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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-29 · Heft 22 (29.5.1877) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 22 (29.5.1877)
Date
1877-05-29
Page
Seite 354 (sequence 14)
Language
German
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354 daher von ihren Metzer Gouverneuren stets den Bericht, daß die Juden ihnen nicht allein nützlich, sondern fast unentbehrlich seien. Einer dieser Berichte charakterisirt die Metzer jüdischen und christlichen Kaufleute in folgender Weise. Wenn es sich darum handelt, in Kriegszeilen Lieferungen irgend welcher Art zu übernehmen , die in Feindesland oder in vom Krieg berührten Gegenden bewirkt werden müssen und daher mit Lebensgefahr für die Lieferanten verbunden sind, so hält es meist trotz der vortheilhastesten Anerbietungen schwer, christliche Kaufleute zur Ausführung dieser Lieferungen zu bewegen. Dieselben schwanken zwischen der Liebe zum Verdienst und der Liebe zum Leben, die letztere Lberwiegt fast stets die erstere, und sie entschließen sich daher nur selten und nach langem Zögern, derartige gefahrvolle Lieferungen zu übernehmen. Mit der jüdischen Handelswelt ist es gerade umgekehrt. Der Jude, obwohl von Natur keineswegs mit großer Unerschrockenheit und Furchtlosigkeit ausgestattet, wirst alle Bedenken für fein Leben bei Seite, sowie er bei einem Geschäft die Aussicht auf einen reichlichen Gewinnst sieht. Ohne die Judenschaft würde es den Metzer Gouverneuren und den Truppencommaudeuren der bei Metz lagernden Corps häufig ganz unmöglich geworden sein, die nothwendigen Lieferungen und Pferdeankäufe zu efsectuiren. Die christl. Kaufleute seien in kriegerischen Zeiten fast nie, die jüdischen dagegen jeder Zeit steudig bereit gewesen, sich den gefahrvollsten Aufträgen, wofern ein guter Profit zu erwarten war, zu unterziehen. Verschiedene jüdische Kaufleute hatten bei diesen zu Kriegszeiten in den deutschen Landen gemachten Ankäufen ihr Leben eingebüßt, trotzdem fänden sich immer wieder andere, welche bereitwilligst die riskanten Lieferungen übernehmen. Die Juden von Metz wurden daher stets von den Gouverneuren als loyale, äußerst nützliche Bürger empfohlen und entgingen hierdurch allen ihnen vom Parlament und von den Metzer Einwohnern zugedachten Gewaltthätigkeiten. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Uerdingen (Rheinprovinz), 19. Decbr. Gestern Nachmittag wurde in der Nähe des Crefelber Thores, an einem Baume liegend, ein Mann aufgefunden, der anscheinend dem Tode nahe war. Eine benachbarte israelitische Familie bemerkte denselben, nahm ihn in's Haus und pflegte sein. Das ihm dargereichte Brod verschlang er mit Heißhunger. Nachdem er durch die Stärkung etwas zu sich gekommen, erzählte der Mann, er sei Bildhauer und aus Württemberg, habe in Trier zuletzt gearbeitet und das Nöthige für seine Familie erworben. Leider sei seine Frau vor einem Jahre gestorben und seine vier Kinder befänden sich seit dieser Zeit bei seinem Bruder in Minden. Die Sehnsucht nach seinen Kindern habe ihn zur Reise getrieben, und diese habe er aus Sparsamkeitsrücksichten zu Fuß machen wollen. Seit zwei Tagen habe er keinen Bissen über seine Lippen gebracht, weil ihm die Reiscmittel zu stüh ausgegangen, und zu betteln hätte er nicht vermocht. So habe er sich denn hier vor Mattigkeit an einen Baum gelehnt und sei zusammengesunken. Die Papiere des Unglücklichen bestätigten vollauf seine Mittheilungen. Obgleich seine Kleidung recht anständig schien, wurden ihm doch verschiedene Kleidungsstücke, sowie einiges Taschengeld überreicht. Auch hinzugekommene Neugierige thaten ihre milde Hand auf. Zugleich beauftragte die Familie ihr Söhnchen, den Mann, aus dessen Papieren sie ersehen, daß er kein Confessionsgenosse war, zur Bahn zu begleiten und ihm ein Billet bis Minden zu kaufen. Bei solcher Theilnahme perlten dem Aermsten Dankesthränen die Wangen hinab. (C. Z.) Duelle. In der neuesten Zeit haben wiederholt in Duellgeschichten auch Juden figurirt. Eine der neuesten Vorkommnisse ist Folgendes, das wenigstens einen ernsten Hintergrund hat. Der aus der Zeit des Carlistenkrieges als wüthender Legitimist bekannte Marquis v. Nadaillac, welcher in seiner Eigenschaft als Präfect der Nieder - Pyrenäen den Banden des Don Carlos in jeder Art Vorschub leistete, hat sich mit einem Pariser Börsenmakler Namens I. Cremieux (der Israelit, aber kein Verwandter des berühmten Advocaten dieses Namens ist) duellirt, und zwar aus folgender Ursache: Beide befanden sich am Dienstag im Thöatre Franyais, wo das neue republikanischpatriotische Schauspiel „Jean Datier“ gegeben wurde. Nun muß man wissen, daß die Dienstags-Abonnenten der Comevie Fran- 9aise vorwiegend der hohen Aristokratie angehören und es in den adeligen Faubourgs zum guten Ton gehört, nur an diesem und keinem andern Tage das classische Schauspielhaus zu besuchen. Herr v. Nadaillac äußerte also gegen einen Nachbar seinen Unwillen darüber, daß man am Dienstag ein Stück gäbe, welches in dem französischen Adel so schmerzliche Erinnerungen wachrufe, und in dem z. B. ein Karren mit Berurtheilten der Schreckenszeit über die Bühne zieht. Herr Crsmieux, der das hörte, machte sich wieder gegen seinen Nachbar über den affectirten Ct-ilevant lustig; es kam zu einem Wortwechsel, der sich bald in den Corridor verlegte. Herr v. Nadaillac erhielt von feinem Widerpart eine Ohrfeige und erwiderte dieselbe mit einem Fußtritt, und zuletzt wurde ein Zweikampf verabredet. Herr Crsmieux empfing in demselben von seinem Gegner einen Degenstich in den rechten Vorderarm.

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