Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-09-03 · Heft 36 (3.9.1878) · p. Seite 569

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 36 (3.9.1878)
Date
1878-09-03
Page
Seite 569 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227214--36521-3306572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

569 zum Vorsitzenden gewählt wurde, im Keiler'schen Saale eine Versammlung statt, in welcher circa 350 Stimmen aus Stadt und Provinz Posen vertreten waren. Zunächst wurde über die zu dem angegebenen Zwecke verfügbaren Mittel Bericht erstattet, und im Anschluß hieran beschlossen nunmehr mit der Thätigkeit des Vereins, wenn auch zunächst in beschränktem Maße, zu beginnen. In den Vorstand wurden gewählt: Kaufmann Adolf Kantoro wicz (Posen), Kaufmann I. D. Lasker (Gnesen), Kaufmann Jakob Hamburger (Schmiegel), Bürgermeister Gold ring (Jarotschin), Kaufmann Sal. Daniel (Krotoschin; als Stellvertreter: Kaufmann Galewski (Lifsa), Kaufmann Stillmann (Rawitsch), Kaufmann Israel Friedländer (Posen). Das von der vorjährigen Provinzial-Rabbiner-Versammlung zu Posen entworfene provisorische Statut wurde von der Versammlung angenommen. Danach soll am Orte eines k. Seminars und einer Präparandenanstalt der Provinz Posen, je ein jüdischer Religionslehrer angestellt werden, welcher die Aufgabe hat, gemeinsam mit dem Orts-Rabbiner den jüdischen Seminaristen und Präparanden die erforderlichen religions-wisienschaftlichen Kenntnisse beizubringen, und die selben wo möglich auch so weit zu fördern, daß sie die Oualisikation anderer jüdischer Cultusbeamten (Cantoren und Vorbeter) erlangen. Aus den Vereinsmitteln sollen qualisicirte Seminaristen und Präparanden Stipendien erhalten. Der jüdische Religionsunterricht an beiden Anstalten wird von einer aus 5 Mitgliedern bestehenden Commission geleitet werden; 3 dieser Mitglieder und 2 Stellvertreter find bereits statutenmäßig von der diesjährigen Provinzial-Rabbiner-Versammlung in Krotoschin gewählt worden; die Ernennung von noch 2 Mitgliedern und 1 Stellvertreter liegt dem neu gewählten Vorstande ob. — Die Versammlung, welche 11 Uhr Vormittags begann, wurde 1 Uhr Nachmittags mit den besten Wünschen für das Gedeihen des neuen Vereins von dem Vorsitzenden geschlossen. Königsberg (Preußen), 20. Aug. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen die angenehme Mittheilung zu machen, daß dem israelitischen Studien-Beförderungs-Verein für Ost- und Westpreußen durch allerhöchste Ordre vom 8. April 1878 die Rechte einer juristischen Person verliehen worden sind, wodurch dieser Verein einen dauernden Bestand und die Befähigung erlangt, Geschenke und Legate entgegenzunehmen. Elberfeld, 15. Aug. (Privatmitth.) Hier wurde in diesen Tagen das Jahresfest des „Rheinisch-Westfälischen Vereins für Israel," d. h. der betr. Judenbekehrungsgesellschaft begangen. Die anwesenden Missionäre machten Mittheilungen „von den Erlebnissen, welche sie und ihre Colporteure in Unterredungen und Hausbesuchen gemacht." Von ihren Erfolgen hatte sie nichts zu berichten. Als Hauptredner trat der bekannte Paulus Cassel auf, der seine Beredtsamkeit in vielen orientalischen Bildern an Ezechiel 47, 1—10 knüpfte. Die Zuhörer wollten herausfühlen, „daß seine Rede eine Panegvrik auf das Judenthum gewesen, welche schließlich zu einer Lobrede auf den Besten der Juden, auf den Messias Jesus hinausgegangen." Sein Hauptsatz war: „Sind wir in vielen Beziehungen mehr oder weniger von Juden abhängig, so ist es die Schuld der Christen gewesen, die es nicht verstanden haben, das Judenthum in das Christenthum hineinzuführen." Wir entnehmen die mit Anführungsstrichen versehenen Worte der „Rhein- und Ruhr-Zeitung," und fügen nur die Bemerkung hinzu, daß diese Herren immer noch wie vor einem unlösbaren Problem vor der Frage stehen: warum die Juden, sowohl im Entstehen als im Fortgang des Christenthums dieses von sich abgelehnt und zurückgewiesen haben? Die früheren Mittelchen von der „Hartnäckigkeit und Verstocktheit der Juden" wollen nicht mehr ausreichen. Jetzt will man die Schuld auf die Christen wälzen, nur um das Christenthum selbst freizusprechen. Für uns und jeden vorurtheilslosen Denker ist es kein Problem, sondern die Antwort ist einfach: das Christenthum war für die Juden ein „Rückgang," indem es den Monotheismus mit heidnischen Elementen durchsetzte; eine Gesammtheit kann aber niemals im freien religiösen Bekenntniß zu einem Rückgang kommen. So wenig wie der gesammte Protestantismus jetzt wieder römisch-katholisch werden könnte, so wenig konnten und können die Juden sich zum Christenthume bekennen. Dies schließt natürlich den Abfall von Individuen nicht aus. Es versteht sich, daß strenggläubige, dogmatische Christen diese einfache Lösung nicht zugestehen werden und können; von unserem Standpunkte aus ist sie natürlich und beruht auf festem geschichtlichem Boden. Eine Abfindung ist auf diesem Gebiete nicht möglich, und so mögen diese Herren immerhin noch ihre Missionsgesellschaft unterhalten und Jahresfeste begehen: ihre Erfolge bezeugen thatsächlich die Wahrbeit unserer Anschauung. (Wir erhalten von S t r a l s un d ein dortiges Kirchenblatt, auf das wir in nächster Nr. einige kritische Blicke werfen werden.) Bosnien. Pest, 22. August. (Privatmitth? Serajevo. Die Hauptstadt Bosniens, welche am 19. d. M. von den österreichisch-ungarischen Truppen eingenommen und zum Theil verwüstet wurde, hat bei einer Bevölkerung von 50,0(0 Einwohnern etwa 3,500 Juden, welche meistentheils Handel treiben. In Serajevo oder Bosna-Seraj, wie es von den Türken und in jüdischen Schriften genannt wird, wohnen die Juden seit mehreren hundert Jahren. Hier lebten im 17. Jahrhundert mehrere bedeutende Rabbiner, wie R. Ascher Sebulun, der früher in Belgrad war, und hier mit R. Mazliach und Elijahu Mugnan zusammen wirkte, R. Samuel b. Baruch u. A. lieber das Schicksal der Juden in der Hauptstadt Bosniens verlautet nichts. 36

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.