Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 114 (22.9.1838)
- Date
- 1838-09-22
- Page
- Seite 460 (sequence 2)
- Language
- German
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460 aste auf das Wohl Sr. geheiligten Majestät und des allerdurchlauchtigsten Kaiserhauses ausgcbracht. Und da keine wahre Freude ohne.Wohlthun ist, war auch der im Wohlthun geübte Hr. Moses Hirschl darauf bedacht, dm Invalides in Klein-St.-Miklos 1 Eimer Wein, 30 Psd. Fleisch und die tägliche Löhnung, so wie dem Militär-Spitale in Pccska, und jenem in der hiesigen Festung wohlthätige Spenden zu widmen. Ahasver, Gutzkow und Juden. I. Der Mangel an Produktiv etät, an origineller Jdeenschöpfung in der jetzigen Zeit zeigt sich besonders in der gierigen Auffassung von Stoffen, welche langst vermodert und vergessen schienen. Die Sage von Ahasver haben wir bereits einige 30 Male in den letzten Decennien behandelt gesehen, und jetzt liegen sich wieder zwei Dichter in den Haaren um einen Ahasver und eine Ahasveriade, und noch ist es nicht entschieden, wer am Ahasver, am ewigen Juden zum Diebe geworden. Es lag in dem Geiste unsrer Zeit, einer einfachen Kirchenlegende einen großen metaphysischen Schwulst einzustopfen, und sie als einen trefflichen Balg für modernen Gedanken- und Gefühlskram zu behandeln. Auch das geben wir zu, wenn es nur nicht auf Kosten eines Dritten geschieht, von dem man noch dazu verlangt, daß er sich dafür bedanke. Wie man stets die Juden und das Judenthum bei Leibe nicht gefragt hat, was man mit ihnen vorhabe, so hat man in den Schuster in Jerusalem das Judenthum, die Juden um und um, alte, mittlere und neuere Zeit hineingeschachtelt, man hat ihn im Namen der Juden stöhnen, verzweifeln und jammern, kämpfen, ringen und unterliegen lassen, ohne zu fragen, ob diese wirklich sich also geberden wollten? Das trifft denn ganz herrlich mit jenen falschen, traurigen und schwermüthigen Dichtern und Künstlern zusammen, die das Judenthum beschnüffeln und beseufzen, mit den falschen Juden, die vom Weltenweh und Weltenschmerz, vom Judenweh und Judenschmerz leiern und psalmodiren. Diese Alle, entnervte Seelen, in deren Herzkammer nicht ein Tropfen des warmen Lebensbtutes des Judenthums putsi'rt, die, weit sie eben thranen wollen, sich an die Bache von Babel versetzen, die wir langst nicht mehr kennen und bewandeln, die, wie Antisthenes, die Löcher ihres Mantels zur Schau tragen, um, was von dem Gefühle und der Erkenntniß des Rechts nicht erlangt werden kann, von der Thräne des Mitleids zu erhalten wahnen, diese Alle wissen vom Judenthume so wenig, daß man sie als Juden verachten muß. Wir haben diese Richtung von Anfang an von uns gewiesen. Das Judenthum, dessen eigentlicher Lebensincidenzpunkt das Hereinragen einer zukünftigen Lösung in die Gegenwart ist, das die schlechte Gegenwart für eine j bessere Zukunft hingiebt, und jene für das Löse- und Kwufgeld dieser erachtet, kennet die Klage über verschwundene Herrlichkeit eigentlich gar nicht, oder wenigstens nur beiläufig, am allerwenigsten ist sie sein Lebenselement. Das Judenthum arbeitet^ noch immer in der Weise der Propheten, die mitten in dem Zerfallen des Reichs und des Tempels die Gestaltung einer sichern Zukunft festhielten, und auf den Trümmern ihrer Gegenwart den Bau einer Neuzeit begannen und leiteten. Die Propheten sahen auf den brennenden Schutthaufen des ersten Tempels nicht allein den zweiten, ja sogar schon einen dritten! — Und wenn sich auch das Judenthum alle Jahre ein- oder zweimal besinnt und in der Erinnerung an das, was es einmal besessen, und an das, was es so oft gelitten, sich kasteiet, so braucht man doch nur die Liturgie dieser Tage zu kennen, um zu sehen, daß eS nicht das Jammern eines Verwundeten, das Seufzen eines Ohnmächtigen, sondern der kräftige Zorn eines Kämpfenden ist, der des Sieges trotz der Niederlage dennoch gewiß ist, und die Verheißung als Talisman und Schild vorhaltend, weiß, daß er nicht zu wanken und nicht zu verzweifeln braucht. So lange also Ahasver der erbärmliche Schuster in Jerusalem ist, der die Leidenden noch auf seinem letzten Wege wegen seiner materiellen Ohnmacht verhöhnt, so haben wir nichts dawider, und überlassen die Protestation der ersten besten Schustergilde, die keinen Juden unter sich dulden will. Sobald man aber beliebet, in die dumpfe und schmutzige Werkstatt des Schusters das ganze Judenthum zu zwangen, eine Symbolisirung der jüdischen Geschichte darin aufzuschlagen, und eine eigens dazu fabrizirte Philosophie unsres Lebens darin zu erbauen, mag dies in Reimlein oder in Telegraphen-Artikeln geschehen — so können wir dies nur als ein Werk jener hochmüthigen Narren ansehen, die, ohne Kenntniß der Wirklichkeit, ohne Lust zum ernsten Studium des Stoffes, den sie bearbeiten wollen, ihre Hirngespinnste für Geschichte und Wesenheit ausgeben, und wenn man sie daran erinnert, daß es anders ist, die Wirklichkeit mit ihrem Geifer besudeln. Wir können es nur als das Werk jener falschen Priester der Freiheit ansehen, welche ihren Nebenmenschen nicht einen Zoll Freiheit für ihr eigenstes Dasein zugestehen wollen, welche, in ewigen Träumen über Zustände und Richtungen, Niemandem einen Zustand und eine Richtung erlauben, und neben dem Ihrigen nichts Menschliches und keine Wahrheit dulden. Wisset, ihr Propheten der Freiheit, daß ihr, die ihr die Selbstständigkeit jedes menschlichen Bestandes eurem Eigennutze opfert, daß ihr gerade ihre ärgsten Feinde seid, daß man für sie zunächst gegen euch sein muß.