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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-23 · Heft 4 (23.1.1877) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 4 (23.1.1877)
Date
1877-01-23
Page
Seite 53 (sequence 3)
Language
German
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53 duldet werden, bei einem Staate, der seine Existenz demselben Europa verdankt? Die Garantienmächte haben niemals aufgehört, sich hierüber zu beklagen. Ihre Reclamationen sind allzuoft ohne Erfolg geblieben. Zum ersten Male seit dem Vertrage von 1858 wieder versammelt, haben sie eine feierliche Gelegenheit, ihren Willen kundzuthun, Serbien und Rumänien zurückzubringen zur Achtung des Vertrages, unter dessen Garantie die Bewohner dieser Länder gestellt sind, und den Israeliten die Rechte wieder zu verschaffen, deren sie beraubt worden sind. Europa kann nicht schweigen; in dem Momente, wo es mit Einstimmigkeit die sociale und politische Gleichheit für die Christen im Orient fordert, kann es in Rumänien eine Bevölkerung von 250,000 Seelen einer unerhörten Verfolgung ausgesetzt lassen? Durch Beschützung der Juden in Rumänien, wie der Nichtmuselmanner in der Türkei, würde es proclamiren, daß es überall die religiöse Freiheit vertheidigt, welche über alle Bekenntnisse, über alle Religionen ihre Fittige breitet. Die israelitischen Delegirten, Vertreter der verschiedenen oben genannten Länder, haben somit die Ehre, folgende Doppelbitte der Conferenz ehrfurchtsvoll zu unterbreiten: 1) Eine vollständige bürgerliche, politische und religiöse Gleichheit allen Nichtmuselmännern in den Provinzen der Türkei zu gewähren, deren Lage den Berathungen der Conferenz unterzogen ist, und ebenso in dem Fürstenthum Serbien; 2) Die Pariser Convention von 1858, soweit sie die Juden von Rumänien betrifft, zu revidiren, und zu vervollständigen, um den Israeliten den vollständigen Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte zu sichern. Genehmigen Sie, meine Herren, den Ausdruck unserer tiefen Ergebenheit. Die neuesten Verfolgungen in Vuwauien. Wir brauchen unsrem liefen Schmerz und unsrer Entrüstung über die abermaligen barbarischen Vorgänge in Rumänien keine Worte zu leihen. Diese Gefühle werden in der Brust nicht allein jedes Glaubensgenoffen, sondern auch jedes wahren Menschenfreundes zu lebhaft sein, um noch einer Anregung bedürfen zu sollen. Doch dies müssen wir abermals nachdrücklich bervorheben, was sich auch diesmal wiederholt, daß man sich von officiöfen Seiten — wir gebrauchen mit Absicht die Mehrzahl — bemüht, die Berichte für übertrieben zu erklären, und irgend einen einzelnen Vorfall anführt, als ob sich darauf das ganze Geschehniß beschränke. Wir erkennen gern an, daß der ungarische Ministerpräsident Tißza sofort energische Weisungen an den österreichisch-ungarischen Agenten gerichtet — wie weit dies auch von dem Reichsminister des Auswärtigen Andrassy geschehen, wissen wir nicht — aber die Eile, mit welcher die officiösen Blätter auf ganz einseitige Information versicherten, die Sache wäre gar nicht so schlimm, die Klagen seien übertrieben, und zum Theil aus der Luft gegriffen, macht das ganze Manöver verdächtig. Selbst der „Pester Lloyd", welcher der Landesregierung nicht fernsteht, spricht sich tadelnd hierüber aus. Wir selbst verkennen nicht die Möglichkeit, daß der Nothruf nicht bloS der Betroffenen, sondern auch der Bedrohten und Gefährdeten über das Maß des wirklich Geschehenen hinausgehen könne. Wir sprechen diesen aber eine gewisse Berechtigung zu, denn was heute über zehn oder fünfzig ergangen ist, kann morgen über hundert und lausend losbrechen, und die Ohren — nicht der rumänischen Regierung, denn diese sind taub, sondern — die Ohren der europäischen Großmächte sind für die Klagen der mißhandelten Juden so harthörig, daß es eines gewaltigen Rufes bedarf, um sie in etwas zu erschüttern. Ist es jedoch nur zu klar, daß in einem Staate, wo Gewaltthätigkeiten gegen eine kleinere Anzahl Individuen geschehen und von der Sraatsregierung stillschweigend genehmigt werden, sich die Pest der Verfolgung immer weiter ausbreiten wird. Mit Verwunderung frägt man sich: hat die rumänische Regierung in diesem Augenblicke nicht Verwickelungen und Schwierigkeiten genug vor sich, um sich noch durch neue Judenverfolgungen vor den Augen der Welt zu compromittiren und die in Rumänien stattfindende Mißregierung in's hellste Licht zu stellen? Dies ist aber der Fluch der bösen That. Die rumänische Staatsregierung hat ihre Unterbeamten zu sehr daran gewöhnt, gegen die Juden sich jede Art von Grausamkeit zu erlauben, als daß sie verhindern könnte, daß derartige Frevel nicht auch zu einer Zeit geschähen, wo sie ihr selbst ungelegen kommt. Sie hat ausdrücklich ihre Präfecten und Unterpräfecten angewiesen, das Vagabundengesetz streng zu beobachten und ihnen anheimgegeben, auch die seit Jahrzehnten ansässigen und in einem ehrlichen Berufe thätigen Juden für Vagabunden zu erklären — warum soll diese Machination nicht auch gerade jetzt practicirt werden? Wir geben im Folgenden die jüngsten Berichte aus dem „Pester Lloyd", so daß uns nicht der Vorwurf treffen könnte, aus einseitigen Berichten zu schöpfen. Budapest, 4. Januar. In Angelegenheit der Judenverfolgungen in Rumänien erhalten wir heute von competenter Stelle die Mittheilung, daß „im Districte Baslui mehreren Juden die Ausübung der Schankgerechtigkeit verboten wurde. Außerdem war in Bukarest von der beabsichtigten Ausweisung eines gewissen Janel Finkelstein die Rede. Das österreichisch-ungarische Consulat hat bezüglich beider vertragwidrigen Verfügungen bei der rumänischen Regierung die nöthigen Schritte eingeleitet." (Die vorstehenden Daten über die neueste Judenverfolgung sind, wie das in der Natur der Sache liegt, aus den officiellen Berichten der rumänischen Behörden geschöpft, in deren Interesse es selbstverständlich gelegen ist, die Bedeutung der Sache auf ein möglichst geringes Maß herabzudrücken. Wenn sie dennoch auch nur

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