Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1876)
- Date
- 1876-09-26
- Page
- Seite 634 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227109--34789-3304695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
634 gialen Gesinnnungen uns bewußt, welche Sie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf das Liebenswürdigste uns bewiesen haben. Diese Ihre ehrenwerthen Gesinnungen sowohl, wie jene Ähre hervorragenden Leistungen legen uns die Pflicht auf, bei Ihrem Scheiden Sie unserer dankbaren Ergebenheit, bez. unserer aufrichtigen Hochachtung, Freundschaft und Anhänglichkeit mittelst dieser Zeilen zu versichern. — Möge es Ihnen ferner Wohlergehen und mögen Sie uns ein freundliches Andenken bewahren. — Schwerin, den 9. September 1876." Auch die Anfertigung dieser kalligraphischen Arbeit war dem Hofkalligraphen Herrn Albrecht anvertraut und von ihm geschmackvoll ausgeführt worden. Die Mappe selber war ebenfalls von den Herren Goltermann & Pincus geliefert. Eine erhebende Feier fand am Sonnabend in hiesiger Synagoge statt. Herr l>r. Feilchenfeld legte in längerer, zu Herzen gehender Rede die Verdienste des Herrn vr. Marcus um das Judenthum dar, für dessen heilige Zwecke er stets eingetreten sei. Zum Schluß wurde die dem Scheidenden zum ewigen Andenken gewidmete Botivtasel enthüllt. Diese Votivtafel ist circa 1 Meter lang und 75 Centimeter hoch. Sie besteht aus einer Kupferplatte mit Malachit, worauf in erhabenen goldenen Buchstaben folgende Inschrift angebracht ist: „Dem Advocaten vr. L. Marcus, ihrem Führer und Berather in 40 Jahren, dem Vorkämpfer für ihre Gleichberechtigung, dem Förderer aller ihrer heiligen Zwecke. Die Gemeinde Schwerins bei seinem Scheiden im September 1876." Der Rahmen ist in Goldbronze mit Lorbeeren ausgeführt. Es ist dies in der That ein kostbares Meisterwerk, welches nicht allein als unvergängliches Denkmal, sondern auch als Zierde des Gotteshauses dient. Nach Beendigung der Predigt trat eine Deputation des israelitischen Oberrathes auf die linke Seite des Heiligthums, gegenüber dem Stand des Herrn vr. Marcus, und verlas die nachstehende Anerkennung, welche darauf Herrn vr. Marcus überreicht wurde. Die Mappe trägt die Aufschrift: „Herrn vr. sin. L. Marcus, Mitglied des israelitischen Oberraths." „Hochgeehrter Herr Doctor! Verehrter Herr College! Bei Ihrem jetzigen Scheiden aus dem israelitischen Oberrathe ist es den Unterzeichneten Mitgliedern desielben Herzenspflicht, Ihnen, verehrter Herr, ihrem langjährigen Collegen und Senior, an reffen Namen sich der wicbligste Theil der Culturgeschichte der Israeliten Mecklenburgs knüpft, feierlichst auszusprechen, wie Sie seit dem Beginne Ihrer öffentlichen Wirksamkeit und bis heute in einem Zeitraum von 44 Jahren unter der besonderen landesväterlichen Huld zweier edlen Fürsten und dem wirksamen Beistände Allerhöchst Ihrer erleuchteten und wohlwollenden Räche ununterbrochen Ihre beste Kraft eingesetzt haben für die Erlangung der bürgerlichen Gleichstellung, für die sociale und religiöse Hebung Ihrer Glaubensgenossen, wie Sic durch Wort und That, vor Allem aber durch das nachahmungswürdige Beispiel Ihres öffentlichen und privaten Lebens mit erringen halfen, daß der Name „Jude" in Mecklenburg zu Ehren gekommen. — Aus voller Ueberzeugung bekunden wir, was einst der selige Gabriel Rießer für die Juden Deutschlands nach einer Seite gewirkt, das wirkten Sie für uns in erhöhtem Maße und nach allen Seiten hin. — Im israelitischen Oberrathe waren Sie seit seinem Bestehen durch Ihre hervorragenden Herzens- und Geistesgaben, wie durch Ihr reiches sachliches Wissen unsere Zierde — ein allezeit liebevoller College und unser kundiger Führer. — Durch alles Dieses haben Sie sich ein unverlöschliches Denkmal in unserem Collegium gesetzt. Ihr Name, als der Besten Einer, ist mit ehernem Griffel in den Tafeln der Geschichte unseres engeren Vaterlandes, in den Annalen des Judenthums verzeichnet und Ihr theures Vorbild wird nie aus unserer Seele schwinden. — Eine solche unvergleichlich hingebende Wirksamkeit steht erhaben da über jeglichem Dankvotum, ein heiliges Bedürfniß ist es aber, Zeugniß abzulegen, .daß wir solche in ihrem vollen Werthe zu ehren und zu schätzen wiffen. Mit tiefer Wehmuth sehen wir Sie, edlen Menschenfreund, von uns ziehen, so sehr uns auch die Nothwendigkeit einer wohlverdienten Ruhe nach den harten Kämpfen und der schweren Geistesarbeit eines halben Jahrhunderts offenbar ist. Nur unser einmüthiger Wille, nach Kräften in Ihrem Sinne für das Beste Israels weiter zu wirken, kann uns aufrichten. — So treten Sie denn mit Gott, der alle Ihre Thaten segensvoll geleitet, nach vollbrachtem edlen Tagewerk in den Sabbath Ihres Lebens ein, gestärkt durch die beglückende Nähe geliebter Kinder und Enkel für noch viele Jahre körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische, gehoben und getragen durch das schöne Bewußtsein, nach dem Besten für Ihre Glaubensbrüder, Ihre Mitmenschen, für unser theures Mecklenburg gestrebt zu haben, begleitet von unseren innigsten Segenswünschen. Die landesherrlichen Commiffarien fühlen sich gedrungen, geehrter Herr Doctor, gleichfalls ihr Bedauern auszusprechen, daß Sie aus dem israelitischen Oberrath ausscheiden. Ihnen für Ihre thätige Mitwirkung in demselben herzlich zu danken und daran den Wunsch für Ihr ferneres Wohlergehen zu knüpfen. Schwerin, den 9. September 1876. In unverlöschlicher Hochachtung die landesherlichen Commiffarien. Der Landesrabbiner. Die Mitglieder des Oberraths und deren Stellvertreter." Die Synagoge war bis auf den letzten Platz gefüllt und auch dies spricht im vollsten Maße dafür, wie sehr Herr Vr. Marcus es verstanden hat, sich die Liebe und Anhänglichkeit feiner Glaubensgenossen und Mitbürger zu erwerben und dauernd zu erhalten. Nach beendetem Gottesdienste wurde ihm vom Vorstande eine kleine Ausgabe dieser Botivtasel in derselben Ausstattung zur bleibenden Erinnerung für die neue Heimath überreicht. Auch der israelitische Frauenverein gab ihm, seinem Ehrenmitgliede, noch eine große wohlgelungene Photographie in stylvollem Rahmen, welche das Innere der Synagoge vorfiellt