Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1876)
- Date
- 1876-10-31
- Page
- Seite 715 (sequence 13)
- Language
- German
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715 auch dieses und borgte von seinen Freunden, um seine Familie unterhalten zu können; aber er that. keinen Schritt, um seinen Widersachern wenigstens die Macht aus den Händen zu nehmen. Ich sage keinen Schritt; denn eS hätte nur einer einzigen Aeußerung von ihm bedurft, um alle seine Gegner zu entwaffnen.... Zu der Zeit nämlich war das Ansehen von Souworoff größer als je; seine Meinung in der Administration maßgebend. Und mögen die klügeren Weltverbesserer der Neuzeit über feine Thätigkeit als Generalgouverneur von Petersburg denken, was sie wollen; gewiß ist es, daß er, um mit den Worten jenes römischen Kaisers zu sprechen, keinen Tag verloren hat, ohne unzählige gute und beglückende Werke vollbracht zu haben. Die ganze Zeit seiner Verwaltung ist nur eine Reihe von Segnungen und Wohlthaten, welche aus dem Willen und Herzen Alexander des Zweiten erst offen und durch Souworoff allen Unterthanen ohne Unterschied mitgetheilt wurden. Auch wir Juden können nur erst aus dieser Periode die Anfänge unserer Bürgerrechte im eigentlichen Rußland datiren. Was bis dahin geschah, waren nur Privilegien und Ausnahmsgesetze. Erst mit der Bestätigung Neumann's als Rabbiner von Petersburg ist unsere religiöse und mithin auch bürgerliche Existenz in Rußland zuzelaffen. *) Nur einem Souworoff in jener Zeit konnte es so rasch gelingen, diese Bestätigung zu erlangen und dieses, weil er einen Neu mann präsentirte. Denn alle an der Spitze der Verwaltung stehenden Männer jener Zeit kannten und ehrten den Rigaer Rabbiner. Nach zweijährigem Aufenthalte in der Residenz war sein Ansehn noch vielmehr nach außen gestiegen; dennoch ertrug er so viel Leid, so viel Kränkung, ohne je Souworoff oder seine andern Gönner davon etwas merken zu laffen. Wie oft haben ihn nicht seine nächsten Freunde dazu animirt, aber stets blieb er bei seiner Antwort: „Für mich habe ich noch nie den Fürsten oder jemand Anders mit einer Bitte belästigt." Aber für Andere, für das Allgemeine zu bitten wurde er nicht müde. Leider nahmen wir diese günstige Zeit nicht wahr, wo N. alles vermochte. Wir verzankten die paar Jahre mit Fragen, wie Fleischpacht einzurichten sei und wer Vorsteher sein sollte. Günzberg's Absicht, mit vereinten Kräften und einem nach den Bedürfniffen angelegten Plan, die allgemeinen Jntereffen zu fördern, konnte nicht mehr realisirt werden. Der maßlose Ehrgeiz und die krankhaft Herrschgier führte eine vollständige Zersplitterung unter die besten Kräfte herbei. Gegenseitiges Miß- 1) Das Gesetz vom Jahre 186.; ist nur eine Folge dieser Anstellung N's. in Petersburg. Nach diesem Gesetze hat jetzt das Ministerium des Innern das Recht, den sich im eigentlichen Rußland niedcrlasscnden Juden die Erlaubniß zu ertheilen, Gemeinden zu gründen und Rabbiner zu berufen. Corresp. 2) Bor elf Jahren habe ich gerade dasselbe einem Manne gegenüber ausgesprochen, der als unparteiischer Richter dieses noch heute bezeugen wird. Corresp. ttauen blieb nicht aus und so rückte die Förderung der allgemeinen Sache auf den zweiten Platz. Nur Einzelne ermannten sich, an dieselbe zu denken und die gehörigen Schritte zu thun. Selbstverständlich durste N. als Rabbiner nie eine Frage anregen — wenn aber die Initiative bereits geschehen, gebrauchte er fein ganzes Ansehu, um die Sache weiter zu fördern. — So haben die emeritirlen Soldaten aller Truppenabtheilungen durch N's. Bemühungen und Souworoff's Fürbitten das Domicilrecht im eigentlichen Rußland bekommen. So verdanken die Aerzte Neumann's Fürsprache die ihnen gewahrten erweiterten Rechte. Durch die Disharmonie unter den Leitern der Gemeinde dachte man nicht daran, daß wir gerade, so zu sagen, beim Eintritt in die russische Nation jede Gelegenheit wahrnehmen sollten, um Lebenszeichen von uns zu geben, um die Vorurtheile zu zerstreuen, die über uns herrschten. Viele traurige Stunden brachte daher N. zu, wenn solche Gelegenheiten unbenutzt vorübergingen; aber viele unruhige und sorgenvolle Tage verursachte er sich, wenn irgend eine Gelegenheit an ihn mächtig heranttat, die Gemeinde nach Außen zu vertreten und er dazu die Unterstützung des Vorstandes in Anspruch nehmen mußte. — Das schon längst im Entwürfe reife Gesetz, welches den jüdischen Handwerkern die volle Freizügigkeit gewährte, erschien im Sommer 1865. — Wie groß die Freude des Fürsten über dieses Gesetz war, geht schon daraus hervor, daß an demselben Tage, wo das Gesetz im Reichsrathe durchging, er diese Nachricht durch einen Adjutanten N. mittheilte. — Freude und Jubel herrschte in allen Häusern, wo Juden wohnten. Einen zweiten 19. Februar schuf dieses Gesetz für 3 Millionen bis dahin verkannten Unterthanen Rußlands. (Fortsetzung folgt.) Nachtrag. Pest, 22. October. (Privatmitth.) Soeben trifft hier die betrübende Kunde ein, daß der Rabbiner David Oppen hei m aus Gr. - Becskerek gestern in Wien seinem Leiden erlegen ist. Es ist das ein sehr empfindlicher Verlust nicht hur für seine Gemeinde, in der er nahezu zwanzig Jahre gewirkt hat, sondern auch für das ungarische Israel, das an Männern gleich Oppenheim leider keinen Ueberstuß hat. Er war ein emsiger Pfleger der jüdischen Wiffenschaft und bestimmt, an dem ^ungarischen Rabbinerseminar, das demnächst eröffnet wird, als Lehrer zu wirken. (Diese Nachricht bettübt auch uns in großem Maße. Wir besaßen in dem Verstorbenen einen wackern Correspondenten aus Ungarn und einen tüchtigen Kritiker neuhebräischer Werke. Redaction.)