Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1877)
- Date
- 1877-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emeine Zeitung des Judenlhmns. Ein unparteüschks Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung crscheml wöcheMiich, einmal in i vis -1,. Bozen. Preis Bierlelzährig :>iviark. ' Inserate werden mir 2» Psfür die Pctirzeilc oder deren Diaum derechnct. Alle Burbbaiidiungeu, Postämter und Zeilungs - Expeditionen neynien BesteUungcn an. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philipplon in Bonn. Verlag von Baumgärtner'v Bucyhauölung in Leipzig. 3» redactionellen Angelegeuheueu wende man sich an vr. L. philirivson in Bonn; hinsichtlich der Jnserare an 9i. Moste in Leipzig und dcss n Filialen in Berlin, Breslau:c. Instrale, welche bis vonnerstaa eingehen finden in der rarausfolgenden viummer Berücksichtigung. Beilagen werden Nlit 1 Mark 5 0 Pf. pro Hundert berechnet. 41. Jahrgang. Leipzig, den 17. Iuü 1877. JX? 29. Inhalt. Leitende Artikel: Die Kaiizclsragc. —'IDie Urthcile römischer Schriftsteller über die Juden nach Renan. — Zeitungsnachrichten : Deutschland: Aus dem Raffauischen, Seesen, Kassel, Berlin, Stralsund. — Oesterreich-Ungarn: Pest. —Frankreich: Bonn. — Schweden: Gothenburg. — Türkei: Ans der Türkei, Paris, Wien. — Rumänien: Wien. — Rußland: Berlin. — Amerika: New-Aork. — Feuilleton: Die erste behördliche concessionirte israelitische Religionsschule. — Vom jungen und von alten Äönigswarter. — Vermischtes. «jCeiteude dXxhfvef. Bonn, den 11. Juli. Die Lanzelfrage. *) Wenn wir auf den Vorfall in Gleiwitz ein besonderes Gewicht legen, und auf diesen Fall mehrmals zurückkommen, so geschieht dies nicht, um dem durch Verdienst und Alter hochachtbaren Rabbiner Dr. Hirschfelv eine Genugthuung zu verschaffen, als vielmehr mit aller Kraft uns jeder willkürlichen Behandlung der jüdischen Kanzel zu widersetzen. Auch wir halten diese nicht etwa für eine Bolkstribüne, von welcher unbedingt und nach augenblicklicher Eingebung ein Redner seinen Ansichten oder seiner Leidenschaft freien Lauf lasten könne. Dem widerspricht die Bestimmung des Ortes und der Zweck der Predigt. Wir erkennen z. B. an, daß die Kanzel niemals durch eine persönliche Polemik, durch eine Behandlung der Tagespolitik und die Heruntersetzung eines Staatsgesetzes und der Staatsregierung entwürdigt werden dürfe. Wir meinen, daß die Politik, soweit sie die allgemeinen Grundsätze betrifft, gerade vom Standpunkte des Judenthums, welches von der Religion die höhere sociale Entwickelung so wenig wie die Sittlichkeit trennt, auch auf der jüdischen Kanzel nach den I) In dem Art. „die Rabbinerfrage" Nr. 27, S. 421, Sp. 2, Z. 3 bitten wir zu lesen: „Möchten Sie doch re." Wir wurden aufgesordert, Vorschläge zu machen, und haben nicht versäumt, diesen Wunsch nach Kräften zu erfüllen. Fundamenten des Judenthums zu behandeln sei. Aus diesem Gesichtspunkte kann auch die Stellung, welche staatliche Gesetze dem Judenthume und dessen Bekennern zuweisen, maß- und respectvoll besprochen werden. Von jeglichem Spiel der Parteien aber, von jeder leidenschaftlichen Behandlung der Politik, besonders der Tagesfragen muß sich die jüdische Kanzel fernhalten, wenn sie nicht ihrem Charakter und ihrer Bestimmung zuwiderhandeln will. Unter dieser Voraussetzung jedoch verlangen wir für sie unbedingte Freiheit. Wir können sie nicht der Willkür und Herrschaft seitens einer äußeren oder inneren Instanz unterwerfen lassen. Wir können namentlich dem Gemeindevorstande nicht das Recht einräumen, irgend eine gelegentliche Aussprache oder Aeußerung zu benutzen, einem Prediger, Imit dem er nicht ganz übereinstimmt, eine Einschränkung und Beleidigung zu ertheilen. Hierdurch würde nicht allein die Würde der Kanzel, sondern auch deren ganze Wirksamkeit geschädigt werden. Der Versuch, die religiöse Rede ihrer Freiheit zu berauben, ist bereits in sehr alter Zeit auch im Judenthume vorgekommen und nachdrücklich zurückgewiesen worden. Man lese nur das 20. C. des Buches Jeremias, sowie 29, 24 :c. Es war da eine Zeit, die dies sehr erklärlich macht. Das wahre Prophetenthum rang mit der herrschenden Hofpartei im Reiche Juda um das nahe Schicksal des Volkes. Der Prophet wollte den Ausgleich mit dem chaldäischen Herrscher, der nichts als einen Tribut verlangte, sonst aber das Volk in seinem selbstständigen und religiösen Bestände beharren laffen wollte. Die Hofpariei jedoch wollte die Unabhängigkeit des Reiches und glaubte diese durch eine Verbindung mit Egypten zu erreichen, von welchem die Tieferblickenden