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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-09-20 · Heft 113 (20.9.1838) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 113 (20.9.1838)
Date
1838-09-20
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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458 der Zeit auch den Glaubensdifferenzen innerhalb des Iudenthums neueNahrung und neue Wärme geben zu wollen scheint, so müssen alle, die es mit dem sittlichen Interesse unserer Glaubensgenossen gut meinen, in den Wunsch einstimmen, daß diese Differenzen in den Schranken des Wohlwollens, der Humanität, der Billigkeit, vor Allem, aber des Anstandes, der Wahrheit und der Ehre sich halten mögen. . Diejenigen, welche fortgeschrittenere Ansichren in dem Streite vertreten, mögen bedenken, baß wahre Weisheit stets mit Milde gepaart ist, daß Uebelwollen den Irrenden nicht überzeugt, sondern bestärkt, und daß es ihnen nicht ziemt, den Jrrthum — so lange derselbe mcht die Gestalt des Unrechts annimmt — mit den Waffen des Hasses zu bekämpfen. Diejenigen aber, welche für überlieferte Meinungen streiten, mögen erkennen, daß niedrige persönliche Verfolgung, daß Intrige und Verläumdung die Sache, der sie dienen sollen, nur beflecken und verunehren können. Leider hat man von dieser Seite in einem Falle, den ich nicht näher bezeichnen mag, selbst des schändlichsten aller Mittel, der politischen Verdächtigung, — Gottlob! ohne Erfolg — sich zu bedienen nicht gescheut: eines Mittels, das allein schon hinreicht, um die Menschen und die Meinungen, die dazu greifen, für immer zu brandmarken. Möge jede redliche Gesinnung stets die verpestende Gemeinschaft solcher Elenden, welche Mittel dieser Art handhaben können, verschmähen! Wenn andere, mächtigere Confcsfionen in ihren religiösen Streitigkeiten hier und da bald gegen das Gesetz der Liebe, bald gegen Treu und Glauben sündigen, so bleibt ihnen ihre Macht, ihr Einfluß, ihre Anzahl, um sich von den moralischen Wunden, die sie sich selber beigebracht, zu erholen. Wir aber, wenn wir gegen die sittlichen Grundsätze fehlten, in denen alle unsere Stärke, alle unsere Hoffnung ruht, — was bliebe uns dann noch übrig? G. Riesser vr. Paris, 10. August. Lettres Zarfatiques. (Schluß.) Vergesse man nie, daß die Wirklichkeit noch immer nicht das Reich des Ideals ist, und daß für den Besitz eines höher» Gutes noch mancherlei Opfer zu bringen sind. Der Materialismus darf die geistige Welt nicht ganz verdrängen wollen, und wenn wir dem Herrn Zarfati gern zugeben, daß aus dem Iudenthume alle der Societät feindlichen Elemente, die durch die Jahrtausende des Drucks hineingekommen, entfernt werden müssen, so können doch hierher die wesentlichen Institutionen des Iudenthums nicht gerechnet werden, da sie dem religiösen Bestände nothwendig sind, und höchstens bei den Operationen des Einzelnen einen crhöhetern Kraftaufwand erfordern. Ich kann daher die Leser zur rechten Beurtheilung des Herrn Zarfati nur bitten, noch einmal nachzulesen, was ich Einleitendes No. 31. gesagt habe. Dieser achte Brief ist auch mit Noten versehen, worin er nicht minder einige Auswüchse der Gegenwart geißelt. Ich kann mich nicht enthalten, hierher zustellen, was er S. 24 über ein bekanntes Banquierhaus, und den Tod eines seiner Glieder sagt. Er erzählt, daß zwei Israeliten vor Kurzem jung gestorben, August Bernheim und Dieudonne Tcrquem, die beide einen großen Theil ihres Vermögens den Schulen und Handwerksvereinen vermacht haben. „Das ist ein Tod, ruft er aus, edel, großmüthig, vollerHoffnung, würdig des Neides; laßt uns das Andenken dieser tugendhaften jungen Männer bewahren. Das werde ich nicht sagen von jenem Manne, fährt er fort, den ich nicht würdig glaube, genannt zu werden, von jenem Israeliten, der sechszig Millionen seinen Erben vermacht hat, obne eine Schule, eine Unterstüzzungskaffe, ein großes und bleibendes Institut, zur Verbesserung unserer Zustände begründet zu haben. Dieser Name gehörte jener metallischen Familie an, die man unaufhörlich beschäftigt findet, zu häufen, zu häufen, zu häufen, Frank auf Frank, Florin auf Florin, Piaster auf Piaster, Guinee auf Guinee, Schloß auf Schloß, Titel auf Titel; der Familie, die in einem Ocean von Reichthümern und Gunstbezeugungen schwimmt, und den armen deutschen Gelehrten überläßt, für die Cmancipation und gegen die Noth zu kämpfen. Welche Art von Mäcenat übt diese Familie aus? Wo sind die intcllectuellen Arbeiten, die sie pensionirt, die sie beschützt? Sie bat zu Vertrauten Prinzen, zu Freunden Minister, sie setzt sich an die Banguete der Könige; diese unermeßliche Macht nützt sie den deutschen Juden? Werden sie besser behandelt? Man möchte selbst sagen, daß diese dummstolze Familie, auf sich selbst gepfropft, sich um so gehobener glaubt, als ihre Glaubensgenossen erniedrigter sind rc." — Der 9te Brief dev Herrn Zarfati ist von geringem attgemeinem Belang. Er greift darin drei Kritiken feines achten Briefes, welche die bis zur Mitte vorigen Jahres erschienene Regeneration enthielt, an. Ich sage er greift sie an, nicht er vertheidigt sich. Namentlich fa()rt_er über das System des Herrn Munk los, der meinte, man müsse einen Jeden privatim in Bezug auf den Sabbat machen lassen, was er wolle, aber den öffentlichen Sabbat- Kultus festhatten. Mit Recht erkennt Zarfati hierin das Illusorische und Dissolutorische an, das er bekämpft, indem auf die Frage, wie Leben und Religion zu vereinen sei, damit nur geantwortet wird, es gehen zu lassen, wie'ö geht. — Aber die Art und Weise, wie sich Zarfcui nunmehr überhaupt überfeine Glaubensgenossen ausspricht, z. B. in Bezug auf die Schweiz, wie er gewaltsam alles Gute verkennt, das sich überall unter ihnen in bürgerlicher Beziehung Hervorthur, zeigt, daß er den nicht ungewöhnlichen Gang betreten, und aus einem Freunde des Iudenthums ein Feind der Juden geworden. Er will im neunten Briefe beweisen, daß nicht blos die Kirche, sondern auch die Synagoge intolerant gewesen. Cr vergißt, daß man Princip und Personen zu trennen habe, daß das Princip der Synagoge Toleranz ist, weil sie die Bekehrung zu ihrer Glaubenöparthei durchaus nicht speciell und materiell, sondern nur geistig und im Allgemeinen will, und eine jede Religion, neben sich duldet, sobald diese nur der allgemeinen Lehre de? Einigkeit Gottes huldige. Offen gesagt: die Mission des Herrn Zarphati ist bereits zu Ende. Wäre er einsichtsvoll genug, ließe er sich von der Leidenschaft nicht Hinreißen, so blieb er hier stehen, und versuchte höchstens in einem 10ren Briefe eine Recapitulation und einen Abschluß desicn zu geben, was er will. Ich befürchte aber, daß er das nicht wird, und daß er dann das alte Uebel hervorbringt, weil er zu Viel will, Nichts zu erlangen. Daß er nicht wirkungslos geblieben, haben Sie neulichst aus Metz erfahren, denn der israälite mossin ist kein anderer, als ein zweiter Zarfati, wenn er nicht derselbe ist. Auf den neunten Brief hin glaubte der sranz. Uebersetzer der Bibel, Herr Cahen, sich gedrungen, feierlichst zu erklären, daß er an der Abfassung der Briefe keinen Anthcil habe, was er auf einem Blatte vom 31. Octbr. vorigen Jahres that; mit schönen, gediegenen Worten spricht er zum Frieden, und verwirft die Medisance und Heftigkeit, die keiner religiösen Pflanzung gut thut. 0 vous, mes coreligionnaires, ruft er aus, non preve/ius, ne nous jtigeons pas entre nous avec tant de rigueur; longtems persecutes ne devertons pas persecutenrs (O, ihr, meine Glaubensgenossen, ohne Vorurcheil, laßt uns nicht selbst mit so vieler ' Harte uns beurteilen; lange Zeit verfolgt, laßt uns nicht Verfolger werden!) Wozu auch, mein Bester, diese Treibhaushitze für eine sich eben entwickelnde Pflanze? Können wir nicht zufrieden mit unö sein, wenn wir rückwärts schauen? Iss nicht Bürgschaft genug, was geschehen ist, dafür, daß noch ein Mehres geschehen wird? Ist Israel noch nicht erfahren genug, hat es noch nicht Kampfe genug durchgemacht, um nicht seine Kräfte schonen zu wollen zu sicherm Gedeihen? Darum ist die Allgemeine Zeit, des'Iudenthums ein treffliches Phänomen, eine glückliche Erscheinung, darum wird sie auch hier von den Gutgesinnten mit Liebe erfaßt, weil sie dieses Ziel sich vorgeseht, diese Erkenntniß an ihre Spitze gestellt. Leben Sie wohl. v. 11. Redacteur: Drt C. Philipps?». - Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfelk

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