Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1878)
- Date
- 1878-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeilun -es Iu-enlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag von Banmgärtner's Bnchhanülunq in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pr» Hundert berechnet. Diese Zeivrug erscheint wSchentlrch einmal in 2 bis 2'/, Bogen. Preis Bier1el,ährig SMar!. Inserate werte» mit 2« Pf. für die Pctitzeile ©Der deren Raum berechnet. Alle Buchhauriuugen. Postämter nnd AeiwngS - Expeditionen nehme» Bestellungen an. 2» redactionellen Angelegenhenen wende man sich an vr. £. in Bonn; hinsichtlich der Inserate an Sl. Masse in Leipzig nnd desf.» Filialen in Berlin, BrcSlaurc. Ilaserote, welche bi« vonuerftog eingeben, finde» >n der earanfsolgenden Nummer Berückfichtigung. 42. Jahrgang. Leipzig, den 21. Mai 1878. JV? 21. Inhalt. Leitende Artikel: Die Moral der Pirke-Abotb.il. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Dresden, Leipzig, Berlin, AnS Hessen. — Oesterreich-Ungarn: Aus Mähren. — Großbritannien: London. — Rum anien: Fokschani, Galatz. — Rußland: Petersburg. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Aus dem Volksleben mit seinen Lichtnnd Schattenseiten- V.-- Vermischtes: Die Hypothesen. — Das Schuldenbuch des Frcihcrrn ."ton Todesco. — Schema von Cumberland. — Farbenblindheit unter den Inden. Hütende, <9Cth&ef. Bonn, 15. Mai. Die Moral -er PirKe-Äboth. II. Wer den Inhalt des Talmuds im Detail betrachtet, kann leicht in den Jrrthum verfallen, als ob der Talmud, weil nicht sorgfältig systematisch geordnet, ohne System sei. Aber trotz seiner, durch viele Jahrhunderte reichenden Entwickelung und trotz der Modificationen, welche die bedeutendsten Geister unter seinen Mitarbeitern bewerkstelligen mußten, ist in ihm ein System vorhanden, deffen treue, consequente Durchbildung sogar aufrichtig zu bewundern ist. Den Beweis hierfür gab nicht allein die scharf bestimmte Methode, nach welcher gearbeitet wurde, sondern auch die Möglichkeit der Codification, sobald Jemand das ungeheure Material beherrschte. So auch auf dem Gebiete der Ethik, wie wir bereits aus dem Anfänge der Pirke-Aboth ersehen können. Der erste Abschnitt und II, 1—4 der Pirke-Aboth giebt uns die Aussprüche der Gelehrten, wie sie sich von den „Männern der großen Versammlung" bis zu Gamaliel, dem Sohne Jehuda's- Hanassi aneinanderreiheten; hier angelangt, kehrt die Sammlung noch einmal zu Hillel zurück. Die „große Versammlung" stellte, wie es einer solchen ansteht, das ganze Gebiet der zukünftigen Thätigkeit ihrer Nachfolger durch ihren Ausspruch fest: die Rechtspflege, den Unterricht und die Gesetzgebung, indem sie zugleich jedem dieser Zweige einen bestimmten Charakter aufzuprägen suchte, t) Als einer der letzten Mitglieder jener Versammlung wird Simeon der Gerechte genannt, mit welchem die Ueberlieferung die Reihe der einzelnen Lehrer beginnt, und dieser ist es, welcher schon der jüdischen Ethik den Grundriß entwarf. Sein Ausspruch war: „Auf drei Dingen besteht die Welt, auf der Lehre, auf dem Gottesdienste und auf der Wohlthätigkeit." Mit den Worten „besteht die Welt", d. i. die menschliche Gesellschaft, drückt er aus: diese drei bilden das ganze ethische Gebiet des Menschen, und sie sind die drei Felder, in welche es zerfällt, die theoretisch durchzuarbeiten und zur praktischen Ausführung zu bringen sind. Wir haben hier also den Entwurf zu einem ethischen System. Unter n-nn ist hier nicht etwa nur der Pentateuch oder die ganze heil. Schrift, sondern das Studium alles deffen, was mit der Lehre und dem Gesetze in Verbindung steht, d. h. die Intelligenz, die sich auf dem Grunde des geoffenbarten und tradirten Wortes über alle Felder des menschlichen Leben« erstreckt, alle geistige Ausbildung, immer jedoch auf dem bezeichneten Fundamente gedacht. Es ist charakteristisch, sicher aber von hohem Werthe, daß auf diese Weise im Judenthume die Intelligenz, deren Thätigkeit und Entfaltung zum ersten großen Moment der Sittlichkeit erhoben wurde. Auch bei der miss haben wir nicht an den beschränkten Begriff zu denken, der mit dem 1) „Seid vorsichtig im Rechtsprechen, stellet viele Schüler aus und macht einen Zaun um das Gesetz", d. h. gebet Borbeugungs-Verordnungen, damit daS Schriftgcsctz nicht übertreten werde. Wie die Borsicht, die Furcht, das Recht zu verletzen, der Cbarakrcr der jüdischen Rechtsentwickelung wurde, so die Aufstellung von Dorbcugungsverordnungen zum Stempel der traditionellen Gesetzgebung: ebenso zeichnete der Lehreifer in vollster und lauterster Weile die jüdischen Gelehrten der folgenden Jahrhunderte aus.