Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1876)
- Date
- 1876-07-25
- Page
- Seite 481 (sequence 7)
- Language
- German
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481 ist auch, daß der Gebetmantel vor Mufsaph abgelegt werden soll, eine Vorschrift, deren Zweck nicht gut eingesehen wird. Angemessen ist, daß vor Beginn der Thoravorlesung diejenigen, welche zu ihr aufgerufen werden sollen, auf der Tribüne sich einzufinden und daselbst bis zum Schluffe zu verweilen haben, so daß von ihnen der Betreffende bei dem ihm vorzulesenden Abschnitt vor- und dann zurücktritt. Dadurch wird das störende Hinauf- und Hinunterlaufen während der Thoravorlesung vermieden. Wir haben diese angemeffene Einrichtung bereits in einigen Gemeinden vorgefunden. Auö Rheinland, 13. Juli. (Privatmitth.) Ein bei den Aufgeklärten der hiesigen Provinz viel verbreitetes Blatt, das wirkliche Bildung und echt nationalen Sinn zu wecken und zu befestigen sich bemüht, ist das „Nationale Wochenblatt". Es enthielt jüngst einen Borttag des Lehrers I. Gold stein „über Borurtheile", welchen dieser im Bürgerverein zu Grevenbroich am 5. März 1876 gehalten. Der treffliche, sehr frisch und lebendig gehaltene Vortrag richtet sich gegen die Borurtheile, die namentlich in der Rheinprovinz und Westphalen durch die Ultramontanen gegen die Juden angeschürt werden, und brandmarkt das berüchtigte Pamphlet: „Nicht Judenhatz rc." Der Freimuth, mit welchem Herr Goldstein sprach, der kräftige Appell an Verstand und Gewissen, dem er Ausdruck giebt, müssen die Aufmerksamkeit auf diesen Vortrag lenken, und machen es wünschenswerth, daß er in einem Separatabvruck in den beiden Provinzen noch mehr verbreitet werde. Oesterreich - Ungarn. Wien, 11. Juli. (Privatmitth.) „Wir sind quitt'." könnten wir Oesterreicher jüdischer Religion unsren preußischen Glaubensgenossen jetzt zurufen. Man war erstaunt, daß die jüdischen Abgeordneten in Wien und Pest bei den Verhandlungen über den rumänischen Handelsverttag eines der theuersten Grundrechte in der Person ihrer Glaubensgenoffen so wenig verteidigten, ja zum Theil dessen Verletzung befürworteten — es war dies eine Unterlassungssünde, die bei unsren eigenthümlichen Verhältnissen selbst noch einige Rechtfertigung zuließ. Die Juden im preuß. Abgeordnetenhause aber, welche noch niemals irgend ein noch so liberales Interesse ihrer Glaubensgenossenschaft vertheidigt oder beantragt haben — man müßte denn dahin rechnen, daß Lasker sich die Mandalur aller preußischen Juden anmaßte und in ihrem Namen erklärte, die Juden wollten keine Staatsunterstützung — dieselben Abgeordneten haben geradezu die feindseligsten Schläge nicht blos gegen das jüdische Gemeinde-, sondern auch gegen das jüdische Unterrichts- und Armenwesen geführt. Wir haben uns also nichts mehr vorzuwerfen. Das neue Gesetz ist nicht blos ein Ausnahmegesetz in Preußen, sondern auch im Judenthume selbst. Es ist übrigens unrichtig, wenn man das Gesetz das Lasker'sche nennt, da es doch feinen Ursprung lediglich Herrn R. S. Hirsch in Frankfurt verdankt, dessen eigenste Erfindung die Separation der Neuorthodoxen vom Judenthume ist. Lasker hat sich nur zur Trompete des Herrn Hirsch hergegeben. Die historische Gewissenhaftigkeit verpflichtet uns, dies zu bemerken und festzuhalten. Hier in Wien nimmt man übrigens, wie männiglich bekannt, die Dinge nicht so ernst und tragisch, denn wir glauben, sie machen sich doch so, wie es ihre innere Natur erfordert. Man lächelte daher hier über die hohen Worte res Herrn Lasker ob des jüdischen Martyriums, und zählte diese seine Expectoration zu den anderweitigen Excentriciräten des Mannes, wie seine „Mannesseele", seine „Aufsätze über die Erziehung" u. dgl., bei melchen man nicht hat ernst bleiben können.- So wären wir Europäer denn doch wieder zu dem Beweise gelangt, daß wir noch immer mir einem Fuße, und zwar mit dem rechten, mitten in der Barbarei stecken. Nicht daß die Serben mit den Türken in Krieg gerathen sind, rechnen wir dahin, sondern daß alle Welt von der Furcht ergriffen ist, Europa werde darüber in einen allgemeinen Brand gerathen. Dies bezeugt offenbar, daß wir Alle wissen, wie tief wir noch in der Barbarei stecken. Denn da es sich hierbei durchaus um keinen humanen Zweck handeln kann, sondern nur um die Hab- und Ländergier, welche das türkische Gebiet stückweise verschlingen möchte, und da der Krieg wahrlich nicht das Mittel ist, die Zwecke der Humanität zu befördern, sondern vielmehr deren Keime im Aufsprießen zu ersticken, so hat hier nur die Barbarei ihre Hand im Spiele. Wir wissen hier, daß jedes Stück Land, welches die Serben und Montenegriner von der Türkei losreißen, nicht der Civilifation zuführen, den Grundsätzen des Rechtes gewinnen heißt, sondern eher das Gegentheil. Dafür können wir schon die Behandlung der Juden anführen, die in Serbien die inhumanste, unrechtmäßigste ist, während sie in der Türkei ein viel besseres Loos genießen. Schließlich wird durch diese Vorgänge, auf welcher Seite auch der Sieg verbleibe, der nationale und religiöse Haß auf's Stärkste entflammt. Am meisten verspottet man hier die Diplomatie, die in ihrer Engherzigkeit und Kleingeisterei mit kleinlichen Mitteln das zu erreichen glaubt, was ihr an Energie und Entschiedenheit gebricht. Hätte Oesterreich von vornherein erklärt, daß es jeden serbischen Aufstand gegen die Türkei als einen Casus Belli gegen Serbien anschen werde, so würde dieser Krieg unterblieben sein, und Rußland hätte schwerlich sich deshalb zu einer kriegerischen Aclion bewegen lassen, die es in Europa doch nur isolirt und mächtige Gegner hätte finden lassen. Auch für Graf Andrassy bedeutete vielleicht der rumänische Handelsvertrag einen Wendepunkt seines Glückes. — Der Fall, über welchen in Nr. 28 dieser Zeitung berichtet werden, nämlich der Verhinderung eines Scheidungsacres durch die übermäßige Forderung von Gebühren seitens des hiesigen Rabbinats hat viel Aufsehen und Entrüstung hervvrzerufen. DaS Judenlhum hat bekanntlich niemals Taxen und Tarife für religiöse Acte und kirchliche Handlungen, noch dazu hohe geliebt, und die Grund-