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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-09-08 · Heft 108 (8.9.1838) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 108 (8.9.1838)
Date
1838-09-08
Page
Seite 436 (sequence 2)
Language
German
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436 Theologie. Religiöse Vorurtheile und Zudenthum. Nichts in der Geschichte der Menschheit ist interessanter, als die Betrachtung der Reaktionen. Daß in aller Zeit das Zurückgedrängte, Niedergetretene gerade in seiner Vernichtung neue Kraft gewinnt, unwiderstehlich sich wieder erhebt, und vorwärts dringt, und seine Gegner in die Enge treibt; daß dies in allen menschlichen Beziehungen, in allen Gebieten des menschlichen Strcbens Und Lebens so und nicht anders vor sich geht: muß selbst vom allgemeinen Standpunkt der Betrachtung aus die höchste Theilnahme erwecken, und tiefe Belehrung, ja das Bewußtsein der Gesammtheit geben. Das Volk hat dafür eine köstliche Redeweise, es sagt nach dergleichen Geschehnissen: „Jetzt sollte der und der aufstehen und zusehen!" was es bald auf ironisch-ergötzliche, bald auf wehmüthige Stimmung bezieht. Wie wenn R. Jonathan Eibschützer plötzlich im Hamburger Tempel stände, oder Ludwig XIV. plötzlich in den Convent getreten wäre, oder der Führer eines ehemaligen Fahrpostwagens auf die Eisenbahn und den Dampfwagen versetzt, oder der selige Eisenmenger in das Pariser Sanhedrin und vor den Deputirten Fould gelassen würde. Die Phantasie hat da weiten Spielraum. — Auch unsere Weisen haben einen tief aus dem Borne der Erfahrung geschöpften Spruch darüber: „Verachte keinen Menschen und halte kein Ding für unmöglich, denn es ist keinMensch, vernicht seine Stunde, kein Ding, das nicht seine Statte hatte." In dem großen Reiche der Menschheit ist Nichts gleichgültig und Nichts werth- und zwecklos und einmal kommt immer die Zeit, wo die Wesenheit einer Erscheinung sich hervorthut und seine allgemeine Wichtigkeit erhält. Das Judenthum hat Jahrhunderte lang alle Schmach der Verunglimpfung erlitten. Die Zeit der Reaction ist gekommen. Gerade die Jsolirung und der Separatismus waren für das Judenthum stets der Gegenstand des Vorwurfs, der Grund der Verachtung und die Ursache der Verfolgung. Und bei Lichte betrachtet, ergiebt es sich, daß das Judenthum gerade die Elemente der Allgemeinheit am meisten in sich tragt. Zunächst daß das Judenthum von seiner ersten Gestaltung bis jetzt nie das Bestehen anderer Religionen ausgeschlossen, und von sich gewiesen, sondern vielmehr vorausgesetzt hat. Nicht als ob das Judenthum seinen Inhalt nicht für den allein wahren angesehen und ansehe, aber indem cs diesen seinen Inhalt in der allgemeinen Geltung auch in andern Formen anerkannt, vindicirt es andern Glaubensgenossen denselben Werth, ohne seine Wahrhaftigkeit nur im Geringsten aufzugeben. Das Judenthum weiß nichts von einer seteroa damnatio (ewigen Verdammnis) in Bezug auf andere Glaubensparteien, sondern macht außerhalb seines eigenen Kreises die ewige Seligkeit oder den Antheil am ewigen Leben, allein abhängig von der Eckenntniß eines einzigen Gottes und der Beobachtung der sogenannten Noachidischen Gesetze. Es ist also weit entfernt von jeder confessionellen Engherzigkeit, die gerade die umfassendsten Eonfessionen am meisten gefangen halt. Natürlich daß es für seine Bekenner den 'Kreis enger zieht, und indem es sich als eigenthümlichen Wahrer der höchsten Lehre erachtet, diese Hut und Wahrung durch Zaune, Graben urtd allerlei Schranken sicher stellen will. Das Judcnthum ist also rücksichtsloser gegen seine Bekenner als gegen Andere, die Spitze und Scharfe seines Schwertes ist gegen seine Anhänger, und nur die flache Seite und der Rücken gegen die Nichtisraeliten gerichtet. Ein anderes Problem für die Religionssysteme, welches das Judenthum glücklich gelöst, ist die Frage vom Ursprung des Bösen. Indem man das Böse, dessen Existenz nicht zu läugnen, nicht auf Gott selbst zucückführen konnte, war man einerseits darauf gekommen, für das Böse ein zweites göttliches Princip zu denken, und so eine dualistische Gottheit zu produciren, andererseits das Böse als Produkt des Menschen, der, ohne damit vom Schöpfer selbst ausgerüstet zu sein, es (unter dämonischer, teuflischer Influenz) einmal für allemal an sich gebracht hat (Erbsünde). Aber hierbei ist nicht zu verkenne», daß dann erstens eine Praedisposition im Menschen doch angenommen werden müßte, die die Quelle des Bösen immer wieder auf Gott zurückführt, indem dieses doch in der Idee Gottes vorhanden gewesen sein müßte, bevor dem Menschen dazu die Disposition gegeben werden könnte; zweitens eine psychisch-physische Uebertragung und Jnsicirung durch die Geburt nothwendig wäre, welche Gott zu einem unfreiwilligen Schöpfer eines vor seinem Werden schon verderbten Geschöpfes machte, so daß seine Weisheit auf schwache Füße zu stehen käme; drittens einen Zustand der Gebundenheit an das Böse für den Menschen proclamirte, die ihn fast ganz der Verantwortlichkeit entzöge, und die Tugenden des Menschen lobenswerther als seine Laster tadclnswerth machte. — Von allem diesem weiß das Judenthum Nichts. Allerdings erklärt auch das Judenthum, daß Gott die Quelle des Bösen nicht sein könne. Es erklärt aber auch das menschliche Böse nicht für ein absolutes Böse. Denn Letzteres müßte auf Gott zurückgeführt werden. Sondern

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