Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1877)
- Date
- 1877-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeiluna des Judenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. .Diese.Zeit-m» «Icheütt einmal m 2 br» 2*/2 Bogen. Preis Bierteljähriq L Niark. Inserate werde» mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter und Zeitung« - Exped?^- nehmen Bestellungen an. I- Jn redactionellen . __ «ende man sich an Dr. £. phittpvson Bonn; hinsichtlich der Inserate an Sr. Moste in Leipzig und besten Filialen in Berlin, BreSlanrc. Inserate, welche dis Donnerstag eingehen. finden in der darauffolgenden Nummer Berückfichtigung. 41. Jahrgang. Leipzig, den 18. December 1877. JS,? 51. Zahatt. Leitende Artikel: Der Fanatismus unter den Juden. I. — Zur Stellung der Rabbiner in Oestcrreicb. — Literariicher Wochenbericht: Vom Rheine. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig. Berlin. Bierien. Bonn. — Großbritannien: London. — Türkei: Pera. — Amerika: Cincinnati. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Das hebräische Felsengrab. (Schluß). — Vermischtes. jCeiteiü)e CLxJtSieL Bonn, 12. December. Der Fanatismus unter den Juden. Mit dem Fanatismus im Judenthume und unter den Juden verhalt es sich wie mit den Dogmen. Diejenigen, welche gegen falsche Vorstellungen und gehässige Angriffe das Judenthum und seine Bekenner zu verlheidigen haben, gehen leicht zu weit und verneinen gänzlich, was bei unparteiischer Erwägung dennoch als vorhanden, wenn auch innerhalb gewisser Grenzen zugegeben werden muß. Beginnt doch die h. Schrift mit einem Verse, der die Grundlage des ganzen Judenthums bildet, also mit einem Glaubenssatze, deffen Bekenntniß allerdings eine Bedingung der jüdischen Religionslehre ist: die Schöpfung der Welt durch Gott. Allein das Judenthum hat aus den ihm einwohnenden Glaubenssätzen kein formulirtes Bekenntniß geschmiedet, deffen Ablegung bei der Vollziehung eines religiösen Actes gefordert werde, und dies ist ein großer Vorzug desselben. Ebenso wäre es eine falsche Behauptung, daß der Fanatismus nicht auch innerhalb des Judenthums und der Juden ferne Stätte gefunden, nur daß Verhältnisse obwalten, welche demselben im langen Laufe der Zeiten doch nur selten Gelegenheit boten, sich in Thaten und Katastrophen oder gar in Institutionen zum factischen Ausdruck zu bringen. Bor Allem ist rühmend hervorzuheben, daß das Judenthum niemals aggressiv zur Verbreitung seines Bekenntnisses vorgegangen ist, daß, wie der Mosaismus seine Bekenner aus ihrem Lande nicht zur Bekehrung der Heiden, sei es mit dem Worte oder mit dem Schwerte, ausgesendet hat, der Fremde im h. Lande nur zur Unterlassung des Götzendienstes verpflichtet war, so auch die Juden, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im röm. Reiche, niemals auf Proselytenmacherei außgingen. Dies begründete sich auf den großen Vorzug des Judenthums, Andersgläubige nicht von der „Gerechtigkeit" und der Seligkeit im zukünftigen Leben für ausgeschlossen zu halten und zu erklären. Man kann daher mit Fug und Recht dem Judenthume nach Außen hin keinen Fanatismus zuschreiben. Selbst seine auf Absonderung zielenden Satzungen betreffen viel mehr die Juden selbst als die Nichtjuden, und wenn z. B. die rabbinischen Speisegesetze den Juden von der Theilnahme an der Tafel Anderer ausschließen, so gestatten sie doch jedem Nichtjuden von einer jüdischen Speise zu genießen. Das Judenthum ist demnach nach Außen viel toleranter als man es auszuschreien pflegt, und hierin hat die Ableugnung des Fanatismus die vollste Berechtigung. Anders ist es aber nach Innen. Wie sollte es auch anders möglich sein'. Wenn die Bekenner einer Religion Jahrhunderte lang berufen sind, den schwersten Druck und die härteste Verfolgung für vieselbe zu tragen und zu erleiden und stündlich außerordentliche Opfer für sie zu bringen: wie sollten sie da nicht zur eifrigsten Bewachung alles dessen, was sie zu ihrer Religion gehörig ansehen, sich aufgefordert fühlen und jede Verletzung, sei es einer Glaubenslehre, sei es eines religiösen Gesetzes, ja nur eines Brauches, einer Ceremonie, als einen Treubruch, als ein auszumerzendes Beispiel ansehen und deren Unterdrückung mit aller