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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-09-10 · Heft 37 (10.9.1878) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 37 (10.9.1878)
Date
1878-09-10
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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582 dies aber? Nur immer frisch darauf los, wenn es die Juden gilt. — Um uns zu Ernsthafterem zu wenden, so las ich dieser Tage einen trefflichen Artikel in der Revue des deux Mondes von 15. Juli rla confession du parti conservateur“, dessen Grundgedanke mit den Ansichten übereinstimmt, welche Sie vor Kurzem über den conservativen Character der Juden aussprachen.') Der Schluß ist: „Jede conservative Partei, die nicht liberal ist im wahren Sinne dieses Wortes, wird untergehen durch die Ohnmacht zu leben; jede liberale Partei, die nicht conservativ ist im vollen Sinne dieses Ausdrucks, wird untergehen durch die Ohnmacht etwas zu gründen." Doch es ist werth, den definirenden Eingang dieser Abhandlung hier wieder zu geben: „Was ist der wahre Sinn des Wortes „conservativ?" Es giebt nur einen für jeden philosophischen Geist: Conservativ ist derjenige, der die Grundprinzipien der civilisirten Gesellschaft ausrechterhalten will, welche politische Form sie auch haben mögen, d. h. die Familie, das Eigenthum, die Religion, kurz Alles, worauf das moralische Leben des Individuums basirt, alles was die Menschen mit einander verbindet und sie an eine höhere Ordnung knüpft. Diese Prinzipien müffen, um von ihrem Werthe nichts zu verlieren, fortwährend überwacht, verbesiert, vertheidigt werden — vertheidigt gegen die Jrrthümer, welche sie entstellen, und gegen die Mißbräuche, welche sie verderben. 3hm, wie wäre diese fortwährende Vertheidigung anders möglich als durch die Praxis des Lebens und der Freiheit selbst? Man muß also noch etwas Höheres zu der vorgeschlagenen Erklärung hinzufügen und sagen, daß der wahrhaft Conservative als solcher den liberalen Doctrinen ergeben sein muß. Ein conservatives System, das nicht zugleich ein liberales ist, ist ein Widerspruch und ein Nonsens." — Die gedachte Abhandlung begründet diese Ansicht nun an den Thatsachen der französischen Revolution von 1180 bis zum Ende der Restauration 1830 in einer durchaus unparteiischen und erleuchteten Weise. Ties ist es nun, was wir in den gegenwärtigen deutschen Zuständen den Parteien zurusen und empfehlen möchten. Tie sog. deutschen Conservativen, welche zum Absolutismus und wo möglich Feudalismus mehr oder weniger zurückkehren wollen, verdienen diesen Namen am wenigsten. Sie sind ebenso revolutionär wie die Socialdemokraten, denn sie setzen unter den Verhältnisien, wie sie sich seit einem Jahrhundert herausgebildet und gesetzlich gestaltet haben, „Familie, Eigenthum, Religion" aufs Spiel und stürzen diese in äußerste Zerrüttung. Nur der besonnene, gemäßigte, der natürlichen Entwickelung nachgehende Liberalismus ist wahrhaft conservativ. Dies ist, wie Sie treffend auseinandersetzten, der wahre Charakter des Iudenthums und des jüdischen Stammes, und alles Geschrei der Reactionäre wird nichts daran ändern, ist nichts als das Geschrei gegen den 1) Liehe Nr. 20. allein conservirenden echten Liberalismus. Daß diese Desinition auch aus die religiösen Fragen, besonders auch auf die internen Fragen des Judenthums anzuwenden ist, leuchtet ein, will ich aber hier nicht weiter ausführen. Bonn, 29. Aug. (Privatmitth.) Wir erhielten dieser Tage aus Stralsund von zweien Seiten Nr. 38 „Stralsundisches Kirchen-Blatt" vom 17. August zugeschickt, ein Wochenblatt von 4 Oktavseiten. In jener Nummer ist ein Artikel „die Beförderung des Christenthums unter den Juden" enthalten, der unsere dortigen Glaubensgenoffen — denn über Stralsund kommt dieses Blatt wohl nicht hinaus, lebhaft zu beunruhigen scheint, und dies ist uns die Veranlassung, den Inhalt dieses Artikels zu berücksichtigen. Denn allerdings müffen wir voraussetzen, daß das ged. Kirchenblatt die Behauptungen, die es aufftellt, nicht aus eigener schöpferischer Kraft gezogen habe und in der Verbreitung derselben nicht allein steht. Wir übergehen mit Stillschweigen das, was dem Artikel in dem bekannten süßlichen Missionärtone zur Ausschmückung beigegeben ist, sowie die Erzählung von der Bekehrung eines Sterbenden, die jeder wirklichen Ueberzeugung gegenüber rein kindisch ist. Wir laffen auch gern den Verfaffer mit Paulus um die Bekehrung von ganz Israel beten, da dies an der Glaubenstreue des ganzen Israel so wenig ändern wird, wie das Gebet des Apostels selbst vor achtzehn Jahrhunderten. Wir haben es hier nur mit den statistischen Angaben des Artikels zu thun. Bekanntlich ist der erste Grundsatz der Statistik — keine Phantasie, nur die authentische Ziffer! Dem Verfaffer beliebt es jedoch, nur die Phantasie spielen zu laffen, und zwar mit der Ziffer selbst, um dadurch, uns gelinde auszudrücken, in die abenteuerlichsten Zahlen zu gerathen. Er lobt zunächst die englische Judenmissionsgesellschaft, die „jetzt etwa 100 Arbeiter unter den Juden in den verschiedenen Erdtheilen unterhält, die Zahl der von ihnen getauften beträgt zwischen 2000 und 3000." Man muß sich wundern, daß der Verfaffer sich nicht einmal die Mühe giebt, aus den Berichten der englischen Gesellschaft genaue Zahlen zu ziehen, da diese runden Angaben doch so gut wie gar nichts erweisen. In England selbst hält man längst diese Gesellschaft bei ihrer Erfolglosigkeit und bei den ungeheuren Geldsummen, die sie für jeden Juden, den sie zur Taufe bestimmt, verwendet, für völlig verfehlt. Hierauf läßt sich der Artikel über die Dienste aus, welche getaufte Juden der Kirche geleistet haben, uud scheint daraus hervorzugehen, daß der Verfaffer selbst ein getaufter Jude ist, wobei wir nicht behaupten wollen, daß er zu den hervorragenden Stützen der Kirche gehön. Hieraus fährt er fort: „Auf der Grundlage amtlicher Zahlen steht es unzweifelhaft fest, daß in unserem Jahrhundert mindestens 100,000 Juden getauft worden sind." Wir würden diese ungeheuerliche Behauptung einfach als ein Phantasiestück bezeichnen, wenn

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