Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1877)
- Date
- 1877-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Judenlhums. Cm unparteiisches Organ sür alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 diS 'l'i-z Bogen. Preis Bartel,ädrig 3 Matt. Inserate werden! mit in Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechuei. Alle Buchbaiidiuugea, " ' mter und Zeirungs - üxvedirionen neymen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. In redactionelle» Sngelegenhene» wende mau sich an Dr. £. Phitippson in Bonn; dinfichllich der Inserate an 2i. Moffe in Leipzig und defs » Filialen in Berlin. BreSlanrc. Inserate, welch« bis Vauaerstay citwehe» finde» «der carauffolgeadcn Rümmer Berücksichtigung. Seilagen werden mit 1 Mark 5 0 Pf. pro Hundert berechnet. 41. Jahrgang. Leipzig, den 4. December 1877. JS? 49. Inhalt. Leitende Artikel: Die Unsterblichkeitslehre. IV. — Literarischer Wochenbericht: Frankfurt am Main. — Zeitungsnachrichten : Deutschland: Berlin. Leobschütz, Biersen, Kassel. Hannover. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Schweiz: St. Gallen. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Das hebräische Felsengrab. — Vermischtes. J3elletu)e (dCthitel. Bonn. 28. November. Die Ansterblichkeilslehre. IV. Die Unkenntniß oder die Nichtberücksichtigung des nachbiblischen oder doch des nachtrlmudischen JudenthumS, wie wir sie in der angeführten Schrift des Dr. Spieß hinsichtlich der Lehre von der Unsterblichkeit und der Vergeltung im Jenseits gefunden haben, und die man in so vielen, selbst jüd. Kreisen wiedertrifft. legt es uns als eine Pflicht auf, hier noch einiges Licht darüber zu verbreiten, schon um der Unsicherheit über diesen hochbedeutenden Gegenstand innerhalb unserer Glaubensgenoffen möglichst ein Ende zu machen. Man will uns eben insinuiren, daß das Judenthum erst später, namentlich aus dem Christenthume bestimmte und geläuterte Begriffe über Unsterblichkeit und Vergeltung gezogen habe, und je öfter dies in der allgemeinen Literatur behauptet wird, desto eher glauben es die neueren Juden. Ja, giebt es doch moderne Gegner des UnsterblichkeitsglaubenS, welche dem Judenchume aus dem vermeintlichen Mangel an jenem ein Verdienst machen wollen.*) Beides ist falsch. Jn- I) Wie leichthin selbst unterrichtete Männer ans diesem Felde sich aussprechen, davon rrafen wir jüngst ein Beispiel in der. in dies. Ztg. bereits erwähnten Besprechung des neuesten Renan'schen Werkes über die französischen Rabbinen des 14. Jahrhunderts, welche Prof. A. Frank im lournsl äes Debats vom 30. Oct. gegeben. Er spricht hier über die Ansichten des Abraham ben Levi und sagt: „Das sicherste Mittel (nach dem gedachten Schriftsteller) den Körper zu überleben und den Himmel zu gewinnen, sei nicht der Glaube, sondern die Wisienschaft, dem wir daher auf unsere bereits citirte Abhandlung im zweiten Bande unsrer Israelitischen Religionslehre verweisen, wollen wir dennoch hier eine etwas allgemeinere Ausführung geben. Als das Resultat der unparteiischen Untersuchung der bibl. Schriften ergiebt sich endgültig: 1) der ganzen biblischen Anschauung liegt der Unsterblichkeitsglaube zu Grunde, ohne jedoch dogmatisch formulirt zu werden, sondern indem er nur in einzelnen Andeutungen und in den Chethubim (Hagiographen) in immer deutlicheren Aussprüchen sich zu erkennen giebt; 2) es bestanden nebeneinander zwei verschiedene Vorstellungen, die eine. weil die Wisienschaft durch ihre allgemeinen und nothwendigen Ideen nns der Zerstörung entzieht» welche alle individuelle Existenzen erreicht. Dies ist die einzige Art der Unsterblichkeit, welche Maimonides und nach ihm Spinoza und Goethe anerkannt." Hinsichtlich des Maimonides ist dies eine schiefe und oderflächliche Auffasiung, wie wir weiter unten sehen werden. Nichts ist gewisier, als daß Spinoza die „Ewigkeit" des menschlichen Geistes lehrt. Wie er aber diese verstand, läßt sich nicht mit einigen Worten abmachen. Vgl. Ethik V, Satz 23 :c. Was endlich Goethe betrifft, so bekannte er sich namentlich in seinem Alter rund und einfach zum Unsterblichkeitsalauben. Wir verweisen auf Eckermann B.I, S. 85, wo er sagt: »Ich möchte keineswegs das Glück entbehren, an eine künftige Fortdauer zu glauben und möchte mitLorenzo von Medici sagen, daß alle Diejenigen auch für dieses Leben todt sind, die kein anderes hoffen." S. 107: ,Zch habe die feste Ueberzengung, daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur; es ist ein sortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähnlich, die bloS unsren irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortlenchtet." B. II, S. 39. 40. Eine bedeutende Stelle S. 101: „Ich zweifle nicht an unsrer Fortdauer, denn die Natur kann die Entelechie nicht entbehren. Aber wrr sind nicht ans gleiche Weise unsterblich und um sich künftig als große Entelechie zu manisestiren, muß man auch eine sein." In diesen Worten liegt nichts ansgedrückt, als daß der Mensch eben in seiner Individualität sortdanert und je nach derselben und von ihr ans im Jenseits sich weiter entwickelt.