Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1878)
- Date
- 1878-06-18
- Page
- Seite 398 (sequence 14)
- Language
- German
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398 garns — Iheils in Toleranztax-Angelegenheiten. tbeils in Betreff der Verbesserung der politischen Stellung des Judenthums, später im Interesse der Emancipation und neuestens zur Regelung ver autonomen Organisation — war Barnay stets eine der hervorragendsten und einflußreichsten Persönlichkeiten, die in een schwierigsten Fragen und kritischesten Momenten stets „das rechte Wort zur rechten Zeit" und ohne Scheu und Furcht die ungeschminkte Wahrheit aussprach. Aber Barnay's edles Herz schlug nicht allein sür's Judenihum so warm, es hing auch voll inniger Liebe am Vaterlanbe. In der ewig denkwürdigen Epoche von 1848/49 treffen wir Ignatz Barnay im Staatsdienste als Secretär im Ministerium Szemere's. Und als die ungarische Regierung sich nach Szegedin zurückziehen mußte, ging er mit und kehrte erst nach der Katastrophe von Vil.'-gos nach Pest zurück, wo es ihm nach Beseitigung mehrerer Schwierigkeiten (von Seiten der politischen Behörde» gegönnt war, seinen Posten bei der Gemeinde wieder einzunehmen. Die bisherige Einheit und Einigkeit der großen Bester isr. Cultusgemeinre — trotz der verschiedenen Parleischatiirungen — ist hauptsächlich den Bestrebungen Barnay's zu ranken, der in richtiger Erkenntniß rer culmrellen und sonstigen Jntereffen der Gesammtgemeinde — das „viribus uniiis“ mit seinen heilsamen Folgen auch hier zur Geltung zu bringen wünschte. Die Popularität, welcher sich Barnay bei allen Parteien erfreute, erhellt am klarsten bei Gelegenheit der Congreßwahlen i 1868), wo er unter den 20 Deputaten Pests die weitaus größte Stimmenzahl gewann. — Die hohe Achtung, welche ihm von allen Seiten gezollt wurde, ist aber nicht allein seiner geistigen Präponderanz, sondern auch seinen seltenen Charakiervorzügen zuzuschreiben. Stets die heilige Sache vor Augen haltend, bewahrte er stets die Uneigennützigkeit, die strengste Unbestechlichkeit und die, auch vom leisesten Schatten eines Makels freie Charakterreinheit; seine Humanität war echt hochherzig, seine Bescheidenheit, mit welcher er Auszeichnungen und Ehrenbezeugungen auswich, säst übertrieben. Das Israel. Knabenwaisenhaus, eie Peile der israel. Gemeindeanstalten verdankt — nächst jenem hochsinnigen anonymen Menschenfreunde, der die Geldmittel zum Ankäufe des Gebäudes gespendet — zumeist Barnay das Entstehen, seine musterhafte Einrichtung und Leitung. Ebenso dankt der hiesige israelitische grauenverein seiner thatkräfligen Beihülfe sein Entstehen und Gedeihen. Fügen wir noch hinzu, daß er der zärtlichste Gatte und Vater war, und daß er seinen untergeordneten Beamten wohl als strenger Chef, jedoch zugleich auch als wohlwollender Beschützer gegenüberstanv. Im Jahre 1876 legte er aus Gesundheitsrücksichten seine Stelle als Secretär der Gemeinde nieder, bei welcher Gelegenheit er gleichzeitig sein Beamtenjubiläum feierte, und aus diesem Anlage, durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Josephs- Ordens ausgezeichnet wurde. Bon dieser Zeit ab ist Barnay alt und krank geworden. Am 27. Mai, Morgens, machte der Tod in Folge einer Lungenentzündung dem thatenreichen Leben des 67-jähr. Greises ein Ende. Friede seiner Asche; sein Gedachlniß wird noch lange unter uns fortleben! Vermischtes. Statistisches aus Amerika. Ein amerikanisches Blatt theilt folgende Notizen mit: In den Armenhäusern von New-2)ork befinden sich 1427 Personen, unter denen nicht ein Jude ist; in dem Gemeindeasyl für die Kinder 1017 Kinder, unter denen nicht ein Jude; in dem Arbeitshause 1178 Personen, unter denen 7 Juden. In dem städtischen Gefängnißhause 485 Gefangene, unter denen 8 Juden; in der Strafanstalt 1110 Verurtheilte, unter denen 12 Juden; in den Hospitälern nicht ein Jude. Diese Zahlen sind beredter als ganze Abhandlungen. Die jüdische Bevölkerung New-4)orks kann zwar nicht genau angegeben werden, beläuft sich aber gewiß auf mehr als 50,000 Seelen. Russell und Gladstone. In einer in d. Bl. jüngst enthaltenen Correspondenz aus London wurde eine Parallele zwischen Lord John Rusiell und Gladstone angeslellt. Es ist daher nicht überflüssig zu bemerken, daß in den Nekrologen über Earl Russell ausdrücklich erwähnt wird, wie er sich in jüngster Zeit gänzlich von Gladstone und seinen Agitatoren, die eine Zeit lang mit seinem Namen zu prunken versucht hatten, losgesagt habe. In einem Briefe schrieb er vor Kurzem an ein von jener Clique veranstaltetes Meeting, daß er im Geiste der bürgerlichen und religiösen Freiheit den Bestrebungen Gladstone's geradezu entgegentreten müsse, weil er auf dem Wege, den Gladstone eingeschlagen, das Gegentheil jener Freiheiten erzielt sehe.