Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1878)
- Date
- 1878-09-10
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
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578 abgesehen, daß es den Fanatisurus und den Aberglauben nährt' und fördert und einen Damm bildet gegen den Einzug der Civilisation, erhält auch den alt-hergebrachten Schlendrian in der Ertverbsthätigkeit des Juden, welcher ungemein schädlich wirkt. Der eine Jude sieht auf den andern und bald paßt! ihm diese, bald jene Beschäftigung nicht. So wird z. B. der! Handwerker noch immer als ein Paria betrachtet. Zudem macht der Aufenthalt in den Städten den Juden zum Unterj than des Lurus und der Mode und das ist ein Ruin für! seine schon ohnehin so bescheidenen Vermögenszustände. Mit ■ einem Worte, das ein- und abgesperrte Leben in den Städten j einiger verarmter Provinzen und die ausschließliche Beschäs- > tigung mit Handel und Gewerbe sind die Hauptursachen der Paupertät der russischen Juden.! Die Mittel, welche die Regierung ergriffen hat, der! jüdischen Roth abzuhelsen, haben wegen ihrer eigenen Halbheit und Planlosigkeit nur das Gegentheil von dem erzielt, was sie erzielen wollten. Es war unter der Regierung des Kaisers Nicolaus, als der Gedanke auftauchte, den Juden Eolonien zu geben. Dieser Gedanke, an sich gesund und lebensfähig, hat besonders in Rußland eine Zukunft, denn kein europäischer Staat hat eine so zahlreiche jüdische Bevölkerung und zu gleicher Zeit so viel noch unbebautes Land auszuweisen, wie eben Rußland. Hätte man damals diesen Gedanken gehörig reisen lassen, und ihn, dann systematisch durchgeführt, er wäre ein Segen für Ruß-[ land und für die Juden geradezu ein Glück. Allein das ist! nicht geschehen. Roh, wie dieser Gedanke dem Gehirn ent-j sprungen ist, so roh und planlos wurde er in's Werk gesetzt.: Jeder Jude, sei es von der Noth gedrückt, sei es von den! Aussichten und Privilegien der Eolonien verlockt, der sich für die Ansiedelung werben ließ, war willkommen, obgleich er vom Landbau nicht die leiseste Ahnung hatte und ihn zu erlernen viel zu alt und auch zu schweren körperlichen Anstrengungen zu schwach war. Auf der mehrere tausend Werst weiten Reise von ihrer Heimath nach den besagten Eolonien haben die Meisten ihre letzte Habe verzehrt und durchgebracht. An ihrem Bestimmungsort angelangt, fanden sie nicht das nöthige Vieh und nicht selten Nichts, was zum Landbau unentbehrlich ist, vor. Auch entbehrten sie jeder Anleitung und wußten nicht, was sie ansangen sollten. Das Ende vom Liede war, daß Viele ihre Eolonien gänzlich verließen und nach ihrer Heimat zurückkehrten, und Viele ihr Land von Bauern bearbeiten ließen und selbst zum Handel griffen. So hat die jüdische Armuth nur neue Zufuhr bekommen. Mit der beschränkten Freizügigkeit, welche die Regierung den Juden gegeben hat, geht cs nicht bester. Ich nenne diese Freizügigkeit deswegen beschränkt, weil sie nicht allen Juden, sondern nur Studirten mit academischem Grade, Kaufleuten, welche fünf Jahre zur ersten Gilde gesteuert haben, und Handwerkern gewährt worden ist. Diese Freizügigkeit hat verhältnißmäßig mehr Unheil gestiftet, als Segen gebracht. Die größeren Capitalisten, wie die bemittelten Handwerker, welche vermögen, die bedeutenden Unkosten der Uebersiedelung zu tragen, ziehen fort nach dem Innern des Reiches und die Uebrigen, denen nicht blos Fortuna, sondern auch das besagte Gesetz von der Freizügigkeit arg mitgespielt hat, müffen daheim bleiben, ärmer und hülfloser denn je, indem das Land derjenigen Kräfte immer mehr beraubt wird, welche noch einigermaßen vermochten, Handel und Gewerbe zu beleben und die Lasten und die Steuern der Gemeinde mittragen zu helfen. Das in Rede stehende Gesetz hat noch ganz andere und noch tiefer greifende materielle und moralische Uebel heraufbeschworen. Leute, deren Vermögensumstände ihnen gar nicht gestatten, zur ersten Gilde zu steuern, strengen sich übermäßig an und speculiren, um von jenem Privilegium der Freizügigkeit Gebrauch machen zu können; das führt häusig zum Ruin und Bankerott. I Nicht immer auch muß man gerade Handwerker sein, um einen , starken Appetir zn verspüren, und das Schuldbewußtsein,! dreißig oder vierzig Jahre kein Gewerbe gelernt zu haben, : kann beim besten Willen den Hunger nicht stillen. Was sollen! solche arme Leute thun, die für ihre kräftigen, tauglichen; Arme, für ihre Arbeitskraft keine Anwendung in ihrer Heimat finden? Was sollen, ftage ich, solche Arme thun, wenn sie in Hunger und Elend nicht untergehen wollen, als ihr Letztes ausbieten, um auf ungesetzlichem Wege sich einen Gewerbeschein zu erkaufend So wird die Achtung vor dem Gesetze sowohl beim Volke, als auch beim Beamten untergraben! Eine weitere Consequenz dieses Zustandes ist, daß eines schönen Tages die volle Strenge des Gesetzes im Herzen eines pflichttreuen Staatsdieners erwacht und eine reiche Anzahl jüdischer Familien, die sich bereits am Orte völlig eingebürgert haben, ohne factisch Handwerker zu sein, erbarmungslos fortgejagt wird, wodurch wohlhabende Familien oft an den Bettelstab gebracht werden. Das Gesetz von der Freizügigkeit hat auch dieses Uebel, daß es, wie so manches neuere, die Juden betreffende Gesetz dazu angethan ist, eine Spaltung innerhalb der Judenheit Rußlands zu begünstigen, und die durch Wiffen oder , Reichthum hervorragenden Juden, welche berufen wären, ihren Glaubensbrüdern unter die Arme zu greifen, letzteren zu entfremden. Im Auslande hat der politische Druck auf allen Juden gleich gelastet, daher haben auch alle Juden gleiches Jntereffe an der Gleichstellung der Juden gehabt und haben auch alle gleich danach gestrebt und gerungen. Bei uns aber eristirt die politische Zurücksetzung fast nur für die hülflose große Maffe; die reichen oder studirten Juden wiffen verhältnißmäßig wenig vom eigentlichen Drucke mitzusprechen, und daher haben diese Herren auch gut uns Patriotismus oder Cosmopolitismus predigen und ungehalten darüber sein, daß man noch von einer Judenfrage in Rußland spricht, worauf ich