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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-02 · Heft 40 (2.10.1877) · p. Seite 639

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 40 (2.10.1877)
Date
1877-10-02
Page
Seite 639 (sequence 11)
Language
German
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639 fessionen." (Halberstadt, Lindeqist u. Schönrock.) Der Versuch hatte keinen großen Erfolg, und konnte ihn nicht haben. Die Zeit war nicht angethan, das einfache, den ruhigen Verstand und das bedürftige Gemüth beanspruchende Wort der h. Schrift und der Religion zu hören. In dem lauten Getöse der Parteikampfe, in welchen noch dazu die religiösen doch nur bewußt und unbewußt eine Maske für die politischen und socialen abgaben, mußte eine so sanfte Stimme verhallen. Die Verleger gaben 1845 den gesammten Inhalt der Wochenschrift in einem Bande unter dem Titel: „Kosmos. Eine religiöse Unterhalmngsschrist für gottgläubige Gemüther aller Confessionen." (Halberstadt, Linbequist u. Schönrock, 1845) heraus. — Unterdeß waren aber auch innerhalb des Judenthums die Kämpfe zwischen den Reformern und Orthodoxen heftiger entbrannt; die Rabbinerversammluvgen zu Braunschweig, Frankfurt und Breslau (1844—46) gaben den Anhaltspunkl dazu. In Berlin hatte sich die jüdische Reformgenofsenschaft gebildet, die noch nicht auf ihren später» radicalen Standpunkt versetzt, einen umgeanderten Gottesdienst herstellre. Mit Roschhaschavah 1845 sollte dieser in'S Leben treten — aber sie hatte noch keinen Prediger von irgend welcher Autorität gefunden, der ihrem Gottesdienste durch die Predigt die erforderliche Weihe ertheilte. Auf das dringende Ansuchen der Genoffenschaft und mit Zustimmung des Vorstandes meiner Gemeinde übernahm ich die ersten Predigten, nämlich an Roschhaschanah und Jom Kippur, und sie erschienen: „Predigten, gehalten bei dem ersten Gottesdienste der Genvffenschaft für Reform im Judenthum zu Berlin." (Berlin, Simion, 1845.) — Die Predigt, die ich au dem vorangegangenen Peßach (am letzten Tage) gehalten, wurde auf Vieler Verlangen gedruckt: „Das Vorwärts in Israel." (Magdeburg, Creutz, 1845.) Am 23. Juli 1847 war das vielbesprochene preußische Judengesetz nach langen Debatten in dem „Bereinigten Landtage" erschienen. So widerwärtig das ganze Gesetz auch war, von welchem das Landtagsmitglied Graf Schwerin in der Sitzung selbst ausgesagt, daß es alsbald von der Zeit zu den Todten gezählt werden würde, so war doch ersichtlich, daß der Theil deffelben, der die jüd. Gemeindeverfaffung bestimmt und der der preußischen Slädte- Ordvuvg nachgeahmt war, viel Nützliches für die sehr verworrenen Berhältniffe der jüdischen Gemeinden in Preußen erwirken könne. In diesem Sinne erließ ich eine: „Ansprache an die israelitischen Gemeinden Preußens, insonders der Provinz Sachsen über das die Verhältnisse der Juden betreffende Gesetz vom 23. Juli 1847." (Magdeburg, Baensch, 1847.) Meine Absicht war, in den einzelnen Provinzen eine freie Vereinigung der Gemeinden durch Delegirte, um die Cultuseinrichtungen gemeinsam zu regeln und sich gegenseitig zu unterstützen, hervorzurufen. In Folge derselbe» brachte auch der Vorstand der Gemeinde Magdeburg eine solche Versammlung zu Stande, nnd deren Ergebniffe veröffentlichreich: „Die Versammlung israelitischer Vorstände aus der Provinz Sachsen, abgehalten am 20. und 21. October 1847 zu Magdeburg." (Magdeburg, Baensch, 1847.) Unzweifelhaft würbe dieser Vorgang ftuchtbare Wirkungen erzielt haben, wenn nicht wenige Monate spater der revolutionäre Sturm alle derartige Interessen völlig zum Schweigen gebracht und so auch den Faden dieser praktischen Entwickelung zerriffen hätte. — Einer bedürftigen christlichen Familie überließ ich zu ihrer Aufhülfe auf ihr Ansuchen eine Predigt: „Des Menschen Geist." (Halle, Schwetschke, 1847.) Sie erfuhr mehrere Auflagen. Wir müssen jedoch noch einmal auf das Jahr 1846 zurückgreifen. Daß neben jenen schon erwähnten religiösen Kämpfen das Verlangen nach politischer Umgestaltung, insonders nach einer constitutionellen Verfassung immer allgemeiner und drängender wurde, brauchen wir kaum hervorzuheben. Aber neben diesen Gährungselementen hatte sich noch ein dritter Stoff von Frankreich her überall eingevrängt, und beschäftigte die Geister und Gemüther, nämlich die communistischen und socialistischen Theorien, die sich freisinniger Köpfe bemächtigt hatten, und in ihrem gröbsten Theile auch schon in die untersten Volksschichten eingesickert waren. Wenn gegenwärtig diese Ideen bereits eine realistische Bedeutung haben, darum aber auch um so sichtbarer und greifbarer geworden , so glaubt man kaum, wie sehr sich in den Vierziger Jahren die Köpfe cheoretisch damit beschäftigt haben. Es galt nun innerhalb aller dieser großen geistigen und gesellschaftlichen Zusammenstöße Stellung seitens deS Judenthums zu nehmen. Die bürgerliche Gleichstellung war bereits so weit gesichert, daß der nächste Fortschritt des Staates dieselbe nothwendig bringen mußte, wenigstens als Gesetz, wenn auch vorauszusehen war, daß die Staatsverwaltung ihr Folge zu geben so lauge wie möglich zögern werde. Der Monotheismus als Grundlehre und die allgemeine Moral vermochten in diesem Zeitpunkte dem Judenthume bei seinen Bekennern wie außerhalb eine genügende Anerkennung nicht zu verschaffen. Es mußte vielmehr nachgewiesen werden, daß das Judenthum von seinem Beginne an für die Fragen, welche die Zeit bewegten, also für die politischen und socialen, nicht bloß einen Raum, sondern auch eine Antwort gehabt habe. Die gründliche Untersuchung nach dieser Seite hin, wie sie sich unmittelbar mit der Ausarbeitung meines Bibelcommentars verbinden mußte, hatte mir die feste Ueberzeugung gebracht, das die Principien, welche die Gegenwart für das moderne Staatsleben forderte, und die zum Theil noch in Dunkel gehüllt waren, wie die sociale Frage, schon vom Mosaismus ausgesprochen und in vielen Gesetzesbestimmungen bethätigt worden. Ich hatte begonnen, diese Ueberzeugung ebenso in Leitartikeln der A. Z. d. I. wie selbst auf der Kanzel auszusprechen und zu begründen, wie dies aus dem zweiten Bande meines „Siloah" (1845) zu ersehen ist. Im Winterhalbjahre 1846/47 nahm ich nun Veranlassung, meine Ansichten in einer Reihe öffentlicher Vorlesungen, die überaus zahlreich von Znhöreru aller Confessionen besucht wurden, systematisch darzustellen. Alsbald wünschte man dieselben auch gedruckt vor sich zu haben und sie erschienen im 40 *

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