Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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emeine Zeitung -es Iu-enlhums. Ein unparteiisches Organ siir alles jüdische Jntereffe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich _ i einmal in 2 dis Äogen. Preis Lierreliährig :> i’iaif. * Inserate werten mit 20 Pf. für die Pctitzeile occr deren; yCaunt berechnet. Sille Änchbautluri^cik. Postämter und ZeitungS^ Expeditionen nehmen Bestellungen au. Herausgegcben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. 2n redactionellen Angelegenheiten j wende man sich ,ui Dr. £. JUiiliyvfon in > Bonn; dinsichtlich der Inserate an A. Messe in Leipzig und bcff. n Filialen in Berlin, Breslau:c. Zaserate, welch« bis vonnerliaa eingeden finden in der darauffolgenden Stummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 1 Mark 50 P f. pro Hundert berecbnet. 41. Jahrgang. Leipzigs den 24. Juli 1877. JS? 30. Inhalt. Leitende Artikel: Der ultramontane Bau. — Gutachten des Landrabbinats in der Angelegenheit der Mosenthal'schen Orden. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Königsberg in Preußen. Nürnberg. Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Linz an der Donau. Preßburg. — Rußland: Moskau. Ans dem Russischen. — Amerika: St. Louis, New-Iork. — Bonn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton. Ein Brief Savonarola's an die Signoria von Lucca in Betreff der Juden. Stellende (fJCttiilef. Bonn, den 18. Juli. Der nltramontane Sau. Wir sehen vor uns ein großes phantastisches Gebäude aufführen, an welchem Tausende von Arbeitern beschäftigt sind, den Bau in die Breite und in die Höhe zu vergrößern. Denn die den Plan entworfen und besten Ausführung leiten, vermeinen ihr Werk über die ganze Oberfläche der Erde auszudehnen und das ganze Menschengeschlecht in ihre Hallen aufzunehmen. Wie aber steht es mit den Fundamenten, auf denen sie bauen, mit dem Material, das sie verwenden, mit dem Dach, unter dem sie ihren Bau bergen wollen? . . . Dieses Bauwerk ist — die kirchliche und päpstliche Weltherrschaft, an welcher zur großen Ueberraschung Vieler, deren Jugend in das erste und zweite Viertel unsres Jahrhunderts hineinreicht, gegenwärtig wieder mit erstaunlicher Anstrengung und von zahllosen Händen und mit klarstem und festesten Bewußtsein gearbeitet und gefestigt wird. Phantastisch ist es; man glaubt, das Erzeugniß einer überspannten Einbildungskraft, die Entwürfe und Anstrengungen verirrter Geister vor sich zu sehen — so sehr widerspricht daran Alles dem Charakter und der Richtung der Zeit, so fremdartig erscheint es im Lichte des Tages, so sehr glaubte man an ihm nur noch eine Legende zu haben, so luftig scheinen die Ideen im Winde zu schweben, auS denen das Ganze erstanden und weiter besteht und fortgeführt wird. Und dennoch kann es unmöglich der Wirklichkeit entfremdet sein; dennoch muß es feste Bausteine geben, die ihm'zu dauerndem Bestände dienen, Einflüsse und Wirkungen, die ihm eine große Macht und keinen geringen Grad von Realität gewähren. Wir müssen uns dies klar machen. Wir Juden haben an dem Kampfe, welchen die päpstliche Kirche gegen den modernen Staat, oder besser gesagt, gegen den Staat, wie er sich seit der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart entwickelt hat, also gegen den absolutistischen wie gegen den constitutionellen Staat führt, wie an dem sz. Culturkampfe im deutschen Reiche ein großes Jntereffe, größer als wir es wünschten. Denn nach der allgemeinen Seite hin ist unsre gegenwärtige Existenz an den liberalen Staat gebunden, und würde die Reaction überhaupt und der Ultramontanismus in's Besondere zur Herrschaft gelangen, würden wir unmittelbar die traurigsten Wirkungen zu verspüren haben. Der letztere hat dies sogar als seinen Grundsatz unumwunden erklärt. Der Syllabus verdammt nicht blos die Religions- und Gewissensfreiheit, sondern auch die bürgerliche Gleichstellung der Bekenner akatholischer Religionen. Er macht kein Hehl daraus, daß er die Juden aller politischen und bürgerlichen Rechte wieder berauben, sie aus dem Lande treiben oder in Ghetti einsperren, daß er sie erdrücken und zertreten werde. Er hat durchaus die Ketzergerichte, das Recht Andersgläubige mit dem Schwerte der Inquisition zu strafen, nicht aufgegeben. Aber auch nach der praktischen und zeitweiligen Seile hin hat er bereits das Möglichste geleistet, um uns nicht blos zu bedrohen, sondern zu gefährden. Er hat mit großen Anstrengungen und in allen Ländern der civilifirten Welt sich bemüht,