Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1876)
- Date
- 1876-07-18
- Page
- Seite 468 (sequence 10)
- Language
- German
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468 welchen die Juden so wenig Gemeinsinn besitzen, wie in Rumänien. — Zur gehörigen Illustration des Gesagten diene der Umstand, daß wir im ganzen Lande keine einzige, nur halbwegs orzanisirte Gemeinde haben. Gemeinden, die zehn bis zwanzig Tausend Juden zählen — und solche giebt es mehrere im Lande — haben, mit Ausnahme von Braila, kein gemeinschaftliches Gotteshaus und keinen eigentlichen Seelsorger. Nirgends eine Schule, nirgends ein Krankenhaus. — Unsere größte Juvenzemeinde kann nicht so viel an Gemeindegut oder Gemeindeanstalten aufweisen. als eine nur 50 Familien zählende Gemeinde in Deutschland oder Oesterreich. Die kleinen protestantischen Gemeinden hierzulande beschämen uns durch ihre netten Gotteshäuser, ihre wohlunterrichteten Prediger, ihre musterhaften Knaben- und Töchterschulen. — Und suchen wir auf den Grund dieser mißlichen Zustände zu kommen, so nehmen wir so viele Gebrechen und Uebel wahr, daß wir nicht wiffen, welche die größer» sind, und gelangen zur betrübenden Ueberzeugung, daß diesem Zustande gar nicht oder nur schwer abzuhelfen sei, weil derselbe in den hierorts obwaltenden eigenthümlichen Verhältniffen und zunächst in dem Volkscharakter der hierländischen Juden selbst seinen Ursprung hat. — Das erste und größte Uebel ist jenes Heer von Finsterlingen, die bei jedem Versuche zur Ordnung unserer verwahrlosten Gemeindeinterefsen Zeter schreien und alle Hebel in Bewegung setzen, unsere Anstrengungen zur Verbefferung unserer unerquicklichen Zustande zunichte -zu machen. Die Erfahrungen beweisen, daß es ihnen bisher immer gelungen ist, den alten Schlendrian in seine volle Herrschaft wieder einzufetzen. — Diese schmutzigen, unwissenden Finsterlinge, Chassidim genannt, an deren Spitze ebenso unwiffende Rabbiner stehen, deren ganzes Wiffen sich auf Mährchen von „Sadogora, Buhusi", oder wie sie sonst heißen, die geheiligten Sitze der betrogenen und betrügenden Wuuderrabbis — und im besten Falle auf den schlechtverstandenen und falsch ausgelegten Text des Talmud und Schulchan-Aruch beschränkt, scheuen keines, auch nicht das niedrigste Mittel, diejenigen zu bekämpfen, die das Gute wollen und an- Es wird kaum eine einzige größere Judengemeinde im Lande geben, wo nicht schon zu wiederholten Malen Schulen und Krankenhäuser in's Leben gerufen wurden. Aber wie lange bestanden diese? Nur sehr kurze Zeit! Da wir zur Erhaltung dieser Anstalten kein anderes Mittel haben, als die Besteuerung res Fleisches, so ist es den Muckern ein Leichtes, diese Steuer zur Unmöglichkeit zu machen. Das Princip unserer Landesregierung, in Cultusangelegenheiten nicht zu interveniren, läßt den Feinden des Fortschrittes und der Aufklärung freies Spiel. — Ein zweites Grundübel unserer mißlichen Zustände ist die Gesinnungsungleichheit unserer Glaubensgenoffen, die allenthalben zu Tage tritt, wo der Zweck die unbedingte Einigkeit erheischt. — Die wenigsten im Lande lebenden Juden sind Eingeborene; die größere Mehrzahl derselben ist vor so und so vielen Jahren aus Rußland und dem österreichischen Theile Polens eingewandert. Wir haben es somit hier mit russischen, polnischen. rumänischen und hispanischen Juden zu thun, welche einander nicht mit der größten Sympathie begegnen. Denn alle diese, aus den verschiedenen Ländern stammenden Juden, haben, statt sich untereinander zu amalgamiren, ihre aus dem resp. Mutterlande hergebrachten Borurtheile und Leidenschaften beibehalten, aus welchen Meinungsverschiedenheiten resultiren, die in den meisten Fällen zur Folge haben, daß die Einigkeit nur schwer hergestellt, dagegen die Reaction leicht herbeigeführt wird. — Aber ebenso gemeinschavlich wie die Unwissenheit und Gesinnungsverschiedenheit, ist der Jndifserentismus der Vornehmen ober Geldaristokraten. Diese betrachten sich als Fremde im Lande und in der Gemeinde, blos dazu, um möglichst viel Geld zu erwerben, und des günstigen Zeitpunktes stets gewärtig, mit den erworbenen Gütern das Land zu verlaffen. Ihre Kinder bringen sie in auswärtige Institute und kümmern sich um das Elend ihrer Glaubens- und Gemeindegenoffen nicht weiter. Sie spenden wohl größere Summen, aber nur für ausländische Institutionen, zeichnen auch nicht unbedeutende Beträge, aber bei auswärtigen Subscriptionen; denn dort sind sie sicher, ihre Namen in den Spalten irgend einer Zeitung verherrlicht zu lesen. Eine bescheidene, kein Aufsehen machende gute Thal verschmäht der vornehme Banquier. — Näheres über unsere Zustände behalte ich mir vor, folgen zu lasten, bei welcher Gelegenheit ich mich über die bereits einen großen Theil des Landes umfastenden Zionsschulen und die sich gleichfalls ausbreitende Sternloge aussprechen werde. .—r. —. Rußland. Warschau, im Juni. (Privatmitth.) In Folge des kürzlich erfolgten Todes des Profeffors der Anatomie an der hiesigen Universität, Herrn Ludwig Hirschfeld, bildet die Judenfrage in den meisten hiesigen Blättern das Hauptthema. Don allen Seiten erkennt mau an, welche charakteristische Wendung die öffentliche Stimmung im letzten Jahrzehnt zu Gunsten der Juden genommen, und wie sich dies besonders bei dem Leichenbegängniffe Hirschfeld's documentirte. Mit Freimuth gestehen die liberalen polnischen Zeitschriften ein, wie schwer seitens der Polen seit den Zeiten der Piafien und Jagiellonen gegen die Israeliten gesündigt worben, und wie viel noch jetzt gut zu machen ist. Seit dem Jahre 1859 stehen den Israeliten freilich sowohl die mittleren, als höheren Lehranstalten offen, aber da noch immer der Staatsdienst uns theilweise verschloffen ist, so wendet sich die Mehrzahl unserer Glaubensgenoffen dem Studium der Medicin und Jurisprudenz zur Erlangung einer Advocatur zu, wodurch ihnen unabhängige Stellungen in Aussicht stehen. Jetzt befinden