Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1877)
- Date
- 1877-02-27
- Page
- Seite 142 (sequence 12)
- Language
- German
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142 hohem Wuchs mit gewaltigen Augen und würdevoll wie ein König, trotz seines schlichten Hirtengewandes. „Wohl Dir"', sagte der Fremde mit tiefer langsamer Stimme. „Du suchest den wahren Gott." „Pentaur schaute dem bärtigen Manne prüfend in's Antlitz. Dann sagte er: „Ich erkenne Dich jetzt; Du bist Mesu. Ein Knabe war ich, als Du das Setihaus verließest, aber Deine Züge prägten sich in meine Seele. Wie Dich, so weihte Ameni auch mich in die Lehre vom Einen." „Er kennt ihn nicht", entgegnete der Andere sinnend und schaute nach dem lichter erglänzenden Horizont des Ostens. „Der Himmel färbte sich purpurn und die Spitze des mit einem Schleier von Eis umhüllten Granitberges begann zu funkeln und zu leuchten wie ein schwarzer Demantstein, der Sonnenstrahlen getrunken. „Das Tagesgestirn ward sichtbar und Pentaur kehrte ihn sein Antlitz zu und betete nach seiner Gewohnheit. „Als er sich wieder erhob, kniete auch Mesu am Boden, aber er kehrte der Sonne den Rücken. „Nachdem er seine Gebete vollendet, fragte ihn Pentaur: ,Marum wandtest Du Dich ab von des Sonnengottes Erscheinung? Es ward uns gelehrt, ihm entgegen zu schauen, wenn er naht." „Weil ich", gab sein ernster Gefährte zurück, „zu einem Anderen bete wie ihr. Die Sonne und alle Sterne find wie Spielbälle der Kinder in seiner Hand, die Erde ist seiner Füße Schemel, der Sturmwind sein Athem und das Meer ist vor seinen Augen wie der Tropfen an diesem Halme." „Lehre mich den großen kennen, zu dem Du betest!" rief Pentaur. „Suche ihn!" entgegnete der Andere, „und Du wirst ihn finden, denn aus Leid und Elend kommst Du, und an dieser Stätte, an einem Morgen wie diesen, ward er mir offenbar." „Der Fremde wandte sich ab und bald verbarg ihn ein Felsen dem sinnend in die Weite schauenden Dichter. „Gedankenvoll schritt Pentaur zu Thale und näherte sich der Hütte des Jägers." Der Leser wird anerkennen, daß dies Alles sehr würdig gehalten ist. Wir wollen jedoch eine besondere Bemerkung hinzufügen. Wer in diesem Buche die Schilderung des egyptischen Lebens, wie es durch die angeführten Beweise erhärtet ist, liest, und dann einen Blick in die fünf Bücher Moses wirft, dem muß der ungeheure Unterschied zwischen beiden so recht in's Bewußtsein kommen. Dort Alles der kraffeste, trübste Aberglaube, der das Volk, Herrscher und Beherrschte, in dunkelster Nacht erhält, auf jedem Schritte hemmt und fesselt, die abenteuerlichsten Fabeln dem Glauben des Volkes so imprägnirt, daß es den Göttern, das ist den Priestern, den größten Theil seiner Arbeitserträge hingiebt und alle feine Handlungen bestimmen und einschränken läßt — hier, in den fünf Büchern Moses, all dieser Aberglaube abgeschüttelt, Freiheit des Geistes in dem Glauben an den einzigen, unkörperlichen, allumfaffenden und allliebenden Gott, den Schöpfer der Welt, die sein Werk ist, Freiheit des Volkes und des Individuums, das durch keine Stande und Kasten gefesselt ist, einen gleichen Theil an Grund und Boden erhält, Gleichheit Aller, der Einheimischen wie der Fremden! Schon daß für das gesammte Volk ein Heiligthum, ein Altar aufgerichtet wird, wo für die ganze Nation täglich die Opfer auf einige wenige Thiere beschränkt ist, welch' ein Unterschied, welche Befreiung gegen das, mit Prachttempeln, Altären, Götterstatuen, heiligen Thieren und Alles beherrschenden und ausbeutenden Priestern bedeckten Egypten! Man hat wiederholt behauptet, daß Moses in seinen Institutionen Manches von Egypten entlehnt habe. Es mag in diesem oder jenem kleinen Zuge der Fall fein. Die Verbindung Moses' und des ausziehenden Jsrael's mit Egypten ist ja selbstverständlich. Aber in allen wesentlichen Momenten der Lehre und des Gesetzes ist das Werk Moses geradezu das Gegentheil von Egypten. Das recht klar und anschaulich gemacht zu haben, rechnen wir dem Verfasser des vorliegenden Romans als ein großes Verdienst an. Die ausgesprochene Absicht hat er kaum gehabt, und liegt auch nicht in der Natur seiner Dichtung. Aber daß ihn bei seiner Arbeit selbst diese Anschauung aufgegangen, erweist eben die Stelle, wo er Moses auftreten läßt, und die wir wörtlich mitgetheilt haben. Da diese Erscheinung Moses' ohne alle Nothwendigkeit und ohne alle Folge ist, auch vom Dichter nur äußerst knapp gezeichnet worden, so hat dieser in feingefühltester Weise dem Leser eben nur einen Fingerzeig geben, eine Perspective eröffnen wollen, die er weiter verfolgen möge! Einige Egyptomaneu haben in dieser esoterischen Religionslehre der Priester den Monotheismus finden wollen, sich stützend auf eine Stelle des Jamblichus, der, als ein so spater Autor, dafür wenig Bürgschaft bietet. Jeder gewissenhafte Forscher kann dem nicht beistimmen, und am nachhaltigsten hat dieses Mariette erwiesen, über dessen dies behandelnde Abhandlung wir Jahr. 1874, Nr. 31 berichtet haben. Im Tempel zu Denderah erscheint der Name des einzigen Gottes niemals; jeder Gottheit wird das Epitheton „einzig" gegeben, aber niemals einem Gotte ohne Namen, welcher das höchste Wesen wäre. Nach Mariette ist vielmehr der Pantheismus die Basis, auf welcher sich das ganze religiöse Gebäude des alten Egyptens aufrichtete. Die alten Egypter sahen einen Gott in allem dem, was sie umgab, in der menschlichen Seele, in den Eigenschaften der Materie, in der Sonne, in den Thieren selbst. Dies ist es, was auch Ebers in dem vorliegenden Roman ausspricht, und zeigt er dabei durch den Mund des Arztes Nopsechd, wie leicht der Uebergang von solchem groben Pantheismus zu dem noch gröbern Atheismus und Materialismus sei. In den obigen Worten Moses' deutet er an, wie gänzlich verschieden hingegen dieser egyptische Pantheismus vom wahren Monotheismus ist, der nicht die Welt und die Wesen Gott sein laßt, sondern als Werk und Schöpfung Gottes anerkennt.