Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-07-10 · Heft 28 (10.7.1877) · p. Seite 449

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 28 (10.7.1877)
Date
1877-07-10
Page
Seite 449 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227152--35497-3305460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

449 im Jahr 1525 geschehen, und in deren Franciseus I. König von Frankreich, von des Kaisers Caroli V. obsiegenden Armee gefangen worden, gezielet wird. Es muß dessen Thon unter Juden, als welche der Melodeyen nit gar viel haben, annvch bekannt seyn. Unter uns Christen, weilen täglich aller Orten neue Singweisen erfunden werden, ist er vielleicht abkommen, wie dann die Juden selbst klagen, daß von denen Christen, die ehemals ihnen zustehende edle Kunst der Music, ihnen gleichsam seyn entfrembdel worden. Dann, so fragt und antwortet in einem sehr langen Carmine, welches aus lauter spitzfündigen Fragen und Antworten bestehet, ihr Poet Immanuel in seinem Mechaberot: vLrr -,ron masn mm» rna Wird die Antwort aus Gen. XU. 15 auf die Frage wolschicklich so gezogen: Allermasien dieses gantze Carmen sehr sinnreich ist. Es muß aber die Melodey des Liedes von der Schlacht von Pavia gar lieblich und annehmlich gewesen seyn, denn es meldet der fürtreffliche Herz Beit Ludwig Seckendorf, welcher nit allein seines Geschlechts, sondern alles Teutschen Adels stete Zierde ist, in seiner Widerlegung des Mainburgs l. 2, Sect. 2, §. 27. daß der gewaltige Heerführer Georg Fronsberg, so durch seine Tapferkeit eben diesen Sieg von Pavia merklich befördert, auch selbiger in solchem Thon, ein Lied, welches er von dem Unglück und gar schlechten Belohnung wolverdienter Männer selbsteu verfertiget, sich oft fürsingen laffen, und ist billig, daß man des Herrn von Seckendorfs eigne Worte hierhersetze: Oantionem (Fronsbergius) composuil, a Reisnero relatam, in qua <le iniquo bonorum virorum lato lamentabatur, jubebat modis illis Musicis, quibus Epinicium Ticinensis victoria, tune compositum, canlari solebat.“ Es ist mir nicht darum zu thun, einen verstorbenen Autor des Plagiates zu zeihen, jenes Sammelsurium vielmehr, und besonders der Name Wagenseil bieten naheliegenden Anlaß zu neuen Anregungen. Weit bedeutsamer als das Binzlied und von wirklichem literar - historischen Werth ist besten Blattnachbar: „Jüdischer Geschicht - Roman von dem großen König Ariuro in Engelland und dem tapffern Helden Wieduwilt." Dieser Held der Tafelrunde, ein Sohn Gaweins, des Neffen und präsumtiven Nachfolgers von König Artus, ist meines Wistens von keinem Andern zum Mittelpunkte und Träger eines Epos oder Volksbuches gewählt worden. Der Autor Josel Witsenhausen, bekannt als Bibelübersetzer und Drucker, vielgenannt in dem Nachdruckproceffe Blitz-Uri-Febes contra Athias- Witzenhauseu (Amsterdam 1676—1688), eine seltsame Verquickung von Schriftsteller und Verleger, introducirt sich als Beides in dem gereimten Vorworte, dem drolligsten Gemisch von Reclam und naiver Nutzanwendung, das je ein Gedicht eingeleitet. Er vindicirt sich bloß das Verdienst, ein Prosamanufcript, das er in 'einem Vaterhaufe gefunden, in Reim gestellt zu haben. Das Opus ist ohne Metrum, aber nicht ohne natürliche Rhythmik und besteht aus ungefähr 700 Strophen zu je 12 bis 16 unmittelbar gereimten Knittelversen. M. Steinschneider in seiner Vorlesung „Ueber die Volksliteratur der Juden" (Berlin, 187 0) läßt sich darüber folgendermaßen vernehmen: „Wir legen hier weniger Gewicht auf einzelne, allerdings hervorragende Erscheinungen, wie der deutsche Minnesänger Süßkind von Trimberg, der spanische Troubador Don Santos aus Carrion, wohl aber auf eine hebräische Bearbeitung der Sage von König Artus Hof und den Rittern der Tafelrunde, welche das Jahr 1279 tragen soll (die Hs. des Vatikan, Cod Urbin 48), auf eine deutsche Bearbeitung destelben Sagenkreises in der Versform der Nibelungen, deren Zeitalter unbekannt (8erapeum 1869, S. 146), wie auch noch im XVII. Jahrhundert dem Ritter Widuwilt, nach dem Ausdrucke Beneke's „die Ehre sondergleichen widerfuhr, von Josel aus Witzenhausen in Amsterdam in jüdisch-deutschen Reimen bearbeitet zu werden. Dieser vielseitige Schriftsetzer und von Mendelssohn beachtete Bibelübersetzer erklärt in seinem Vorgedicht, daß ihn das alte Sprichwort „Es geht hinnen zu, als wenn es König Artis Hof wär" auf das Werk geführt habe; darum, sagt Josel, Hab ich es gestellt in Reimen. Wir können in diesem, noch in Mendelssohn's Zeit neu aufgelegten Buche weder mit Benecke „alle Frechheit eines jüdischen Bänkelsängers", noch mit Andern eine tiefe Weisheit finden" .... Allem Anscheine nach hat der Bersificator W. das Original verballhornt, aber keineswegs in dem Maße, um die ursprünglichen Schönheiten und den wirklichen poetischen Gehalt unkenntlich zu machen. Es verlohnte sich wohl der Mühe, das Ganze als eine Art Palimpseste auf- und anzufasten, besten vielfach verschobene, poetische Gewandung mit rythmischer Hand zurecht zu rücken, häßliche Falten glatt zu streichen und schadhafte, fadenscheinige Stellen geschickt zu brodiren. Daraus würde sich vielleicht nicht nur ein Gewinn für die jüdische Culturgeschichte jener Zeit durch den Nachweis ergeben, wie die Juden die damalige deutsche Volksliteratur sich assimilirten: sondern auch mancher werthvolle Aufschluß für germanistische Volksdichtungen resultiren. Freilich dürfte man es sich dabei nicht verdrießen laffen, ungezählte Male den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen zu machen. Sollte es mir gestattet sein, so wäre ich selber gerne bereit, einige Proben aus dem Wieduwilt in der angedeuteten Umarbeitung zu liefern. Doch revenons a nos moutons — zurück zu den alten Melodien! Wagen seil führt in einem Anhänge zu seinem Buche Sota einen Lessus judaicus aus Prag vom Jahre 1649 an, der “pb-wna yiipsn gesungen ward . . . . Findet sich kein Ullmann für diese alte Weise?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.