Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1877)
- Date
- 1877-03-06
- Page
- Seite 158 (sequence 12)
- Language
- German
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158 Wiener Bühnen, sämmtliche Künstler und Künstlerinnen des Hofburgtheaters rc. Mosenchal lag, wie er es in seinem letzten Willen gewünscht, ihatsächlich in Blumen gebettet. Um 3 Uhr wurde der Sarg gehoben und unter Absingung von Trauer- Psalmen von Dienern der Bruderschaft „Chewra Kadischa" auf den Leichenwagen gebracht und hier mit zahllosen Kränzen bedeckt. Bald darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Dem vierspännigen, mit Blumengewinden, Kränzen und Palmenzweigen überladenen Trauerwagen, den zu beiden Seiten Mitglieder des Beteranen-Bereins „Tegetthoff" und Fackelträger umgaben, folgten in einer endlosen Wagenreihe die Leidtragenden. Um 4 Uhr kam der Zug, welcher sich durch die Operngasie über den Ring und durch die Währingerstraße bewegt hatte, bei dem Friedhofe an, vor welchem sich schon lange vorher Hunderte von Menschen angesammelt hatten, die alle Einlaß begehrten, aber ihn nicht erhalten konnten, da der beschränkte Raum dies nicht gestattete. In der Trauerhalle, in welcher als Vertreter des Grafen Andraffy der Miaisterialrath Teschenberg und ein Secretär als Delegirter des Erzherzogs Karl Ludwig, ferner Director Dingelstedt und mehrere Künstler den Zug erwarteten, wurde der Sarg uiedergelaffea. Ober-Cautor Sulzer sang einen Trauerpsalm und sodann hielt Prediger Jellinek die Leichenrede. Er skizzirte kurz den Lebenslauf des Dichters, schilderte sein glückliches Familienleben uud sagte dann unter Auderm: „Mosenthal war Dichter uud Jude. Deshalb hatte er als Dichter Verständniß für die poetischen Seiten des Judenthums, für dieses große weltgeschichtliche EpoS, deffen Held Israel ist." Zum Schluffe seiner Rede gedachte der Prediger des humanen Geistes, des regen Kunstsinnes, der in dem Verstorbenen gewaltet. Nun wurde der Sarg gehoben, zum nahe» Grabe gettagen und in dasselbe gesenkt. Das Chorpersonal des Hofburgtheaters sang nun ein tiefergreifendes Trauerlied von Storch, während die Brüder und die Verwandten Mosenchal's die ersten Schollen auf den Sarg warfen. Dann ttat Frau Wolter an das offene Grab und legte einen prachtvollen Kranz in dasselbe, dem zahlreiche andere Gewinde uud Kranze folgten, so daß sich bald ein blumiger Hügel über der Gruft erhob. Cantor Sulzer sang »och einen Psalm, dann ttat ein Zögling des israelitischen Taubstummen-JnstitutS, deffen Vorstandsmitglied Mosenthal war, vor und sprach in articulirten und ziemlich verständlichen Lauten das jüdische Todtengebet, welches einen tiefen Eindruck auf die Versammelten machte, von denen viele ihre Rührung nicht bemeisteru konnten. Nachdem noch der Singverein unter Herbeck's Leitung einen erhebenden Trauerchoral gesungen, hielt der Präsident der „Concordia", Johannes Nordmann, eine ergreifende Rede. Wir glaubm diese Skizze unvollendet zn lassen, wenn wir nicht ein Urcheil hinzufügen, welches soeben der berühmte Kunstkritiker Prof. E. HanSlik über Moseuthal ausgesprochen. Es ist uns stets von Wichtigkeit, wenn wir aus unparteiischer Feder einen verdienstvollen Inden auch von der persönlichen und geselligen Seite geschildert sehen. Wir haben bereits Beispiele genug, auch aus der letzten Zeit, aufzuführen gehabt, welche die Judenfeinde auf's Nachdrücklichste Lugen strafen. Wir erinnern z. B. au Kofch, Jakob Kaufmann, Moritz Hartmann u. A. Wir gesellen diesen mit Befriedigung auch Mosenthal hinzu. Hanslik sagt: „Als einer der liebenswürdigsten, wohlwollendsten Menschen hat Moseuthal Freundschaft und Zuneigung in so reicher Fülle genossen, daß wir ihn nunmehr auch zu den Glücklichsten zählen dürfen, die mit und neben uns gelebt. Die vielseitige Thätigkeit Mosenthal's streifte bekannttich auch die Musik. Wir verlieren in ihm den gewandtesten und fruchtbarsten deutschen Operndichter. und einen der tüchtigsten Directoren unserer „Gesellschaft der Musikfteunde". Uud ferner: „Aber nicht blos sein poetisches, auch fein administratives Talent kam vielfach der Musik zu statten; sein Auftreten war oft entscheidend in der Directiou der Gesellschaft der Musikfteunde, der er mit dem idealen Eifer des Liebhabers angehörte. Hier waren Mosenchal's Ansichten und Vorschläge durchaus nicht ideologische Schwärmereien eines Poeten, vielmehr praktisch und sachgemäß, stets erfüllt vom „boa sens“, den er auch in lebhaft hinfließender Rede wohl zu vertheidigen wußte. Es gab seit Jahren kaum eine für Wien wichtige musikalische Angelegenheit, welche ich nicht mit Mosenchal mit Nutzen und Vergnügen durchgesprochen hätte. Mit Niemandem verkehrte es sich leichter und angenehmer. Alle Pfiegestätten geselliger Bildung und edler Kunstliebe in Wien werden Mosenthal schmerzlich vermissen. Er wird uns Allen lange abgehen, überall abgehen, der immer liebenswürdig heitere, herzliche, erfrischende Mensch! Die Welt geht unbekümmert ihren Gang weiter, das wissen wir, und verkündet, daß Niemand unersetzlich sei. Schade nur, daß das Gegentheil wahr ist: kein Mensch, der uns wohlthat und den wir liebten, kann ersetzt werden. Es kommen nur immer vermischtes. Der jetzige türkische Großvezier Edhem Pascha ist Ingenieur und hat den Bau der Staatsbahn von Skutari nach Jsmidt geleitet. Eine Corresp. der „Köln. Zeit." (vom 22. Febr.) fügt hinzu: „Mit dem Baron Hirsch befand er sich hierbei auf beständigem Kriegsfuße, wenn dieser auf die Verwendung christlicher Arbeiter bedacht war, bevorzugte Edhem zumeist Muselmänner und nur mit Mühe gelaugten einige Christen in die höhere Verwaltung des Bauten-Ministeriums." Man sieht an diesem Beispiele, daß die Juden überall für die Gleichberechtigung eintreten, und in der Türkei für die gerechte^ Behandlung der Christen wirken, wo sie es vermögen. Möchten sich dies die christlichen Judenfeinde merken!