Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-09-25 · Heft 115 (25.9.1838) · p. Seite 466

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 115 (25.9.1838)
Date
1838-09-25
Page
Seite 466 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3224856-3224972--01309-3306603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Cvrrtspondeuzen, Ans;»ge, Repliken. Odessa, I. August 1858. Zur Entlarvung eines Pseudonymen. Hochgeehrtester Herr Redacteur! Als Abonnent und fleißiger Leser Ihrer mit Recht beliebten Zeitschrift, deren Zweck es istLMit und Wahrheit in Israel zu verbreiten, ersuche ich Sie folgendem Aufsätze einen Platz in Ihrem Blatte zu gönnen. Ich führe zum Motive der Gewährung meiner Bitte den Umstand an, daß e» sich hier um nicht« Geringeres bandle, als um die Ehrenrettung einer uralten berühmten Familie, deren Stamm bereits langer als zweitausend Jahre in Israel rühmlich wurzelt und blühet, gegen einen Ehrenschänder, der seinen Schmutz unter dem Mantel eine» Mitglieds dieser ehrwürdigen Familie zu verbergen wagt, und sich erfrecht dadurch diese ganze Familie zu schänden^ und so ganz Israel zu myftificiren. AIS ich bei meiner Rückreise von CarlSbad Ende Juni l. I. in Prag einige Tage verweilte, erhielt ich unter andern auch Den Besuch eines Mannes von ärmlichen Ansehen. Dieser kündigte sich gleich bei seinem Eintritte mir einem Schwall von Worten in französischer Sprache, als ein Accedenz bei einem in Prag bestehenden rabbinifchen TriumviralgerichtS, .und zugleich als ein Abstämmling der berühmten polnischen Rabbinerfamilie L—u an. Im glaubte die Absicht seines Besuchs errathen zu haben, und fertigte ihn mir Darreichung ein er Gabe ab. Er nahm zwar dieses dankbar an, sagte aber zugleich die Hauptabsicht seines Besuchs gelte eigentlich der Aufforderung zur Pränumeration auf ein unrer dem Titel.- die Reformatoren im heutigen Jude n r h u m e, v o m R a b b i G a m a l i e l 3 u ft u $ , in Prag zu erscheinendes Werk, von welchem er mir das Manuscript vorzetare. -Auf meine Frage, ob er selbst der Lerfager sei, gab er di? ausweichende Antwort.: „Wie man eö nchmen will, ja und nein;" dieses aber könne er versichern, daß alles waö darin als granuin salis sich findet, fern Eigenlhum fei. Ucber den Zweck dieser Schrift äußerte sich derselbe, daß sie nicht» Geringeres beabsichtige, als die, das ganze europäische Israel der Jetzthe.il so stürmisch bewegende Frage, ob nämlich das Außerwvseiuliche in der jüdischen Ruigion überhaupt, und besonders in Bezug auf den Synagogenrituö, stabst und ewig unabänderlich, oder aber wie jede andere menschliche Institution der Perfettibilitat fähig sei, so apodiktisch für die Stabilität zu entscheiden, daß alle Beweise der Gegner wie Spreu vom Sturme bewegt, zerstieben muffen. — Ob ich nun gleich die Windbeuteleien dieser Art Exporteur» kenne, pränumenrie ich der Curiosit-ät wegen dennoch, doch mir dem Bedinge, daß, da wenn auch diese Schrift wirtlich gedruckt werden sollte, mir schwerlich ein Exemplar davon in meine von Prag so entfernte Heimat nachgc schickt werden würde, mir da» 'Manuscript zur Durchsicht auf einige Tage belassen werde, und dies ward zugestanden. So wenig Zutrauen ich auch zu der Lobrednerei deö Colporteurö hatte, ward doch meine Neugierde angeregt, um zu erfahren, welche Idee der Versager zu Grunde gelegt haben mag, um die Zerwürfnisse in Israel auszugleichen, und die so grell sich einander enrgegemrercnden Partheien, auszusohnen. t Denn, wahrlich, einen Mann, der dieses zu thun im Stande wäre, könnte man als den Elias unserer Zeit begrüßen, der gekommen sei, den Frieden in Israel wieder berzustellen, und das innere Leben unserü Volks mir seinem Acußern, im Verhältnisse seiner höhern wissenschaftlichen Bildung in Einklang zu bringen. In dieser Erwartung nahm ich daS Manuscript zur Hand, aber — leider fand ich mich sehr getäuscht. Denn auf der ersten Blarrseite schon trat mir daö leidige pariuntur montes etc. in aller feiner Ridikulität entgegen. Doch da ich kernen Beruf zmn Recensenten in mir fühle, so würde dieses Manuscript sammr den darin enthaltenen Katzbalgereien mit den sogenannten Reformatoren mir ganz gleichgiltig geblieben fein, wenn nicht diese Schrift auf meine eigenen Familien- Verhältnisse einen allzu großen Einfluß hätte, wodurch die Ehre meines mir und der Welt leider nur allzufrüh abgestorbenen Bruders Rabbi Gamal iel Justus Oberrabbine in Sinferopol in der Krim, und durch ihn, die der ganzen Familie compromittirt würde. Denn die Frechheit des Compilatorö diese» Machwerks, der sich seines eigenen Produkt» schämt, und daher seine faulen Euer in da» Nest eine» Andern legt, gehet so weit, daß er den ehrwürdigen Namen meines Bruders seiner Sudelei vorletzt, und ihn als Verfasser desselben auSgiebr. Ich kann und darf eS nicht dulden, daß unsere alte ehrwürdige jufrische Familie, die in gerader Linie von Simon Justuö den ersten Tanaiten und Mitgliede der großen Snnode nS-S absiammt, dadurch gebrandmarkt werde, daß man ihr einen so argen Bastarden fälschlich alö Mitglied cinzuschmugeln wagt. Da ich dieses Manuscript, zwar mit der größten Anstrengung meiner. Geduld, durchgelesen habe, so glaube ich zur Rechtfertigung meiner Beschwerde wegen den Affront, welcher durch die falsche Angabe, daß e» meinen Bruder zum Verfasser habe, meiner Familie angerhan wurde, mich verpflichtet, über die Tendenz dieser Schrift, so wie über den Charakter ihre», oder, wie e» au» der Schrift selbst resultirend in destFolge dargerhan werden wird, ihrer Verfasser, in wenigen Worten mich hier aussprechen zu müssen. Die Tendenz dieses chefdeuvers bestehet darin, den Kopf Mer Reformatoren der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, oder besser, aller Menschen, welche den schiefen und lächerlichen 'Ansichten de» Verfasser» nicht huldigen, durch Machtsprüche, geholt auö einer verrosteten Rüstkammer, die seit mehren Jahren schon sehr'wenig besucht wird, abzuschlagen, und in dem daraus hervorgehenden Blutbade alle Reformation zu ertränken. Da aber das stumpfe Schwert und der ohnmächtige Arm dieses rabbiniscben Iourdan» zu kurz ist, um alle Reformatoren und ReformattonSgesinnte erreichen zu können, so wählte er sich daö Opfer in seiner nächsten Umgebung, führte den TodeSstreich gegen den Verfasser einer vorigen IahreS in Prag unter dem Titel Remini sc enzcn :c. erschienen sein sollenden Piece, und wähnt in seinem Dünkel, in diesem einzelnen Manne alle Reformatoren und Reformationen zu vertilgen, und den Strom der Zeit durch seinen m cp hi tischen Hauch, in sein versiegtes und mit Schlamm bedecktes Beet zurück zu bannen. Ich kenne zwar weder diese Reminiscenzen noch den Verfasser, wider den im vorliegenden Manuscripre so viele Lufthiebe geführt werden, und mag mich in diese Klopffechterei auch nicht mengen. Doch glaube ich dem Verfasser de» vorliegenden Manuscript» mit vollem Rechte zurufen zu können: „Wenn Du Dich nicht getrauest Deinen Widersacher öffentlich entgegen zu treten, und wie ein Frosch au» dem Sumpfe zu quaken gezwungen bist, so wäre c» doch viel gerathener gewesen Dich unter die Anonomirät als unter die Pseudonymiräl zu verkriechen, wo man wahrscheinlich unter diesem Troße dich noch weniger heraus gefunden haben würde. Wozu den ehrwürdigen Namen meine» Bruder» mit Deinem Schmutze besudeln?" Wahrlich, sich so weit vergeben, kann nur die abgeharteste Bosheit, die in Betrügereien und Verfälschungen aller Art ergrauet ist. (Schluß folgt.) RcLacr-ur: Dr. L. Philippson. — Verlag vcn Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.