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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-03 · Heft 40 (3.10.1876) · p. Seite 651

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 40 (3.10.1876)
Date
1876-10-03
Page
Seite 651 (sequence 13)
Language
German
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651 Schule abgelehnt, wodurch die betreffende Gemeinde gezwungen wird, auch ferner jährlich 260 Thlr. und mehr zur katholischen Ortsschule zu zahlen, obgleich sie seit 50 Jahren eine eigene Schule unterhält —, die freien Besprechungen lieferten den Beweis, wie sehr die Gemeinden aus Eigennutz, Herrschsucht und Mangel an Einsicht gegen ihre Schulen gesündigt haben, wobei es nur zu tief zu beklagen ist, daß die Lehrer unverdient die Folgen zu tragen haben. Wahrend man altkatholische Schulen, die oft nicht die Zahl der Schüler, wie jüdische Schulen, auszuweifen haben, begünstigt, ja öffentliche evangelische Schulen, die kaum zehn Schüler haben, bestehen laßt, hebt man jüdische Schulen auf. Wo ist da Consequenz, wo Parität? Muß man nicht überall und gegen Alle daffelbe Maß anwenden? — Die hiervon betrofsenenen Gemeinden find zu veranlaffen, bei derartigen Verfügungen sich nicht zu beruhigen, sondern den Jnstanzengang zu erschöpfen, nöthigenfalls sich an das Curatorium der Marx-Haindorf'schen Stiftung zu wenden, damit dieses ihre Sache vertrete und Abhülfe schaffe. Als durchaus nothwendig wurde es anerkannt, daß Sr. Excellenz der Unterrichtsminister, Herr Dr. Falk, von dieser Sachlage Kenntniß erhalte, damit derselbe Remedur eintreten lasten zu könne» in die Lage komme, wenigstens in dem zu erwartenden Unterrichtsgesetze diese Uebelstande beseitigt werden. Herr Blumenfeld - Esten erklärte sich bereit, die Sache dem Herrn Minister vorzutragen, wenn ihm die betreffenden Gemeinden und Lehrer die Sachlage, auf Acten gestützt, mittheilen wollen, wozu wir sie hiermit aufforvern. Als Ort der nächsten Conferenz wurde auf Einladung des Vorstandes Castrop und als Zeit die Pfingstwoche bestimmt. Aus die Tagesordnung der nächsten Conferenz wurde gesetzt: 1) Geschäftsbericht des Vorstandes, 2) über Anschauungsunterricht, Referent Ostwald-Witten, 3) die Jugenderziehung im Judenthume historisch entwickelt, Referent Hoexter, und 4) die Simultanschule vom Standpunkte des Judenthums betrachtet,' Res. Commissionär und Agent Mandel. Nachdem so die Tagesordnung erschöpft war, gab Präs. Blumenau ein Resum« der Verhandlungen, welches nochmals das Wirken für die Unterstützungscaffe warm empfahl und mit dem Wunsche —: Auf recht zahlreiches Wiedersehen in Castrop', schloß. Blumenfeld-Effen dankt in innigen Worten der jüdischen Gemeinde Bielefeld für ihre warme Theilnahme für die Jntereffen der Conferenz und die herzliche Aufnahme, die deren Mitglieder in ihr nun wiederholt gefunden haben. Der Abend vereinigte die Lehrer nochmals im Sitzungsfaale bei einer prächtigen Bowle, zu welcher der Gemeindevorstand eingeladen hatte. So schließen auch wir mit dem Wunsche: „Auf zahlreiches Wiedersehen im nächsten Jahre in Castrop'." Der Schriftführer R. Wolfsdorf. Vermischtes. Sontra (Heffen), 14. Sept. Am gestrigen Tage feierte der Lehrer Müller an der israelitischen Schule Hierselbst das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Dem würdigen Jubelpaare wurde dadurch eine besondere Auszeichnung und Freude zu Theil, daß ihnen von Ihrer Majestät der Kaiserin durch den dortigen Bürgermeister eine Prachtbibel nebst Begleitschreiben überreicht wurde. Das Ehepaar, welches sich des besten Wohlseins erfreut und dem von vielen Seiten die innigsten Glückwünsche und Aufmerksamkeiten dargebracht wurden, beging die Feier im Kreise der Familie auf das Fröhlichste. Berlin, im Sept. Unsere Leser werden sich noch des großen Aussehens erinnern, welches die Entdeckung der systematischen Beraubung der Sammelbüchsen auf dem hiesigen jüdischen Kirchhofe erregte und zwar um so mehr, als der Thäter in einem Beamten der jüdischen Beerdigungsanstalt ermittelt wurde, der bis dahin sich der allgemeinsten Achtung erfreute. Dieser Beamte, der Jnspector Lindenberg, stand am Donnerstag unter der Anklage der wiederholten Uaterschlagung vor den Schranken der IV. Criminaldeputation des Stadtgerichts. Der Vorstand der Beerdigungsanstalt hatte schon seit Monaten eine auffällige Mindereinnahme an Opferspenden auf dem Kirchhofe zu constaliren und wenn auch die Erwägung nahe lag, daß die flaue Geschäftszeit nicht ohne Einfluß auf die Opferfreudigkeil der Leidtragenden sei, so lenkte sich endlich doch die Aufmerksamkeit auf den Jnspector Lindenberg, der in letzter Zeit über größere Geldmittel zu verfügen schien, und die Büchsen auf dem Kirchhof auszustellen und für den Vorstand zu verwahren hatte. Am 23. April war eine größere Trauerversammlung auf dem Kirchhofe zu erwarten; der Vorstand legte in eine der Büchsen 20 Stück gezeichnete Geldstücke, und als nach der Feierlichkeit die Büchse geöffnet war, fehlten aus derselben zwei der gezeichneten harten Thaler, die sich in dem wohlgefüllten Portemonnaie des Lindenberg nebst einem nachgemachten Schlüffel zum Schlöffe der Büchse wiederfanden. Unter der Wucht dieses Beweises gestand Lindenberg auch sofort ein, die Büchsen vermittelst des angeblich gefundenen Schlüffels wiederholt bestohlen zu haben; in der gestrigen Audienz widerrief er jedoch dieses Geständniß unter der Behauptung, die Büchsen feien so defect gewesen, daß das Geld häufig aus der Deckelöffnung herausgefallen sei, was er sodann aufgelesen habe. Begreiflicherweise vermochte diese plumpe Ausrede keinen Eindruck auf die Richter zu machen, vielmehr wurde Lindenberg wegen wiederholter Unterschlagung zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt.

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