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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-09-04 · Heft 106 (4.9.1838) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 106 (4.9.1838)
Date
1838-09-04
Page
Seite 430 (sequence 4)
Language
German
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430 und achttausend Thaler belaufen — die aber fast nie der derartigen jüdischen gedenken. Mit besonderem Dank muß daher der Name des, im vorigen Jahre in Breslau verstorbenen christlichen Kaufmanns Herrn Seyler genannt werden, der, bei vielen anderen Vermächtnissen, die dafige jüdische Armen - und Kranken-Anstalt ebenfalls mit Zweihundert Thalern bedacht hat, billiger Weise aber darf dies befremden, da doch oft von Juden Vermächtnisse für christliche Anstalten Vorkommen. Wollen wir aber dem Grunde der uns ungünstigen Stimmung des Volkes nachsuchen, so crgiebt sich,hier,' außer dem allgemeinen: daß, wo ein Stand, ein Volk, eine Confession, aus politischen oder religiösen Motiven, gegen Andere bevorrechtet wird, sich auch die Begünstigten bester wie die Unterdrückten dünken un'd auf diese nur mit Stelz und Verachtung herniedcrblicken; — noch der specielle: der Anfeindung durch die öffentlichen Blätter, die das Urtheil des Volkes befangen und lenken. Wie gern man ohne dies jeden Fehler,'den der Einzelne begebt, uns Allen zur Last legt, wird wol Jedem bekannt sein; und erinnere ich nur daran, wie in einer Gesellschaft, wo Christen und Juden zusammen, wo man eben noch ohne alle Scheu den Betrug eines Christen erzählt hat, ohne seiner Religion gar zu erwähnen, — eben weil er von Einzelnen begangen worden und nur dieser dafür verantwortlich ist — plötzlich sich Alles umgestaltet, wenn eine, von einem Juden verübte Schlcchtheit vorgebracht wird. Die Bessern zischeln sich davon in's Ohr und richten ihre Blicke verstohlen aus die anwesenden Juden; die Gehässigeren sprechen es laut, mit einigen höhnischen Seiten hieben und Anklängen, daß der Verbrecher ein Jude, aus; ganz vergeffen können es aber Beide nicht, und zeigen aber dadurch, wie geneigt sie sind, hinsichtlich des Schlechten uns Alle in eine Klaffe zu werfen. Deshalb und nur deshalb, erlaube ich mir es darauf aufmerksam zu machen, wie zuweilen die Breslauer Zeitung — die sogenannte Schall'sche — sich mancher Gehässigkeit schuldig macht. So hat sie vor einiger Zeit die Neuigkeit gebracht, daß der Selbstmord bei den Juden jetzt verhältnismäßig öfter wie bei den Christen vorkomme. Ueberzeugt bin Ich, wäre der Fall umgekehrt, so hätte es Gelegenheit zu einem Witz gegeben. Obgleich mehr Much dazu gehört, ein beschwerliches niederdrükkendes Leben zu ertragen, als wie es gewaltsam abzuwerfen, so ist doch der Selbstmord bei den Juden eine fast ganz fremde Erscheinung und nur als Product ihrer gegenwärtigen — von außen Verrührenden — Halbheit und Verworrenheit zu betrachten. Sollte die Redaction sich damit entschuldigen, daß sie nur eine unschuldige siatisiische Notiz habe geben wollen, so fragen wir: warum aridere ähnliche Notizen, die aber zu unfern Gunsten sprechen, nie mitgetheilt werden'! — Warum werden zum Beispiel, bei dem erstaunlichen Mißverhältniß der unehelichen Kinder zu den ehelichen in Breslau, nie erwähnt, wie es sich da bei den Juden verhält? — Ueberhaupt wären statistische Nachrichten über Sträflinge und Zuchthausgefangenc, wie auch über Einkünfte einzelner Provinzen, mit Berücksichtigung des Verhältnisses der Juden hierbei, recht wünschenswert!) und, wie ich auch das gänzliche Stillschweigen hierüber, berechtigt zu sein glaube, für uns nicht ungünstig. Eden so brachte dieselbe Zeitung, vor etwas längerer Zeit die schreckliche Neuigkeit, daß in einem Walde — ich glaube im Posenschen — ein Christenknabe schwer verletzt gefunden worden, den, nach seiner Aussage, ein Jude so verwundet und das Blut abgezapft habe; und versprach den Verfolg der deshalb vorzunehmenden Untersuchung seiner Zeit mitzutheilen. ES mögen aber seitdem wol zwei Jahr vergangen sein, ohne daß davon noch weiter das Mindeste erwähnt worden wäre. Sollte das Resultat nicht nach ihrem Wunsch ausgefallen sein? — Wer da weiß, wie viel tausend Menschenleben diese gehaltlose Anschuldigung schon gekostet hat, und wie es nur eines kleinen Fünkchens bedarf, um die Pulvertonne „Judenhaß" zu entzünden, der sollte doch vorsichtiger bei dergleichen Mittheilungen sein, und zuvor Genaueres abwarten, oder wenigstens, hat er sich schon übereilt, seinen Fehler dann zu verbenern suchen. Wieder hatte dieselbe Zeitung vor einigen Monaten, einen sehr triftigen Grund, warum in dem betriebsamen Sachsen sowenig Juden zu treffen sind. Rührt auch der Aufsatz: Rersefrüchte von K (wir glauben den Verfasser der theils unreifen, theils faulen Früchte zu kennen; es ist, wenn wir nicht irren, der in derselben Zeitung sich breit und zuweilen lächerlich machende Wetterprophet, der daher den Mantel nach dem Winde hängt) von einem Mitarbeiter her; so können wir doch die Schuld der Veröffentlichung nur der Redaction zur Last legen. Der Einzelne mag reden und urtheilen wie er will, der ist uns nicht verantwortlich, den finden wir nie auch nur der Beachtung werth; wir sind noch sogar geneigt sein beschränktes Unheil mit seiner Unwissenheit zu entschuldigen; waö soll man aber von einer Redaktion denken — die doch wissen mußte, daß um dieselbe Zeit in den sächsischen Kammern noch darüber verhandelt wurde, ob man einem, durch Freiberg reisenden Juden die Begleitung des Polizeidiener erlaffen dürfe — wenn sie ihr Blatt zur Mittheilung solcher albernen Gehässigkeiten hergiebt?— (Schluß folgt.) Literarische Notizen. Unsere Leser haben schon durch den Anzeiger in No. 102 daS Erscheinen eines „jüdisch-mosaischen Religionsunterrichtes für die israelitische Jugend von Solomon Pleßner," im Verlage der Fernbach'schen Buchhandlung zu Berlin, erfahren. Jndeß wollen wir hier noch besonders aufmerksam machen, da cs sich nicht um eines der gewöhnlichen Religionslehrbücher handelt, sondern allerdings ein eigenthümliches Produkt zu erwarten steht. Herr Pleßner repräsentirt bekanntlich die Ansicht, besonders zu Berlin, nach welcher mit Berschmahung der neuern Form, doch manches Element der Neuzeit in daS Judenthum hineingetragen wird, nämlich um daS Bedurfniß der Jetztheit zu befriedigen. Dies wird sich nun in dem obgcdackten „Religionsunterrichte" unumwunden aussprechen müssen, sonst hätte der der Ankündigung untergesetzteSatz: „BekennerdeSm vsaischen Gesetzes brauchen noch keine Juden, eine mosaische Religion noch keine jüdische zu sein" — keinen Sinn. Damit ist aber schon jedenfalls der rabbiNischen Ansicht, welche das ganze mündliche Gesetz auch auf Moses und Sinai zurückführt, entgegengetreten. Herr pleßner hatte, statt der in einer Anzeige nickt nothwendigen Polemik gegen die, welche, einen „neben der Bibel herlaufenden geordneten Religionsunterricht" nicht für nothwendig halten, den Inhalt und die Form seines Werkes näher beschreiben sollen. Jedenfalls sehen wir diesem „Religionsunterrichte" mit Spannung entgegen, und versprechen ihm im Voraus eine genaue . Würdigung. Herr vr. Pinn er schreitet nunmehr zur Herausgabe seines Reisetagebuches. Er har einen desfallfigen Prospekms erlassen. Dasselbe wird in 6 Bänden erscheinen, wovon der erste auf Oktober versprochen wird. Wir hoffen und wünschen, daß der Herr vr. Pinn er überall mit unparlheiischen und wahrheitsliebenden Augen gesehen, und daß er namentlich sein Urthal nicht allein von der Ausnahme, die ihm geworden, bestimmen läßt, da dem Individuum allerdings immer nur Individuelles begegnet. .DcS Interessanten, ja Wiffenswichtigen wird allerdings sein Tagebuch sehr viel enthalten, und ist es ja außerdem das erste Werk dieser Art. Rcdacteur vr. L. Philippson. — Verlag von BaunrgärtnerS Buchhandlung, —"Pruck von I. B Hirschfeld.

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