blindem und Kindeskindern." Er wird nicht allein mehrmals wiederholt, sondern auch die Reden Mosis und die gewaltigen Mahnungen der Propheten sind nur Umschreibungen dieses einfachen, aber schwerwiegenden Satzes. Ein sentimentaler Rationalismus hat sich nicht selten gegen diese Worte als hart wie Eisen, als unvereinbar mit der Gerechtigkeit erklärt. Man hat dann den Zusatz: „denen, die mich hassen", betont, um den Inhalt der ersten Worte abzuschwächen. Mag man dies thun, um sich zu beruhigen: die Schwere jener ernsten Worte läßt sich nicht beseitigen. Was heißen sie denn aber? Nichts anderes, als durch die Thaten der Väter werden die nachfolgenden Geschlechter in Verhältnisse gebracht und in eine Richtung getrieben, in welchen, nothwendig wie ein Naturgesetz, die Vergeltung enthalten ist, die dann früher oder später in erschreckender Gestalt über ein lebendes Geschlecht hereinbricht. Allerdings kann dieses Schicksal dadurch geändert werden, daß spätere Geschlechter sich aus dieser Richtung und diesen Verhältnissen herausarbeiten und einen anderen Weg einschlagen, dem ihrer Vorväter entgegengesetzt, und so kann allerdings der Enkel das Geschick beschwören, das ihm der Ahn vorbereitet hat. Hierfür giebt es sowohl bei den Einzelnen