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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-12-04 · Heft 49 (4.12.1877) · p. Seite 774

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 49 (4.12.1877)
Date
1877-12-04
Page
Seite 774 (sequence 2)
Language
German
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774 den Denkenden und Höherfühlenden zu eigen, daß die Seele nach dem Tode ein ewiges Leben im Anschauen Gottes, fortschreitend im Lichte des Lebens (Hiob) führe, und die Volksanschauung, daß die Abgeschiedenen noch eine Art Wesenhaftigkeit in der Unterwelt besäßen, aber unthätig und ohne Zusammenhang mit dem wirklichen Leben, welche Volksanschauung zu dichterischen Bildern benutzt ward, aber sich spater gänzlich verlor. Mit der Entwickelung der traditionellen Auslegung während des Bestandes des zweiten Tempels breitete sich der Unsterblichkeitsglaube im jüdischen Volke immer mehr aus und faßte feste Wurzel. Daher bekennen ihn die Anhänger der Tradition, die Pharisäer in unbedingter Weise, und verbinden damit den Glauben an eine dereinstige Auferstehung des Leibes und dessen Wiedervereinigung mit seiner Seele. Jcsephus sagt: „die Pharisäer erklären jede Seele für unvergänglich, lassen jedoch nur die Seele guter Menschen in ihre Leiber zurückkehren, während die Seelen der Bösen zur ewigen Strafe verdammt seien." (B. Jud. 2, 8, 14 vgl. Antiqu. 18, 1). Diese Lehre erhoben sie zu einem unbedingten Dogma, und als nun die Tradition die allgemeine Herrschaft im Judenthume erhielt, und der Pharisäismus darin ausging, so blieb diese Lehre über Unsterblichkeit, Vergeltung und Auferstehung die allein gültige innerhalb des Judenthums. Ja, die Essaer kamen schon zu der Ansicht, daß die Seele „im Leibe wie in einem Kerker eingeschloffen sei, und mit dem Tode sich der Erlösung aus langer Knechtschaft freue und emporsteige." Josephus rühmt den Zauber, den diese Lehre über alle, „welche einmal von der Weisheit des Ordens gekostet haben", übe. Die Herrschaft dieser Lehre zeigt sich nun auch in den Apokryphen, wo nur Sirach verrath, daß, gleich bei den Sadduzäern, ein jüdisches Religionssystem ohne Unsterblichkeitslehre in kleineren Kreisen noch vorhanden war, das bald aber gänzlich verschwand. Um so recht die Volksmeinung vor und nach der Zerstörung Jerusalems zu erkennen, braucht man nur die Rede zu lesen, welche Josephus an die jüdischen Soldaten gehalten haben will (B. Jud. 3, 8, 5>, wo er unter Anderem sagt: „Unsere Leiber zwar sind sterblich und aus vergänglichem Stoffe gebildet, aber ein Theil der Gottheit, eine unsterbliche Seele wohnt in dem sterblichen Körper, und Ihr wisset doch, daß, wer nach der Ordnung der Natur das Leben verläßt, deffen Seele wegen ihres Gehorsams den heiligsten Ort im Himmel erlangt, von wo aus sie wieder nach rem Ablauf der Zeiten in einen reinen Leib wandern soll. Die Seelen derer hingegen, deren Hände gefrevelt haben, nimmt die finstere Unterwelt auf und Gott, ihr Vater, wird den Frevel heimsuchen."' Der .Talmud stellt bekanntlich ebensowenig wie die heil. Schrift Theorien in systematischer Ausführung auf; aber, obschou das Produtt fast eines Jahttausends, gehen in ihm doch consequente Grundzüge durch Alles, was sein weiter Umfang umschließt, die überall zum Vorschein kommen, ihn im Ganzen und im Einzelnen durchtränken und an denen kein Zweifel aufkommt. Dazu gehört der Glaube an Unsterblichkeit, Vergeltung und Auferstehung, so daß das Dogma formulirt wird: wer die Auferstehung leugnet, hat an der zukünftigen Welt keinen Antheil (Sanhedr. 90, 2). Wie sich das Verhältniß des dieffeitigen zum jenseitigen Leben hieraus im Volksbewußtsein gestaltete, ersieht man aus dem schon angeführten Spruche aus Pirke Aboth, und ferner Mci-v Katon 9, 2: „Diese Welt gleicht einer Herberge auf der Reise, jene Welt ist das eigentliche Wohnhaus". Ebendaselbst 29, 1 wird gelehrt, daß „die Frommen auch jenseits keine Rast haben, sondern von Stteben zu Streben gehen", also in einer unendlichen Entwickelung und Vervollkommnung. Auch nehmen die Talmudisten keine Ewigkeit der Höllenstrafen an, sondern lassen die Seelen auch der größten Sünder nur Zeitalter hindurch die Sttafe erleiden, und durch sie geläutert werden. Begnügen wir uns an dieser Stelle mit diesen wenigen Strichen. Auf diesem talmudischen System standen die folgenden zwölf Jahrhundette unerschütterlich fest, und der Glaube an Unsterblichkeit und Vergeltung beherrschte die ganze Volksseele viel mehr als der Messiasglaube, der nur von Zeit zu Zeit eine Flamnie entzündete, während der Unsterblichkeitsglaube das häusliche Heerdfeuer war, an welchem die Juden auch während der ganzen Zeit ihrer Verfolgung saßen und sich erwärmten. Der Messiasglaube konnte sogar dem Bolkswitz sich nicht ganz entziehen und gab zu Scherz und Witzwort Veranlassung. Aber der Glaube an die Unsterblichkeit und an die Wiedervereinigung mit seinen Verstorbenen war aller Zeiten unantastbar und geheiligt. — Als man jüdischer Seils die charakteristischen Glaubenssätze des Judenthums aufzustellen versuchte, gehörte die Unsterblichkeit stets zu diesen. Unter den dreizehn Glaubensartikeln des Maimonides spricht der elfte die Belohnung und Bestrafung nach dem Tode, der dreizehnte die Auferstehung aus, unter den drei Glaubensartikeln des Albo der dritte Artikel die Belohnung und Bestrafung im Jenseits. Das alte tägliche Morgengebet rinw: ■’inbN khut desgleichen. Als die Religionsphilosophie sich zu entwickeln begann, hatte der Kampf, den sie zu bestehen hatte, nicht etwa den Zweifel an der Selbstständigkeit und Unsterblichkeit der Seele zum Inhalt, sondern nur die allgemeine Frage, ob die Lehrsätze der Schrift und des Talmuds einfach anzunehmen seien, oder ob es zulässig sei, über die religiösen Erkenntnisse zu philosophiren? Unter den jüdischen Religionsphilosophen behandeln daher die Einen die Unsterblichkeitslehre mehr von der prattischen, das ist moralischen Seite, während die Anderen dialectisch verfahren und die Frage zu beantwotten versuchen, was von der Seele unsterblich sei? Heben wir die bedeutenderen hervor. Saadja (geb. 892) kommt zu dem Schluß (Emunoth wedeoth 9, 1): „Darum hat Gott der Seele gewisse Gebote und Pflichten als uothwendig für ein zu erlangendes ewiges Leben gegeben, indem durch dieses Leben der Seligkeit erst der Endzweck des Menschen erfüllt ist, zu welchem die Aüweisheit ihn bestimmt, und erst dort die Vergeltung der Thaten statrfindet." Er führt dann die

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