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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-19 · Heft 25 (19.6.1877) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 25 (19.6.1877)
Date
1877-06-19
Page
Seite 401 (sequence 13)
Language
German
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401 lichkeil solcher Ehen ausgeführt gelesen zu haben. Im Jahre 1875 erschien zu London von M. A. H. Huch ein ausführliches Werk darüber: On Marriage belween near Kin, dessen Resultat ist, daß die schädliche Wirkung solcher Ehen von jeher sehr, überschätzt worden. Darwin's Sohn, George Darwin, hat ebenfalls 1875 im Juniheft des Journal of ihe Statistical Sociely darüber gehandelt, und gelangt dahin, daß wir vom praktischen Standpunkte aus gar nicht im Stande sind, ein Urtheil für oder wider die Ehe in naher Verwandtschaft zu fällen. Mosenthal und Dingelstedt. Der Director des Burgtheaters, Baron Dingelstedt, widmet in der „Gegenwart" dem verstorbenen Dichter Mosenthal ein Stammbuchblatt: „Wir gehörten zu Einem Stamme", sagt der Verfasser. „Nicht, als ob ich Jude wäre, wie er einer gewesen; leider nicht, denn als solcher hätt' ich's unstreitig weiter gebracht. Aber ich bin ein Kurheffe und ein Schriftsteller gleich ihm; so sind wir in doppeltem Sinne von Einer Familie." Dingelstedt erzählt sodann, wie er im Jahre 1836 durch Hassenpflug von Hannover noch Kassel berufen ward, um dort am Lyceum Fridericianum als Lehrer der neueren Sprachen und Literatur zu wirken. In Kassel war Mosenthal Dingclstedt's Schüler; der sechzehnjährige Lyceums-Zögling saß in der Tertia und vertraute dem um sechs Jahre älteren Lehrer die ersten lyrischen Ergüsse an. Im Jahre 1867, als Dingelstedt die Opern-Direction in Wien übernahm, besuchte ihn Mosenthal, der seither in literarischer Verbindung mit ihm geblieben. „Darauf gingen wir", erzählt der Verfasser weiter, „alte Erinnerungen frisch zu begießen , Arm in Arm zu meinem Nachbar Sacher speisen; ich führte noch Junggesellenwirthschaft, da meine Familie in Weimar überwinterte. Wir speisten sehr gut, sehr lang, sehr lustig. Zwischen den verschiedenen Gängen brachte mir mein Schüler und Landsmann vorsichtig bei: 1. Daß er ein neues Stück im Burgtheater habe, den „Schulzen von Altenbüren", welches ich dem General-Intendanten Baron Münch dringend empfehlen müsse; 2. daß ich seine Oper mit Nicolai, „Die lustigen Weiber von Windsor", demnächst wieder und zwar neu scenirt, wie sie es bedürfe, auf das Repertoire bringen möge; 3. daß er mir ein Tanzpoem zu einem Ballet „Fata morgana“ schreiben wolle, wenn ich es seinem Freunde Goldmark zur Composinon und dem zu einem Gastspiel in Sicht stehenden Taglioni zur Setzung übertragen wolle. Ich lachte über seine Fruchtbarkeit an Plänen und an — Wünschen, und da er mir beim Aufbruch behülflich fein wollte, in meinen Ueberzieher zu schlüpfen, statt desselben aber den seinigen erwischte, sagte ich, unvorsichtig genug für einen alten Lehrer: „Lieber Freund, Sie haben mir heute ein Schauspiel, eine Oper, ein Ballet aufgehängt; aber Ihren Rock lass' ich mir nicht auch noch aufhängen." Ich habe erfahren müssen, daß er mir den Einfall, der nicht einmal ein guter gewesen, lange nicht verzeihen konnte." (Wenn Dingelstedt hiermit andeuten wollte, daß Juden auch auf dem literarischen Gebiete besonders geeignet wären, ihre Kräfte zu verwenden und zu verwerthen — so kennt er eben die Juden nur theilweise. Es gab und giebt keine unpraktischeren und ungewandteren Gelehrten und Literaten als unter den Juden zu finden. Wir könnten aus unsrer Bekanntschaft schon sehr Viele namhaft machen. Es ist eben bei ihnen wie bei allen Menschen: Einige verstehen es, Einige nicht. Bei den Juden wird nur Alles doppelt bemerkt, was irgend aus der gewöhnlichen Linie heraustritt. Redaction.) Nachtrag zum zweiten Leitartikel über Rumänien. Beachtenswerth ist, daß das Regierungsorgan „Romanul" selbst, das bis jetzt alle Mißhandlungen der Juden mit frechster Stirn in Abrede gestellt hat, diesmal die Greuelthaten von Darobani zugiebt und sie auf einen Griechen Cimara, Gutsbesitzer und seine Diener zurückführt. In fast lächerlicher Weise will er in dem Vorgang „eine Jntrigue von fremder Hand, um Rumänien in seiner heutigen Lage Schwierigkeiten zu machen" erblicken. Am auffälligsten ist aber sein Schluß: „Wir fordern selbst die Juden in Rumänien auf, sich sehr ruhig zu verhalten und nicht zu hoffen, daß sie durch Agitationen ihre Sache fördern werden. Sie können sich im Gegentheil, wenn sie fortfahren zu azitiren, wie es Einige unvernünftiger Weise thun, dem größten Unglücke in der Krisis, durch welche das Land heute geht, aussetzen". Soweit das Regierungsorgan. Die Juden sollen sich also morden, verwunden, plündern und verjagen lassen, ohne einen Laut der Klage auszustoßen — denn jede solcher Klagen wird als Agitation gegen das Land, das sie in brutalster Weise verfolgt, angesehen werden! Hierzu nun noch die Drohung, einem noch schrecklicheren Geschicke ausgesetzt zu sein, wenn sie irgend eine Klage hören lassen! Als wenn es in unsren Tagen möglich wäre, irgend einen Vorgang zu verschweigen und rer Oeffentlichkeit zu entziehen, der am hellen lichten Tage geschieht! Dazu brauchen die Juden noch nicht einmal etwas zu thun. Wir können daher nur mit der tiefsten Besorgniß auf die ferneren Schicksale unsrer Glaubensgenossen in Rumänien blicken. Nicht 'umsonst haben wir die Entfesselung der Kriegsfurie unter diesen halbbarbarischen Völkerschaften gefürchtet, bei denen Mord- und Raubgier doch immer unter der Oberfläche schlummert.

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