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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-06 · Heft 6 (6.2.1877) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 6 (6.2.1877)
Date
1877-02-06
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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94 auch Braut und Bräutigam, die nothwendigen Functionäre und eine zahlreiche Schaar von festlich geschmückten Hochzeitsgästen erschienen. Der Rabbiner stand bereit und hatte dieTrauungs- Ceremonie schon begonnen, als sich plötzlich ein Weib gewaltsam einen Weg durch die Menge brach. „Halt ein, Rabbi!" schrie sie. „Er ist mein Mann, erst muß er sich von mir scheiden!" Sie stürzte zum Altar, riß der Braut den Schleier vom Haupte und wiederholte schreiend, die Trauung dürfe nicht vollzogen werden, der Bräutigam sei ihr Mann, der sie vor neun Jahren geheirathet habe, aus desien Ehe mit ihr sechs Kinder entsprosien waren, die nun alle lobt seien, und der sie vor vier Jahren treulos verlasien. Dem Tempeldiener, welcher die Frau aus dem Tempel weisen wollte, hielt das rasende Weib ein Mesier entgegen und drohte ihm dieses in den Leib zu rennen. Stumm und bleich stand der Bräutigam, in Thranen aufgelöst die Braut da. Der Rabbi unterbrach seine Function, und bestürzt verließen die Hochzeilsgäste den Tempel. Eine Erbschaft aus der Erfurter Judenverfolgung. Erfurt, 15. Jan. Bor Kurzem hatte hier ein hiesiger Arbeiter — Wilhelm Sturz ist der Name des ehrlichen, armen Finders — unter der Umfassungsmauer des alten Rathhauses eine Büchse mit Goldmünzen und Schmucksachen aufgefunden und prompt abgeliefert, deren reiner Goldwerth auf 5400 Mark festgestellt worden. Biel werthvoller aber noch scheint dieser Schatz nach seiner numismatischen, archäologischen Bedeutung. Die aufzefundenen Goldmünzen bestehen in florentinischen Gulven, venetianischen Zechinen aus verschiedenen Dogenzeilen des dreizehnten Jahrhunderts, ferner aus genuesischen Ducaten mir Bild und Umschrift Kaiser Konrad's (1339—1344), aus englischen Rosenobels von König Eduard (1327—1377) und endlich aus einer gewichtigen Goldmünze des Kaisers Numerianus (282—284) nach Christus. Die 405 Stück Schmucksachen bestanden aus dreieckigen Schildchen, Glöckchen rc., die wahrscheinlich kirchlicher Bedeutung sind. Angenommen wird, daß die Sachen im Besitze eines Erfurter Israeliten gewesen sind, welcher sie vor dem Ausbruche der Judenhetze (1349) vergraben hat. Wien, 11. Januar. (Der „Jüdische Kikeriki".) Ein Wochenblatt, berechnet für die auf der niedrigsten Culturstufe stehenden, des Deutschlesens unkundigen Juden, erscheint unter dem Titel: „Jüdischer Kikeriki". In Diesem Blatte werden Bilder, welche vor vielen Jahren andere Witzblätter brachten, mit jüdischem Texte reproducirt. Am 5. December v. I. brachte dieses Blatt zwei Bilder „Aus dem Klosterleben", besten eines Mönche und Nonnen cancaniren läßt, während das andere dieselben in Zerknirschung ausgelößt zeigt. Die Staatsanwaltschaft veranlaßte die Beschlagnahme dieses Blattes; dieselbe wurde vom Gerichte, weil der Inhalt deffelben den Thatbestand des Vergehens nach § 303, eventuell § 302 St.-G., begründet, aufrecht erhalten, sowie der hierüber erhobene Einspruch heute nach durchgesührter öffentlicher Verhandlung zurückgewiesen. Die „Eisl/bener Ztg." vom 11. d. schreibt: Heute verstarb hier die Wittwe Oppenheim (Israelitin) in dem gewiß sehr selten erreichten hohen Alter von circa 111 Jahren und war dieselbe nicht nur in unserer Stadt, sondern wohl in der ganzen Grafschaft Mansfeld die älteste Person. Sie wurde im Elsaß 1766 am 20. April geboren, aber Ort ihrer Geburt, sowie was für eine Geborene sie ist, ist unbekannt. Ihr Ehemann ist vor etwa 40 Jahren verstorben und Nachkommen sind nicht vorhanden. Was den Appetit, das Augenlicht und Gedächtniß anlangt, so war dieses noch sehr gut zu nennen. Durch einen erlittenen Beinbruch war sie seit 1V2 Jahr behindert auszugehen. Noch in letzter Zeit gab sie bei Erzählungen aus den Kriegsjahren die genauesten Angaben über Zeit, Personen, sowie Thaten. Die Art und Weise, wie namentlich in Berlin und Hamburg jeder Vorgang in jüdischen Kreisen, mag er mehr oder weniger Bedeutung haben, in die Tagespreffe gezogen und zu Hader und Verspottung von den Juden selbst mißbraucht wird, kann man nicht genugsam tadeln. Kommt doch nicht bloß den Judenfeinden, sondern dem größten Theile des nichljüdischen Publikums nichts willkommener, als solche Selbstzerfleischungen und Selbstverhöhnungen der Juden. Bei dem jüngsten Streit, welchen die Unduldsamkeit und Willkür des orthodoxen Oberhauptes in Hamburg hervorgerufen hat, kam dies abermals so recht zum Vorschein. Man braucht z. B. nur auf die Hamburger „Reform" vom 30. December zu sehen. In dem jüngsten Hefte der „Arch. isr." will die Redaction, um den jüdischen Geist in verfloffener Zeit zu charakterisiren, eine Reihe von Anekdoten, namentlich von polnischen Witzen, beginnen, um so für die Nachwelt diese Funken des altjüdischen Esprit nicht verlöschen zu lassen. Ob die bereits mitgecheilten Anekdoten diesem Zwecke genügend entsprechen, überlasten wir den Lesern der „Arch. isr.". Da die Redaction auffordert, ihr Material zu dieser Rubrik zu verschaffen, so machen wir sie auf die von 1854—1866 von uns herausgegebenen dreizehn Jahrgänge des „Jüdischen Volksblattes" aufmerksam, in denen wir eine große Maffe solcher Anekdoten und Volkswitze gesammelt haben, und zwar nicht blos solcher, welche von faulen Schuldnern, die ihre Gläubiger mit einem schlechten Witz bezahlen wollen, handeln.

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