Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 106 (4.9.1838)
- Date
- 1838-09-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224963--01261-3304924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
»Mrg.°g. Allgemeine No. m Zeitung des Zudcnthumü. Ein unparlheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit KSmgl. Sächsischer allergnädigster Conceffion.) Leipzig, den 4. September 1834. Zeitungsnachrichten. Mainz, 13. Aug. (Privatmitth.). Ein israelitisch-religiöses Fest (besser ein israelitisches Volksfest) wurde dieser Tage in Bretzenheim bei Mainz gefeiert, welches in einiger Beziehung eine Erwähnung verdient. Es wurde eine neu geschriebene Tora eingeweiht, bekanntlich bei den Bewohnern des platten Landes eine Veranlassung zu festlicher Ausgelassenheit. Letztere zog die zahlreichen Festgäste aus Mainz — zu ihrer Ehre sei's gesagt — nicht an, sondern man ging hin, um die Reden des jungen jüdischen Theologen Di-. Kahn zu hören, der bei dieser Gelegenheit zum ersten Male als Kanzelredner sich produciren sollte. Eine deutsche Predigt in einem jüdischen Gotteshause ist bei uns leider! noch eine Seltenheit. Wenn Ihnen das ein Räthfel ist, so trösten Sie sich damit, daß es mir nicht weniger unbegreiflich ist. Die Seetenzahl unsrer israelitischen Gemeinde beläuft sich auf 2000, darunter eine Anzahl hochgebildeter jüdischer Bürger, dabei eine reiche und für das Bessere empfängliche Gemeinde, eine Regierung, die die Aufklärung aufrichtig will, eine heitre, loyale, freisinnige Umgebung. Und dennoch keine deutsche Predigt, dennoch kein gebildeter Seelenhirte H Ich werde Ihnen die Gründe ein ander Mat anführen, da sie heute außerhalb dem Bereiche meines Berichtes liegen. Ich komme zu Hrn. Dr. Kahn's Predigt zurück. Derselbe redete zwei Mal zu dem zahlreichen Publikum, einmal am Vorabende des Festes, in dem Lokale, wo die herrlich geschmückte, neue Tora stand, und dann am Feste in der Synagoge. Beide Reden waren wohl gewählt, dem Gegenstände sehr angemessen, und inhaltsschwer, und Hr. Dr. Kahn hat sich dadurch dem Verständigen als einen gebildeten, kenntnißreichen und hoffnungsvollen jungen Mann documentirt. Mit Text und Abfassung der Predigt, in der eine gesunde Logik und eine tiefe Kenntniß der Bedürfnisse und Wünsche des heutigen Judenthums hervorleuchteten, verschone ich Sie; es genüge, wenn ich Sie versichere, daß des jungen Mannes Worte einen mächtigen Eindruck auf Christen und Juden zurückließen und daß er seinen Beruf zum Kanzelredner glänzend bewährte. Auch der hiesige greise Rabbine sprach in öffentlicher Synagoge, deutsch so gut es ging, aber was er sprach war wohlgemeint und beherzigend werrh. Dieser alte Rabbine ist ein ehrenwerther Mann, tolerant sogar, und vor allen Dingen brav und rechtlich. Wir würden ihm aber dreifach lobende Prädicate beilegen, wenn er die Hand dazu böte, daß jeden Samstag, oder wenigstens alle vierzehn Tage von einem gebildeten Theologen eine deutsche Predigt vor der zahlreichen Gemeinde gehalten würde. Aber ich glaube nicht, daß er das je thun wird. — Was mm das Fest selbst betrifft, so könnte ich Ihnen erzählen, daß die neue Tora prozefsionsmaßig durch das Dorf getragen wurde, daß den Zug eine zahlreiche, festlich gekleidete Menge begleitete, daß von der israelitischen Schuljugend unter Leitungdes geschickten Vorsängers Lehmeyer, deutsche Choräle gesungen worden, daß Zug und Anordnung würdig, selbst musterhaft waren; ferner könnte ich Ihnen erzählen, oaß nach dem religiösen Theile des Festes tüchtig geschmaust und getanzt wurde, und daß man fröhlich war nach Herzenslust. Allein alles dieses mag ich hier nicht ausführen, und nur auf Eins will ich mich beschranken. Die Kosten dieser ganzen festlichen Veranstaltung, mit Inbegriff des Honorars für das Schreiben der neuen Tora, trugen einige wenige junge Männer und Mädchen, die sämmtlich unvermögend sind, und die bereits drei Jahre lang für dieses Fest wöchentlich vier Kreuzer von ihrem Ecsparniß zurücklegten. 4. Mainz, 14. Aug. (Privatmitth.). Ein erfreuliches Zeichen der loyalen Gesinnungen, die man in unsrer Gegend für die Juden hegt, ist der Umstand, daß man seit einiger Zeit auch jüdische Bürger zu Geschwornen bei den Assisen wählt. Es ist ein Recht, was dem jüdischen Bürger von Gottes und Rechts wegen zukömmt, allein es wurde dieses Recht gleichsam durch eine stillschweigende Uebereinkunft seit Jahren nicht geübt. Zur Zeit des französischen Regiems war es nichts Ungewöhnliches, daß man Juden unter der Jury traf, und obgleich wir bisher im Ganzen dieselbe Gesetzgebung hatten, als damals, so gab man in diesem Punkte dem Gesetze doch nicht die loyale Auslegung, und die Juden konnten diese heilige Pflicht des Bürgers lange nicht ausüben. Kürzlich aber haben einige der einflußreichsten hiesigen Juden dieser Angelegenheit eine besondere Beachtung gewidmet, und sie haben es durch löblichen Eifer bei der einschlägigen Behörde dahin gebracht, daß nicht nur Juden auf die Geschwornen-Listen kommen, sondern daß auch mehrere bereits als Geschworne bei Gerichts- Verhandlungen fungirten. Es versteht sich, daß bisher erst die angesehensten jüdischen Bürger als Geschworne fungirren; allein es wird nicht fehlen, daß in Zukunft jeder Jude, der in der bürgerlichen Gesellschaft sich eines guten Rufs erfreut, und ein bestimmtes Steuerquantum zahlt, zu der Würde eines Jury gelangen kann. Ich sehe darin einen bedeutenden Fortschritt. Das Geschwornen-Gericht ist nach unsrer französischen Gesetzgebung äußerst wichtig und bedeutsam;